Titel: Einrichtungen für Materialprüfung durch das Reich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 309/Miszelle 3 (S. 219)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj309/mi309mi11_3

Einrichtungen für Materialprüfung durch das Reich.

In seiner Sitzung vom 29. Januar 1898 hatte der Reichstag beschlossen, den Reichskanzler zu ersuchen, dem Reichstage wegen Herstellung geeigneter Einrichtungen für das Materialprüfungswesen durch das Reich eine Vorlage zu machen. Der Staatssecretär des Innern, Staatsminister Graf Posadowsky, hatte in der Verhandlung über diesen Antrag das Bedürfniss einer Materialprüfungsstelle für das Reich anerkannt und nur die Frage noch als offen bezeichnet, ob das Reich eine eigene Versuchsanstalt errichten oder ob es der preussischen Versuchsanstalt einen einmaligen Zuschuss zur Erweiterung und dann einen fortgesetzten Unterhaltungszuschuss gewähren sollte. Nunmehr hat der Deutsche Verband für die Materialprüfungen der Technik an den Reichskanzler eine Eingabe gerichtet, worin dargelegt wird, dass die bestehenden Landesanstalten mittelbar und unmittelbar in hervorragender Weise zum Segen der deutschen Industrie auf den verschiedensten Gebieten gewirkt haben. Es müsse deshalb vermieden werden, dass eine Reichsversuchsanstalt im ungleichen Wettkampf mit den Landesanstalten das Ansehen der letzteren beeinträchtigen und dadurch zu deren Verkümmerung oder wohl gar zu ihrem völligen Eingehen führen könnte. Denn es sei klar: 1) dass die Unterrichtsaufgaben auf dem Gebiet der Materialprüfung nur durch die Landesanstalten in Verbindung mit Hochschulen gelöst werden können; 2) dass es für eine grosse Reihe von Forschungsarbeiten von höchstem Werthe ist, die Landesanstalten in ihrer völligen Unabhängigkeit zu erhalten, um einer grösseren Zahl von Männern der Wissenschaft die Möglichkeit zu wahren, ganz und gar aus eigenem Antrieb, unbeeinflusst durch höhere Weisung oder Anleitung, sich denjenigen Aufgaben zu widmen, zu denen sie selbst sich berufen und befähigt fühlen. 3) Auch von den „praktischen Arbeiten“, den gegen Entgelt zu erledigenden Aufträgen der Behörden und der Privatindustrie, wird ein grosser Theil durch mehrere Landesanstalten zweckmässiger und schneller zu besorgen sein, als durch eine Centralanstalt – und auf schnelle Erledigung ist hierbei in den meisten Fällen besonderer Werth zu legen! Es ist von Wichtigkeit, dass auf diesem Gebiete die Versuchsanstalten mit ihren Auftraggebern lebendige persönliche Fühlung bewahren. Alle diese Gründe sprechen für die Nothwendigkeit, die Landesanstalten zu erhalten und auf das kräftigste zu fördern. Dagegen sprächen Gründe, wie die hohen Anschaffungskosten für Prüfungsapparate, die einheitliche Regelung der Prüfungsmethoden, die sich immer mehr steigernde Nothwendigkeit der Ausdehnung der Prüfungen, dafür, dass das Reich mit seinen Mitteln eintrete. Der Deutsche Verband für die Materialprüfungen der Technik fasst schliesslich sein Ersuchen dahin zusammen, dass einmal der Reichskanzler für die Schaffung eines technischen Reichsamtes sorgen wolle, das die Aufgaben des Materialprüfungswesens zu bearbeiten hat, ohne die Wirksamkeit und die Selbständigkeit der bestehenden Landesanstalten zu beeinträchtigen, und sodann, dass er für die Zwecke dieses Reichsamts schon in den nächstjährigen Etat ausreichende Geldmittel einsetzen wolle. (Schwäb. Merkur.)

Der Verein deutscher Ingenieure fasste in seiner 39. Hauptversammlung seine diesbezüglichen Wünsche in folgendem Beschluss zusammen, welcher in einer Eingabe vom 5. Juli d. J. dem Reichskanzler unterbreitet wurde.

Die Absicht der Reichsregierung, das Materialprüfungswesen kräftig zu fördern, begrüsst der Verein deutscher Ingenieure aufs freudigste. Eingedenk der grossen Dienste, welche die vorhandenen deutschen Materialprüfungsanstalten der Industrie und den technischen Wissenschaften bisher schon geleistet haben, und in der Erwägung, dass diese Anstalten für zahlreiche und wichtige Aufgaben auf dem Gebiete des Materialprüfungswesens unentbehrlich sind, hält es der Verein deutscher Ingenieure im Falle der Errichtung einer Reichsanstalt für die Materialprüfungen der Technik für unerlässlich, dass die öffentlichen Versuchsanstalten der einzelnen Bundesstaaten in voller Gleichberechtigung neben der Reichsanstalt bestehen bleiben und trotz der Errichtung der letzteren mit reichen Geldmitteln ausgestattet werden; für ebenso unerlässlich hält er, dass in das für die Reichsanstalt zu bildende Curatorium ausser den Vorständen der Versuchsanstalten der einzelnen Bundesstaaten und den Abgeordneten technischer Staatsbehörden hervorragende Vertreter der ausführenden Technik, insbesondere der Industrie, berufen werden, und dass dem Curatorium ein weitgehender Einfluss auf den Arbeitsplan und die Thätigkeit der Reichsanstalt sowie bei Aufstellung des Etats derselben eingeräumt wird.

Für die Ausführung der von der Reichsregierung beabsichtigten Schritte stellt der Verein deutscher Ingenieure bereitwilligst seine Mitwirkung zur Verfügung und spricht den Wunsch aus, dass es ihm vergönnt sein möge, Sachverständige zu den von der Reichsregierung in Aussicht genommenen Berathungen zu entsenden.

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