Titel: Ueberlastung der Sicherheitsventile.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1898, Band 309/Miszelle 2 (S. 240)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj309/mi309mi12_2

Ueberlastung der Sicherheitsventile.

Ueber gefährliche Missbräuche auf Rhein-Schleppdampfern wird im dritten Vierteljahrsheft der Statistik des deutschen Reichs folgender Bericht des rheinischen Dampfkessel-Ueberwachungsvereins wiedergegeben.

Die Explosion auf dem Boote Käthchen gab der Westdeutschen Binnenschiffahrts-Berufsgenossenschaft zu Duisburg Veranlassung, durch Schreiben vom 7. Juli 1897 darauf aufmerksam zu machen, dass eine Ueberlastung der Sicherheitsventile bei den Dampfkesseln der Rheinboote sehr häufig vorkäme, wodurch schon öfter Unglücksfälle hervorgerufen seien. Gleichzeitig fragte die Genossenschaft beim Verein an, welche Mittel und Wege wohl eingeschlagen werden könnten, um diesen Uebelstand zu beseitigen. Auch von anderer Seite war bereits hierauf hingewiesen worden, so z.B. in dem Jahresbericht der Niederrheinischen Dampfschleppschiffahrts-Gesellschaft zu Düsseldorf, welcher Bericht auszugsweise in den verschiedenen Zeitungen unseres Bezirks veröffentlicht wurde. Nach allem diesen schien man in den betheiligten Kreisen anzunehmen, dass das Ueberlasten von Sicherheitsventilen auf den Rheinbooten allgemein gang und gäbe sei, ohne dass dies dahin thatsächlich festgestellt war. Die Kesselrevisionen auf den in Fahrt befindlichen Schiffen vorzunehmen, hat, namentlich wenn man das Personal dabei überraschen will, allerdings seine ausserordentlichen Schwierigkeiten, da man ja dabei die Fahrt des Schiffes nicht unterbrechen darf, doch musste dies einmal ausgeführt werden, wenn man einen klaren Blick über den auf den Schiffen herrschenden Betrieb bekommen wollte. Der Revisor unternahm am 23. Juli v. J. mit einem ihm zu diesem speciellen Zweck zur Verfügung gestellten kleinen Dampfboot eine Fahrt auf dem Rhein, welche, in Düsseldorf beginnend, bis nach Orsoy ausgedehnt wurde. An dieser Fahrt betheiligten sich der königl. Regierungs- und Gewerberath Theobald und der königl. Gewerbeinspector Simons, beide aus Düsseldorf. 16 Dampfschiffe, welche zum grössten Theil sich auf der Bergfahrt befanden, wurden besucht, und ist dabei festgestellt worden, dass eine Ueberlastung der Sicherheitsventile thatsächlich in einem grösseren Umfange stattfindet, als man erwartet hatte, denn von diesen 16 Schiffen, von denen noch 2 ausser Betrieb waren, hatten 8 überlastete Sicherheitsventile. Die Einrichtungen zur Ueberlastung bestanden theils darin, dass noch besonders schwere Gewichte angehängt waren, theils in einem vollständigen Absteifen des Ventilhebels gegen die Decke des Kesselraumes oder auch in dem Einsetzen einer Schraube oder eines besonders abgepassten Stückes zum vollständigen Niederhalten des Ventilhebels. Die Revision hat also ergeben, dass thatsächlich bei sehr vielen Rheindampfern, und zwar namentlich bei den kleineren Schleppbooten ein Ueberlasten der Sicherheitsventile in der Absicht vorgenommen wird, mit einer nicht unwesentlich höheren Dampfspannung zu fahren, als für welche die betreffenden Kessel concessionirt sind. Die Dampfmaschinen sind bei der höheren Dampfspannung naturgemäss leistungsfähiger, und ist das Dampfboot in der Lage, eine grössere Schlepplast zu befördern und dadurch mehr Geld zu verdienen. Es würde deshalb keinen grossen Einfluss ausüben, wenn die Leute für diesen ungesetzmässigen Zustand nur mit einer kleinen Geldstrafe belegt würden, wie dies bis jetzt immer seitens des Gerichts geschehen ist, wenn eine Ueberlastung der Sicherheitsventile oder ein Ueber schreiten der Dampfspannung zur Anzeige gebracht werden. Die Schiffseigenthümer würden einfach calculiren, dass sie bei überlasteten Ventilen durch den erzielten höheren Schlepplohn trotz der eventuell zu zahlenden Geldstrafe immer noch eine höhere Einnahme hätten. Soll dem Uebelstand wirklich abgeholfen werden, so wird eine exemplarische Bestrafung der betreffenden Leute nothwendig sein. Berücksichtigt man, dass bei den gefundenen Einrichtungen theils ein Functioniren der Sicherheitsventile unmöglich gemacht wurde, und theils durch das Ueberlasten derselben die höchste zulässige Dampfspannung fast um das Doppelte überschritten werden konnte, so wird man das Gefährliche eines derartigen Verfahrens einsehen. Zu verwundern ist es dann nicht mehr, dass in Folge der übermässig hohen Betriebsdampfspannung, welche meist zu der Kesselconstruction in keinem Verhältniss steht, Explosionen vorkommen, die stets Verluste an Menschenleben im Gefolge haben. Man kann sich höchstens nur noch wundern, dass derartige Explosionen nicht öfter vorkommen.

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