Titel: Dezimalteilung des Kreisbogens.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 313/Miszelle 1 (S. 29–30)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj313/mi313mi02_1

Dezimalteilung des Kreisbogens.

Allen denen, die mit Winkeln und Kreisbogenstrecken zu rechnen haben oder Instrumente mit geteilten Kreisbogen herstellen, wird es von Wert sein zu erfahren, dass voraussichtlich in einigen Jahren die Teilung des Bogenquadranten in 100 Grade eingeführt wird! Es handelt sich da nicht etwa nur um ein Projekt, sondern die Angelegenheit befindet sich bereits im Stadium der sehr kostspieligen Erprobung auf dem Gebiete der Schiffahrt.

An Projekten zur Reform der Kreisbogenteilung hat es ja seit der Zeit der Begründung des metrischen Systems nicht gemangelt, aber selbst der Radikalismus der damaligen französischen Republikaner scheute vor den anscheinend unüberwindlichen Schwierigkeiten einer Durchführung der beabsichtigten Reform zurück; man war der Meinung, dass gleichzeitig mit der Dezimalteilung des Kreisbogens eine solche der Zeit durchgeführt werden müsse und sich beide gegenseitig dermassen forderten, dass eine ohne die andere ihr Ziel verfehle, denn in den Rechnungen der Astronomie, Geographie und Schiffahrt sind ja oft Zeit- und Bogengrössen voneinander abhängig. Nun ist aber die Duodezimalteilung der Tageszeit und die Einteilung der Stunden in 60 Minuten, Sekunden u.s.f. allen Gesellschaftsklassen in allen Kulturländern dermassen zur Gewohnheit geworden, dass sie deren Verdrängung durch eine Dezimalteilung grossen Widerstand entgegensetzen würden, und einen nach Ansicht des Berichterstatters aus dem Grunde wohlberechtigten, weil sie das Opfer aller unserer jetzt benutzbaren Uhren fordern würde. Unter diesen in Wahrheit ungemein ungünstigen Aussichten der Zeiteinteilungsreform, die noch dadurch verschlechtert wurden, dass man die Teilung in sehr verschiedener Weise eingerichtet zu sehen wünschte, hatte aber auch der Plan der Neueinteilung des Kreisbogens mitzuleiden, weil man eben beiderlei Reformen für unzertrennlich erachtete. Vor kurzem hat aber die Kommission, die vom französischen Unterrichtsminister zur Prüfung aller seitens verschiedener geographischen Gesellschaften aufgestellten Projekte dieser Art eingesetzt wurde, sich zu dem Versuche entschlossen, die Reform der Kreisbogenteilung allein vorzunehmen; den Bedürfnissen der Astronomie, Geographie und Schiffahrt hofft man schon dadurch genügen zu können, dass man die Zifferblätter der astronomischen Pendeluhren und der Schiffschronometer noch mit einem dezimal geteilten Kreisbogen ausstattet, so dass man ähnlich wie von unserem bergmännischen Kompass ausser Stunden auch noch Bogenstrecken ablesen kann. Die Aussichten der gesonderten Durchführung der Reform der Kreisbogenteilung hält man aber deshalb für günstige, weil sie einer wesentlich grösseren Menschenzahl Vorteile zu bringen verspricht als wie die Zeitteilungsreform, und zwar ohne die übrige Menschheit zu schweren Opfern zu zwingen; von ihr werden nämlich alle Nutzen ziehen, die mit Winkel und Bogen zu rechnen haben, und da diese genügend aufgeklärten Kreisen angehören, erwartet man, dass sie sich als Freunde einer nützlichen Reform erweisen werden. Ueberdies kommt diese ja einem bereits lebhaft empfundenen Bedürfnisse entgegen, das schon zu Massnahmen der Selbsthilfe getrieben hat, da mehrere geodätische und geographische Institute, wie Gradmessungsbureaus, in Frankreich auch der Genie militaire und der Service geographique de l'armee, sowie eine grosse Zahl von mathematisch Gebildeten aller Länder sich bei ihren Rechnungen der Tafeln von Bremiker bedienen, in denen der Grad nicht in 60 Minuten, sondern dezimal geteilt ist.

E. Guyon, dessen Mitteilungen an die französische Akademie (vom 15. Mai d. J.) diese Angaben entnommen sind, legte auch schon Ephemeriden, Logarithmentafeln der trigonometrischen Formeln und Navigationsformeln vor, die der Neuteilung des Kreisbogens angepasst und neu berechnet sind. Zu dem Entschlusse, |30| den Bogen des rechten Winkels anstatt des vollen Kreisbogens der Neueinteilung zu Grunde zu legen, kam die Kommission deshalb, weil auch das metrische System auf der Dezimalteilung eines Quadranten, nämlich des Meridianquadranten im Niveau des Meeresspiegels, beruht, und weil ferner diese Teilung die Quadrantenwechsel sowie die Additionen und Subtraktionen halber und ganzer Kreisbogen, die in den Rechnungen so häufig vorkommen, am leichtesten auszuführen gestattet.

In wohlthuendem Kontrast zu der Einführung des metrischen Systems, die seiner Zeit unvermittelt und sprunghaft erfolgte, will man die neue Bogenteilung nicht sofort ein- und durchführen, sondern sie zunächst unter schwierigen Verhältnissen erproben, nicht nur um ihre Vorteile für die Praxis nachzuweisen, sondern auch um zu erkennen, ob sie wirklich unabhängig von einer Reform der Zeiteinteilung durchzuführen geht. Diese Versuche sind leichtbegreiflicher Weise nur auf dem Gebiete der Schiffahrt zu machen und hat die Kommission, die sie wünschte, sie auch vorbereitet, während sie vom Gradmessungsbureau mit Unterstützung des Marinedepartements geleitet werden. Man hat unter solchen Schiffen, die nie längere Zeit in Häfen rasten, eine Anzahl ausgewählt und für eine Versuchsperiode von 9 Monaten einerseits mit neuen, der Reform angepassten Chronometern und dezimal geteilten Sextanten, deren Kosten die Marineverwaltung übernahm, andererseits mit den neuberechneten Ephemeriden, Logarithmentafeln, Navigationsformeln und einigen zugehörigen Hilfstafeln, sowie Seekarten ausgestattet. Dieser Instrumente und wissenschaftlichen Hilfsmittel sollen sich die hierzu besonders verpflichteten Schiffsoffiziere bei allen Beobachtungen und Berechnungen bedienen, die sie als Schiffsführer auszuführen haben. Dagegen wurde der Navigationsschule und einer Anzahl von Professoren der Hydrographie der Auftrag erteilt, zu erwägen, welche Erleichterungen der Unterricht in der Navigationsrechnung von der Reform zu erhoffen hat.

Textabbildung Bd. 313, S. 30

Von dieser Erprobung ist nun wohl zu erwarten, dass sie befriedigende Ergebnisse zeitigt und dass daraufhin in Frankreich die Dezimalteilung des rechten Winkelbogens demnächst durchgeführt wird. Dann wird es aber wohl nicht lange dauern, dass man sie auch überall dort einführt, wo das metrische System und auch übrigens, z.B. im Münzwesen, die Dezimalteilung bereits eingebürgert ist. Wir werden also vermutlich noch in der Mehrzahl am eigenen Leibe die Begleiterscheinungen der Reform empfinden, nämlich die Veraltung aller wissenschaftlichen Instrumente mit nach herkömmlicher Weise geteilten Bogen, der zu deren Herstellung dienenden Apparate, unserer Logarithmentafeln u.a.m. Um grösseren Schaden zu vermeiden, kann man sich ja aber auf das voraussichtlich Kommende bei Zeiten einrichten und nur Instrumente kaufen bezw. fertigen, deren Bogen sowohl nach der alten wie der neuen Art geteilt sind.

O. L.

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