Titel: Mechanische Transportanlage für Gaskoks im Gaswerk zu Rouen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314 (S. 101–102)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/ar314025

Mechanische Transportanlage für Gaskoks im Gaswerk zu Rouen1).

Schon lange wendet man in technischen Kreisen der Frage der Beförderung von Massengütern, insbesondere der Kohlenzufuhr zu den Dampfkesseln nebst Beseitigung von Schlacke und Asche, besondere Aufmerksamkeit zu. Namentlich in Amerika hat man es verstanden, die stetige Zufuhr des Brennstoffes zu den grossen Kesselbatterien, die prompte Erneuerung des Kohlenvorrates der Lokomotiven auf mechanischem Wege durchzuführen, wobei es sich bei günstiger Oertlichkeit erreichen liess, dass die Kohle direkt vom Waggon bezw. Schiff bis vor die Heizthür befördert wird, ohne weitere Menschenkraft in Anspruch zu nehmen, als für den Betrieb der Maschinen erforderlich ist.

Textabbildung, Bd. 314, S. 101
Textabbildung, Bd. 314, S. 101

In Frankreich – und überhaupt auf dem Kontinent – ist man auf diesem Gebiete noch weit zurück, und bis vor kurzem war, wenn man von einer Anzahl Drahtseilbahnen in Grubenbezirken und für einige grössere Heizanlagen absieht, die Umladung der Kohlen mit der Schaufel, die Beförderung mittels Schubkarrens das einzig gebräuchliche Verfahren.

Neuerdings aber hat ein für den Arbeiter ausserordentlich anstrengender, dazu zeitraubender und kostspieliger Arbeitsvorgang auf dem Gebiet der Gasfabrikation den Anstoss zur Einführung mechanischer Transportmittel gegeben; bisher wurde nach erfolgter Destillation der Steinkohle der in den Retorten zurückbleibende glühende Koks, nachdem er mittels Brechstangen gelöst und aus dem Ofen herausgezogen war, zunächst in eisernen Karren fortgeführt, sodann durch Uebergiessen mit Wasser abgelöscht und schliesslich nochmals weiterbefördert, um auf Haufen aufgespeichert zu werden.

Dieses umständliche Verfahren wurde durch Brouwer, Rektor des Gaswerks in Brügge, in der folgenden Weise für rein mechanische Beförderung umgewandelt. Der aus dem Ofen gezogene glühende Koks wird in eine Rinne fallen gelassen, in dieser durch eine Förderkette fortbewegt und gleichzeitig durch Berührung mit Wasser allmählich abgelöscht, sodann auf schiefer Ebene gehoben und den Silokästen bezw. Sieben und Koksbrechern zugeführt.

Als Beispiel diene im folgenden die durch die Compagnie Continentale pour la fabrication des compteurs à gas nach Brouwer's System eingerichtete Kokslösch- und Transportanlage im Gaswerk Rouen.

Textabbildung, Bd. 314, S. 101

Es sind zwei Ofenbatterien (Fig. 2) mit im ganzen 16 Retortenöfen vorhanden; je zwei der letzteren sind mit der Hinterwand derart aneinander gebaut, dass sie sich nach entgegengesetzten Seiten öffnen. Jederseits liegt vor den Ofenmündungen eine Rinne c und d, in der sich ein endloses Förderband bewegt, während ihr Boden mit einer Schicht Wasser bedeckt ist, welches am hinteren Rinnenende |102| in schwachem Strahl kontinuierlich zufliesst und durch die Kette gleichzeitig mit dem Koks nach vorn weggeführt wird. Die anfangs horizontal gelegte Rinne senkt sich bei f (Fig. 1) und bildet dort eine Art Reservoir, aus welchem sie sich schliesslich mit einer Steigung von 22° bis zu einer Höhe von etwa 5 m über Flur erhebt.

So werden in geschickter Weise die beiden Hauptoperationen zeitlich vereinigt. Der in glühendem Zustand in die Rinne eingeworfene Koks wird sofort weiter befördert, kommt aber dabei dauernd mit Wasser in Berührung und kühlt sich ab; das vollständige Ablöschen wird in den Behältern f herbeigeführt, woselbst sich infolge der oben besprochenen Anordnung das Wasser in grösserer Menge ansammelt. Schliesslich bringt derselbe Bewegungsvorgang das Material mit Hilfe der schiefen Ebenen noch auf solche Höhe, wie sie für die weiteren Operationen erforderlich ist.

Die konstruktiven Einzelheiten von Rinne und Förderband ergeben sich aus den Fig. 3 und 4. Auf den 8 mm starken Blechboden der Rinne sind als seitliche Wände zwei Winkeleisen genietet. Zwei neben diese Winkel gelegte Flacheisen dienen den beiden Gliederketten zur Auflage, aus denen das Förderband besteht, und sind durch zwischengenietete, hochkant gestellte Flacheisen verbunden, durch die der Koks gefasst und fortbewegt wird.

Sobald das bewegte Material das obere Ende der schiefen Ebene erreicht hat, fällt es durch dort vorgesehene Oeffnungen in eine zweite Rinne c, welche rechtwinklig zur Richtung von c und d horizontal verläuft und ganz ähnlich wie jene konstruiert ist. Sie bildet die obere Gurtung eines Gitterträgers (Fig. 5), dessen untere Gurtung aus zwei getrennten Winkeln mit nach innen gerichteten Schenkeln besteht, die den Gliederketten beim Rückgang zur Auflage dienen. In ähnlicher Weise vollzieht sich der Rückgang der Förderketten für die Rinnen c und d, sie gleiten auf Winkeleisen, welche längs der oberen Ofenkante von einfachen Konsolen getragen werden (Fig. 1). Der Antrieb erfolgt durch Elektromotoren mittels fünfseitiger Trommeln, deren Seitenlänge den Kettengliedern entspricht.

Die horizontale Förderrinne e schafft schliesslich den abgelöschten Koks zu den Apparaten, welche zur Zerkleinerung, Sortierung und Aufspeicherung des Materials dienen. Hierbei sind zwei Möglichkeiten vorhanden: entweder lässt man den Koks so, wie er aus den Retorten kommt, durch Oeffnungen im Rinnenboden über g und h in den Vorratsbehälter o fallen, oder man führt das Material, indem man jene Oeffnungen durch Klappen schliesst, zur Zerkleinerungsanlage imn (Fig. 5 und 6). Bei i scheidet zunächst ein Schüttelsieb die feinen Teile aus, welche direkt in den Elevatortrog k fallen. Die grösseren Stücke gelangen durch den Trichter m in den Koksbrecher n und von hier gleichfalls in den Trog k, sodann mittels des Becherelevators auf die Sortiersiebe l, welche das fertige Produkt nach den gangbaren Korngrössen in die siloartigen Vorratskasten pqrs verteilen, aus deren Füllklappen der Koks direkt in untergefahrene Wagen bezw. in Säcke gefasst werden kann. Zum Antrieb der Zerkleinerungsanlage dient der Elektromotor t, welcher 10 leistet.

Textabbildung, Bd. 314, S. 102
Textabbildung, Bd. 314, S. 102

Besonders hervorzuheben ist das Fernhalten des Grieses von dem Koksbrecher; dies bedeutet, da es sich um etwa 40% der gesamten Koksausbeute handelt, ausser einer wesentlichen Vergrösserung der Leistungsfähigkeit der Maschine eine entsprechende Verminderung in der Stauberzeugung.

Die Oekonomie der Anlage ist eine sehr befriedigende. An motorischer Kraft werden verbraucht: 6 für die beiden Förderketten c und d, 2 für e, 10 zeitweise für die Zerkleinerungsanlage. Jeder Ofen besitzt 9 Retorten, welche in 24 Stunden je 6mal neu beschickt werden mit jedesmal 150 kg Kohle, welche 112 kg Koksrückstand ergeben; das sind bei 16 Oefen 16 . 9 . 6 . 112 = 97000 oder rund 100000 kg pro Tag. An Bedienung erspart man zur Zeit des stärksten Gasbedarfs 4 Mann pro Halbtagsschicht ohne Berücksichtigung der Zerkleinerungs-, Sortier- und Verladearbeit. Rechnet man auch dies mit ein, so kann man nach sorgfältigen Erhebungen die Ersparnis pro Jahr im Mittel auf etwa 20000 Fr. bewerten.

Nach Le Génie civil, 14. Oktober 1899.

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