Titel: Ballonhalle zum Luftschiff des Grafen v. Zeppelin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 313/Miszelle 2 (S. 94–96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj313/mi313mi06_2

Ballonhalle zum Luftschiff des Grafen v. Zeppelin.

Nach dem Zeppelin'schen Grundmodell, das durch D. R. P. Nr. 98580 geschützt ist, wird das neue, über 100 m lange Luftschiff eine ungemein schlanke Gestalt haben. Zeppelin nennt sein Werk einen „lenkbaren Luftfahrzug mit mehreren hintereinander angeordneten Tragkörpern“. Das ganze Luftschiffwerk (Fig. 1) ist aus mehreren beweglich miteinander verbundenen Fahrzeugen zusammengesetzt; dadurch wird bei Verletzung einzelner Kammern durch mechanische Kräfte das Hinunterstürzen des ganzen Luftschiffes verhindert. Die feste Form der Gesamtkonstruktion wird durch ein Gerippe aus Röhren, Drahtseilen und Drahtgeflechten gewährleistet. Die Verbindung des Zugfahrzeuges mit den Lastfahrzeugen geschieht durch Kuppelung. Unter dem Fahrzeug befinden sich, fest miteinander verbunden, zwei oder mehrere Gondeln zur Aufnahme der Führer, Triebwerke und des Betriebsmaterials. Jedes Triebwerk bethätigt zwei zu beiden Seiten des Tragcylinders ungefähr in der Höhe des Widerstandszentrums angebrachte Luftschrauben. Durch das gegebene Gewicht eines Aluminiummotors (System Daimler) wird die zu seiner Hebung erforderliche Gasmenge bestimmt. Zu dieser tritt die Gasmenge hinzu, deren Auftrieb dem Gewicht des übrigen Fahrzeuges entspricht. Die Ausdehnung des Gases durch Wärme und Sonnenschein |95| wird ausgeglichen, indem man das Gas teilweise in Reserveräume überleitet, so dass der cylindrische Ballon nicht platzen kann und doch kein Gas verloren geht. Die Seitensteuerung erfolgt durch zwei Seitensteuer, die oben und unten an dem Vorderteil des Luftfahrzeuges angebracht sind. Die Lastfahrzeuge sind im wesentlichen von derselben Einrichtung; es fehlen ihnen jedoch die Triebwerke und die Räder zur Seitensteuerung. In den unter den Lastfahrzeugen angebrachten Gondeln befindet sich die Bemannung, Passagiere, ein Teil der Betriebsvorräte für Fahrten von langer Dauer, ausserdem enthalten sie einen Wasservorrat. Letzterer dient als Ballast und wird auch zur Herstellung des Gleichgewichts zwischen den verschiedenen Fahrzeugen benutzt. Das Fahrzeug hat einen Rauminhalt von nahezu 10000 cbm. Nach den Berechnungen des Erfinders soll es eine Geschwindigkeit von 10 m in der Sekunde besitzen, soll sich bis auf 1100 m erheben, bis 1900 kg Belastung tragen und eine Woche lang in den Lüften bleiben können.

Textabbildung Bd. 313, S. 95

Mit Rücksicht darauf, dass ein langgestreckter Ballon fast nur mit dem Wind aus seiner Halle herauszubringen ist, hatte Graf Zeppelin schon früher eine schwimmende, um ihren Ankerpunkt sich drehende und in die jeweils herrschende Windrichtung sich einstellende Montierungshalle für sein Luftfahrzeug vorgesehen. Als Ankerplatz für die Halle wurde die Bucht bei Manzell am Bodensee gewählt, als besonders durch ihre Lage geeignet zum Aufstieg des Luftfahrzeugs. Die Entwürfe zu diesem kolossalen Bau rühren her von Baurat Tafel aus Stuttgart, Ingenieur Hugo Kübler, Vorstand der „Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt“ und Hof Werkmeister Hangleiter aus Stuttgart, welch letzterem auch die Bauausführung übertragen wurde. Trotzdem für einen derartigen schwimmenden Bau wenig Erfahrungen vorlagen, hat sich doch die Konstruktion als äusserst solid und stabil erwiesen, besonders bei dem Mitte Mai stattgehabten Föhnsturm.

Wie Fig. 2 bis 4 zeigen, besteht der Bau aus zwei Teilen, einem äusseren, welcher die Wände und das Dach trägt, und unter Wasser verbunden ist, und einem inneren, welcher, auf besonderen Pontons ruhend, ausziehbar ist, und somit gestattet, das auf ihm montierte Luftfahrzeug, auf ihm festgehalten, auszufahren und von ihm aus in die Höhe steigen zu lassen; umgekehrt wird der zurückkehrende Ballon auf diesem Floss festgehalten und mit ihm wieder in die Halle eingefahren.

Textabbildung Bd. 313, S. 95

Der äussere Bau hat eine Länge von 112 m, eine Breite von 23,1 m und eine Höhe über Wasser von 23,5 m und einen Tiefgang von 80 cm. Derselbe ruht auf 51 hölzernen, vollständig geschlossenen und in zwei Reihen dicht aneinander gereihten Pontons von 1,45 m Höhe, 4 m Breite und 6 m Länge. Das Mittelfloss von 12 m Breite und 116 m Länge ruht auf 44 in zwei Reihen angeordneten Pontons von 1,10 m Höhe, 2,6 m Breite und 5,8 m Länge. Sämtliche Pontons wurden auf einer geneigten Ebene miteinander verbunden und nach Bedarf ins Wasser geschoben, um hinten weitere Pontons anzuschliessen. Nach Fertigstellung des Pontonunterbaues wurde die Halle an eine im See verankerte Boje gebracht. Der Anker besteht aus einem wasserdichten Holzkasten von 4 m Breite, 4 m Länge und 2,6 m Höhe, in welchen Beton derart eingebracht wurde, dass er nur ein Drittel des Raumes füllte; hierdurch wurde erreicht, dass das Ganze nach Ausfüllung mit Beton mit nur geringem Uebergewicht das Seil belastete; nach dem Versenken wurde die Luft aus dem Hohlraum herausgelassen und dadurch der Auftrieb desselben aufgehoben.

Textabbildung Bd. 313, S. 95

Das Gewicht des Ankerklotzes beträgt etwa 44000 kg über Wasser. Die Boje besteht aus einem cylindrischen Kessel von 1,7 cbm Inhalt und ist mit dem Anker |96| durch eine Stahltrosse von 50 m Länge und etwa 60000 kg Bruchfestigkeit verbunden, eine Stahltrosse von derselben Festigkeit und 30 m Länge führt von der Boje zur Spitze, noch zwei längere, etwas schwächere Reservetrossen führen ebenfalls von der Boje zur Spitze der Halle.

Textabbildung Bd. 313, S. 96

Die Halle ist vorn spitz zulaufend zur Verminderung des Winddruckes gebaut, und hinten nur durch einen Vorhang abgeschlossen. Seitenwände und Dach sind mit Brettern verschalt, letzteres noch mit Dachpappe bedeckt.

Ueber die Konstruktionsdetails des Luftfahrzeuges selbst hoffen wir nach dessen Fertigstellung berichten zu können.

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