Titel: Die Internationale Motorwagenausstellung zu Berlin 1899.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314 (S. 180–183)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/ar314044

Die Internationale Motorwagenausstellung zu Berlin 1899.

(Schluss des Berichtes S. 161 d. Bd.)

Hugo Mayer in Berlin hatte einen Motorwagen nach eigenem System, einen Bellvalette-Motorwagen und ein Dreirad mit Anhängewagen ausgestellt. Der kleine Benzinmotorwagen, den Hugo Mayer auf ganz eigene Art gebaut hat, besitzt zwei Motoren mit Umschaltung; ein grosser Vorteil bei diesem Wagen ist, dass entweder jeder Motor einzeln in Anspruch genommen wird, oder beide zusammen benutzt werden. Das Gefährt ist ausgezeichnet gefedert und bietet Platz für 3 Personen (inkl. Diener). Die Steuerung ist bequem und sicher.

Der ganze Mechanismus ist vollständig auf der Vorderachse untergebracht, so dass die Hinterachse nur den Wagen selbst zu tragen hat. Hieraus resultiert ein ruhiges und auch sehr angenehmes stossfreies Fahren. Die Lenkung geschieht vom Sitz aus mittels eines langen Hebelrohrs.

Textabbildung Bd. 314, S. 180

Das ausgestellte Dreirad repräsentierte das gewöhnliche de Dion und Bouton-System, während das Anhängefahrzeug durch elegante Ausstattung auffiel.

Auch der „Vulkan“, Automobilgesellschaft m. b. H. in Berlin, war gut vertreten. Die Gesellschaft setzt vor allem elektrische Sport-, Luxus- und Geschäftswagen in Betrieb, ausserdem aber auch verschiedenartige Motorwagen für 2 bis 20 Personen, Motoromnibusse, Motorgeschäfts- und Lastwagen, sowie Motordreiräder mit Anhänge- oder Vorspannwagen.

Fig. 102 veranschaulicht einen elektrisch betriebenen Luxuswagen der „Vulkan-Automobilgesellschaft“. Derselbe ist im vornehmen Stil gebaut; die Akkumulatoren, sowie der Mechanismus sind geschickt untergebracht worden, so dass dem Wagen ein leichtes, gefälliges Aeussere gewahrt wurde. Die Steuerung ist vom Sitz aus in leichter Weise zu bewerkstelligen. Der Wagen bietet Raum für 4 Personen.

Ungemein zierlich ist der Vulkan-Sportwagen, der ebenfalls ohne Riemen und ohne Ketten hergestellt wird. Der Wagen besitzt drei verschiedene Uebersetzungen, sowie eine Vorrichtung für die Rückwärtsfahrt; die Zündung erfolgt auf elektrischem Wege. Die Lenkung erfolgt bequem vom Sitze aus mittels eines Hebelrohrs; die Bremsung ist ebenfalls eine sichere und bequeme. Der Wagen ist seiner Bestimmung gemäss leicht, aber doch solide gebaut und bietet Raum für 2 Personen und eventuell ein Kind. Die übrigen Wagentypen der „Vulkan-Automobilgesellschaft“ sind den bereits besprochenen Fahrzeugen ähnlich.

Die Nähmaschinen- und Fahrräderfabrik von Adam Opel in Rüsselheim hat ebenfalls den Bau von Motorfahrzeugen in Angriff genommen und einen patentierten Motorwagen (System Lutzmann, s. D. p. J. 1898 310 93 Fig. 5) bereits auf der Ausstellung vorgeführt. Das Gefährt bietet für 4 Personen Platz. Die Räder sind massiv und mit Vollgummireifen ausgerüstet. Die Federung ist eine ebenso praktische als auch gediegene, die Bremsung und Steuerung sind praktisch und zuverlässig. Der Antrieb erfolgt mittels Kettenübertragung auf die Hinterräder. Der Mechanismus ist von dem hinteren Teile des Wagens aus leicht zugänglich und daher bequem von allen Seiten zu erreichen.

Die Firma G. Kliemt in Berlin brachte einen elektrisch betriebenen Geschäftswagen, welcher für die Berliner Firma N. Israel hergestellt wurde, um den Pakettransport nach den Vororten der Reichshauptstadt zu vermitteln. Bei diesem Elektromobil ist der gesamte Mechanismus, sowie die Elektromotoren vorn an der Vorderradachse angebracht. Der Fahrschalter funktioniert in derselben Weise wie der auf S. 165 dieses Bandes besprochene von der Aktiengesellschaft von Siemens und Halske. Die Steuerung erfolgt mittels eines Handrades und wirkt höchst zuverlässig auf die Vorderräder, dagegen wirkt eine starke Bremse auf die Hinterräder. Der Wagen ist elektrisch beleuchtet und erfüllt seit längerer Zeit die ihm gestellten Aufgaben in zufriedenstellender Weise. Die Räder dieses Elektromobils sind des schweren Gewichts des Fahrzeuges wegen mit Eisenreifen belegt.

Die Elektrotechnische Fabrik und Bauanstalt von Hladik, Grunewaldt und Comp. in Berlin hatte einen elektroautomobilen Wagen für Luxus- und Geschäftszwecke ausgestellt. Aehnlich wie bei der Henschell'schen Taxameterdroschke (siehe Fig. 41 S. 122 dieses Bandes) sind die Akkumulatoren in einem besonderen Kasten unterhalb der Droschke untergebracht und können in wenigen Minuten befestigt resp. entfernt werden, um gegen einen neuen Kasten mit ganz frischer Batterie ausgewechselt zu werden. Dieser Umstand ist natürlich von grosser Wichtigkeit. Der Antrieb auf die Hinterräder erfolgt mittels Ketten. Die Lenkung wird durch ein Handrad bewerkstelligt, welches den Zahnkranz des Drehschemels am Vorderrade bethätigt. Die Bremsung des Elektromobils ist, wie auch verlangt werden muss, eine durchaus zuverlässige und erfolgt sowohl auf mechanischem, wie auch elektrischem Wege. Der Wagenkasten selbst bietet Platz für 6 Personen.

Die Akkumulatorenwerke Zinnemann und Go. in Berlin hatten eine transportable neuartige Akkumulatorenbatterie (Fig. 103) zur Auslage gebracht. Dieselbe besteht aus sechs Zellen und hat eine Kapazität von ungefähr 50 Ampère-Stunden. Im übrigen genügt sie den höchsten Anforderungen.

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Ausserdem brachte die Gesellschaft eine praktisch eingerichtete Normalzelle für Traktionszwecke; die Kapazität beträgt ungefähr 56 Ampère-Stunden bei 18 Ampère Entladestrom resp. 78 Ampère-Stunden bei 8 Ampère Entladestrom. Hierzu hatte die Firma mehrere Platten von verschiedenen Grössen für transportable Akkumulatoren ausgestellt.

Textabbildung Bd. 314, S. 181

Ferner führten die Akkumulatorenwerke von Zinnemann und Co. eine höchst interessante und neue Sicherheitslampe mit festem Elektrolyt, sowie Isoliermasse zum Verdichten transportabler Zellen und verschiedene Isolierbänder vor.

Die Firma Siecke und Schultz in Berlin hatte eine ebenso reichhaltige als interessante Kollektion von Zubehörteilen zum Motorwagenbau zur allgemeinen Kenntnisnahme zusammengestellt. Eine Spezialität dieser Firma sind die nahtlosen Stahlrohre, die bekanntlich einen überaus wichtigen Bestandteil der Motorfahrzeuge bilden. Dieselben sind durchweg deutsches Fabrikat und fanden sich in verschiedenster Ausführung: im Ziehen abgesetzt, Rohr in Kantenform, achtkantig, rund u.s.w., von ¾ bis 60 mm lichter Weite. Unter der Fülle und Mannigfaltigkeit des Gebotenen fiel eine umfangreiche Kollektion von Stahltreibketten in den verschiedensten Systemen, Grössen und Breiten auf, einige von bedeutenden Dimensionen, dazu gehören dann wieder die passenden Kettenräder, die in Stahl- und Bronzeguss ebenfalls vorhanden waren.

Textabbildung Bd. 314, S. 181

Die Berliner Massstabfabrik von Oskar Schubert und Comp. in Berlin führte einen Ablasshahn mit Flansche, Holzoder Gasgewinde, zum Ablassen aller Flüssigkeiten vor. Dieser Ablasshahn (Fig. 104) ist auch für den Motorwagen eine recht angenehme Verbesserung.

Der Ablasshahn besitzt vorn einen Verschlussschieber, der durch einen sauberen glatten Schliff derartig auf den Hahn auf geschliffen ist, dass derselbe gegen alle Flüssigkeiten dicht hält. Den Kükenhahnen haftet der Uebelstand an, dass durch das Abtropfen der Flüssigkeiten, das auch immer ein lästiges Warten bedingt, Verluste entstehen. Bei diesem Hahn ist das vollständig ausgeschlossen, da der Verschlussschieber die Flüssigkeit sofort dicht abschneidet.

Vermöge der grossen Oeffnung des Hahnes kommt die abzulassende Masse sofort schnell in Fluss. Die Firma liefert diese Hähne in Oeffnungen von 20 bis 215 mm für hölzerne und eiserne Behälter mit Flansch oder Gewinde in jeder gewünschten Form und Grösse. Unter anderen haben die Hähne auch schon verschiedentlich für Acetylenapparate Verwendung gefunden, um das verbrauchte Karbid abzulassen.

Textabbildung Bd. 314, S. 181
Textabbildung Bd. 314, S. 181

E. Möhrlin in Stuttgart hatte verschiedene Arten von Kapselgleichstrom-Elektromotoren (Type N. G.) ausgestellt. Unsere Fig. 105 veranschaulicht einen Elektromotor mit Riemenspannvorrichtung, Fig. 106 einen Elektromotor mit Reibradvorgelege, und Fig. 107 einen Motor speziell für elektrisch betriebene Fahrzeuge.

Textabbildung Bd. 314, S. 181

Besonderes Interesse für die Automobilindustrie dürfte die kleinste Type der ausgestellten Elektromotoren besitzen, ein ¾ , in Verbindung mit nur einem Reibradvorgelege, eine Konstruktion, die bisher nur wenig bekannt und angewendet wurde. Das Prinzip dieser Konstruktion ist für elektrisch zu betreibende Fahrzeuge deshalb von Wert, da hierdurch die Anwendung des Zweimotorensystems entbehrlich wird. Der Motor wird dann auf jeder Seite in einfachster Weise nur mit je einem Trieb ausgerüstet.

Textabbildung Bd. 314, S. 181

Die beiden anderen Motoren von 3 und 1½ wollen nicht als Spezialkonstruktion aufgefasst sein, sondern sollen nur beweisen, dass sich geschlossene Motorensysteme für alle möglichen Antriebsarten bewähren.

Textabbildung Bd. 314, S. 181

Das Elektrotechnische Institut Frankfurt, Gesellschaft |182| m. b. H. in Frankfurt a. M., Fabrik elektrischer Messinstrumente, hatte verschiedene interessante Objekte, die für den Motorfahrer von Wichtigkeit sind, vorgeführt. Darunter ein neuartiges und praktisches Taschenvoltmeter zum Prüfen von Elementen und Akkumulatoren (Fig. 108); ferner ein kombiniertes, ebenfalls sehr bequemes Volt-Ampèremeter zum Montieren an Akkumulatorenwagen (Fig. 109), ausserdem Taschen-Ampèremeter, kleine transportable Volt- und Ampèremeter und Schraubenzieher für Automobilfahrer.

Textabbildung Bd. 314, S. 182

A. Loyal in Paris hatte schrauben- und schlangenförmige Abkühler mit ovalen und geriffelten Flügeln ausgestellt (Fig. 110). Die Abkühler Loyal (Marke Acalor) sind von allen grösseren Firmen der Motorwagenbranche Frankreichs und des Auslandes, namentlich Deutschlands, zur Verwendung gebracht worden.

In ihren Abmessungen sind dieselben infolge längerer Versuche festgesetzt worden, namentlich durch die Erfahrungen des grossen Kennens Paris-Bordeaux hat man konstatieren können, dass auf 800 km nur ein Verlust von 3 l stattfand. Dies ist von Renéde Kniff gemessen worden, und bei dem letzten grossen Automobilrennen, dem sogen. Tour de France, hat sich diese Angabe vollauf bestätigt.

Um einen regelmässigen Gang des Motors zu erzielen, ist es von der grössten Wichtigkeit, die Motorwagen mit den Abkühlern zu versehen; dadurch wird ferner auch die rasche Wasserergänzung des Reservoirs vermieden.

Die Abkühler Loyal sind aus rotem reinen Kupferrohr gebaut, und die aus gezogenem Stahl angefertigten Flügel sind auf diese Röhren in solcher Weise gelötet, dass sie die Hitze sofort entfliessen lassen.

Ein Entweichen des Wassers ist völlig ausgeschlossen, da die Serpentins aus einem einzigen Stücke konstruiert und auf 25 at Druck geprüft sind.

Der Abkühler muss zwischen dem Reservoir und der Pumpe eingesetzt werden; das warme Wasser tritt von oben herein und das abgekühlte Wasser verliert sich nach unten.

Je schneller die Fahrgeschwindigkeit ist, desto stärker wird die Abkühlung, da der Abkühler immer so placiert wird, dass seine Flügel parallel der Achse des Wagens funktionieren, so dass nichts den Durchgang der Luft hindert.

Von 8 an ist es vorzuziehen, die Modelle a 18 mm Durchmesser innerhalb zu gebrauchen. Der Wasserverlust kann ungefähr zwischen ½ bis 1 l pro Stunde variieren. Die schraubenförmigen Modelle sollen soviel als möglich unterhalb des Reservoirs placiert werden; diese Modelle werden in 16 cm, 20 cm und 22 cm äusserer Durchmesser gebaut.

Diese Abkühler können übrigens als Dampfkondensatoren für Dampf automobilen u.s.w. benutzt werden.

Unter den ausländischen Firmen, die sich an der Motorwagenausstellung beteiligten, ist zunächst Etablissement Pieper, Société anonyme, Vertreter H. Pieper in Berlin, welche einen eleganten Motorwagen ausgestellt hatten.

Bei Konstruktion des Pieper-Doppelmotorwagens war es zunächst die Aufgabe, in demselben alle Vorteile eines wirklich praktischen Motorwagens zu vereinigen, und alle zweifelhaften, überflüssigen oder im praktischen Gebrauche als unzuverlässig erwiesenen Faktoren wegzulassen.

Die Vorderachse ist auf Zapfen montiert, wodurch die Stösse auf unebenen Wegen erheblich abgeschwächt werden; sie trägt den Petroleummotor.

Die Hinterradachse ist in direkter Verbindung mit den Kugelachsen der beiden Laufräder und trägt die Motorwelle. Zwei starke Stahlrohre verbinden die Vorderradachse mit der Hinterradachse; zur weiteren Verstärkung des Rahmenbaues sind vier Verbindungsstäbe aus Stahl angebracht und diese tragen das grosse Triebrad. Letzteres wird durch ein kleines, konisches Zahnrad getrieben.

Um das Auseinandernehmen des elektrischen Motors zu erleichtern und, um die Welle vorkommendenfalls regulieren zu können, ist eine bewegliche Verkuppelung vorhanden.

Das Auswechseln der Schnelligkeit wird durch den elektrischen Motor bewirkt, welcher mit dem Petroleummotor durch eine Welle verbunden ist. Um eine schnelle Veränderung des Doppelmotorwagens in einen elektrischen Automobilwagen vornehmen zu können, ist eine eigenartige Kuppelung angebracht. Der Doppelmotorwagen arbeitet ohne jegliche Ketten und Riemen, und es wird daher ein wesentlicher Vorteil durch Ersparnis sowohl an Geld wie an Kraft und durch Vermeidung des Geräusches erzielt. Der vorn angebrachte Petroleummotor ist mittels einer Welle mit dem elektrischen Motor verbunden, welcher den Strom von einer sehr leichten und äusserst wirksamen Akkumulatorenbatterie erhält.

Dieser elektrische Motor ist mit einer Geschwindigkeitsänderungsvorrichtung verbunden, und überträgt mittels eines konischen Zahnrades die Bewegung auf die Hinterachse. Die Kraft des Petroleummotors ist so berechnet, dass die Akkumulatorenbatterie sich allmählich auf flachen Wegen, selbst bei schnellstem Gange des Wagens, ladet. Bei Bergfahrten vergrössert sich der Ladestrom bedeutend und der Motor arbeitet als Bremse.

In dem Falle, dass durch irgend eine Beschädigung der Petroleummotor ausser Thätigkeit gesetzt würde, und man Gefahr liefe, irgendwo sitzen bleiben zu müssen, genügt es, den Petroleummotor von dem elektrischen Motor abzukuppeln.

Der Wagen funktioniert alsdann als einfacher elektrisch betriebener Wagen, und ist im stände, ungefähr 40 km auf ebenen Wegen zurückzulegen.

Der 3 Benzinmotor ist vertikal angeordnet, mit einem Cylinder ausgerüstet, arbeitet im Vierteltakt und hat elektrische Zündung.

Er ist einfach, leicht und haltbar, alle Teile sind zugänglich und leicht auseinandernehmbar.

Die Oelung geschieht automatisch. Dank einer neuen Erfindung hinterlassen die Karburatoren und die Zündung weder Rauch noch Geruch.

Die Abkühlung des Cylinders erfolgt durch Kühlrippen, während die Abkühlung des Bodens und der Ventilgehäuse durch fliessendes Wasser bewirkt wird.

Das Wasser zum Abkühlen befindet sich in einem Behälter oberhalb des Motors und wird durch einen Radiator abgekühlt, so dass die Verdunstung des Wassers wesentlich vermindert wird.

Der elektrische Motor befindet sich in einem luftdicht verschlossenen Behälter.

Der Motor kann bis 2½ entwickeln und es können bei starken Steigungen die beiden Motoren vereinigt die Kraft von 5 bis 6 leisten.

Die Akkumulatorenbatterie hat ein Gewicht von 125 kg und setzt sich aus 40 Elementen zusammen, die sich in Ebonitkästen mit Doppeldeckeln befinden, wodurch das Herauslaufen von Säure verhindert wird.

Das Triebwerk der Geschwindigkeitsänderung befindet sich in einem mit Oelbad versehenen Kasten und dreht sich ohne Geräusch. Der belastete Wagen macht auf ebenen Wegen im Durchschnitt 25 bis 30 km pro Stunde und 12 km bei Steigungen bis zu 12%. Anhöhen über 12% |183| nimmt der Wagen noch leicht, nur mit einer etwas geringeren Geschwindigkeit.

Die Bremsen lassen sich mittels der Pedale in Bewegung setzen; die erste wirkt auf die Motorachse, die zweite und stärkere wirkt als Sicherheitsbremse auf die Naben der Räder, letztere bewirkt ein fast augenblickliches Stillstehen des Motorwagens.

Die Rückfahrtbewegung wird mittels des Rheostaten bewirkt, wodurch der Zutritt der Gase geschlossen wird. In diesem Falle arbeitet der elektrische Motor allein.

Die Benzinbehälter enthalten einen Vorrat, um ungefähr 250 km fahren zu können.

Das Gesamtgewicht des betriebsfertigen Motorwagens beträgt etwa 550 kg.

Die Fabrique Nationale d'Armes de Guerre in Herstal bei Lüttich liess durch ihren Generalvertreter Max Müller in Berlin einen hocheleganten und bequemen Motorwagen für 2 bis 3 Personen (Fig. 111) vorführen.

Ein durch Petroleumessenz getriebener, vollständig im Gleichgewicht stehender, erschütterungsloser 3 Motor setzt diesen Motorwagen in Bewegung, und wurde der Herstellung dieses so wesentlichen Teiles des Fahrzeuges in allen seinen Details die weitgehendste Aufmerksamkeit geschenkt.

Textabbildung Bd. 314, S. 183

Das Gewicht des vollständig ausgerüsteten Wagens beträgt etwa 250 kg und lassen sämtliche Teile des Fahrzeuges sich mit der grössten Leichtigkeit montieren und demontieren.

Die Uebertragung auf die Hinterräder erfolgt mittels Riemen mit innerer Drehungsvorrichtung und kann eine Fahrgeschwindigkeit bis zu 40 km pro Stunde erreicht werden.

Das unter dem Sitze angebrachte Petroleumreservoir nimmt 25 l Petroleumessenz auf und ist die ganze Ausrüstung des Gefährtes auf Dauertouren berechnet. Auf Wunsch des Käufers kann noch ein leicht abnehmbarer Dienersitz an diesen Wagen oder auch ein Sommerdach angebracht werden.

Der Wagen vermag bis 45 km in der Stunde zu fahren, sowie alle Steigungen bis zu 18% zu nehmen.

Automobil „Union“ in Paris hatte verschiedene Wagen und Coupés, einen „Mors“-Jagdwagen, sowie von der Carrosserie Rothschild-Fils in Paris einen 6 Benzinmotorwagen ausgestellt. Letzterer Motorwagen ist mit elektrischer Zündung und einer Vorrichtung, wodurch sich der Akkumulator selbstthätig wieder laden kann, versehen. Der Wagen kann in einer Stunde bis zu 52 km bei voller Belastung zurücklegen; das Gewicht des kompletten Automobils beläuft sich auf etwa 650 bis 700 kg.

Die Société Industrielle et Commerciale de Fabricants de Cycle (Direktor E. Pernoo) in Paris hatte ein eigenartiges Motorzweirad „Pernoo“ zur Schau gestellt.

Dasselbe vermag eine Fahrgeschwindigkeit von über 40 km zu entwickeln und hat in verschiedenen Motorrennen auf leichte Weise gesiegt.

Phébus-Aster in Paris hatte durch ihre Vertreter Kraus und Co. in Berlin ihre hervorragenden Erzeugnisse vorführen lassen. Der Aster-Motor vermag eine Kraft von 2¼ zu liefern und zeichnet sich durch einfache und gediegene Konstruktion vorteilhaft aus. Bei den Wettfahrten, welche während der Ausstellungsdauer veranstaltet wurden, schnitten die mit diesem Motor ausgerüsteten Fahrzeuge recht gut ab.

Die Patentmotorwagenfabrik „Rapid“ zu Zürich hatte einen zweisitzigen Motorwagen ausgestellt, der im Gegensatz zu dem soeben besprochenen Phebus-Aster-Wagen zwei Räder vorn und ein Rad hinten hatte. Der Betrieb ist bei diesem Wagen ein sicherer und billiger, die Steuerung und Bremsung eine zuverlässige. Der Motorwagen ist stabil und doch zierlich gebaut, bequem ausgepolstert, mit Halbverdeck ausgerüstet und bietet Platz für 2 Personen. Die Schweizerische Motorwagenfabrik Aktiengesellschaft Wetzikon (Schweiz) brachte einige recht ansprechende Modelle. Der dreisitzige Motorwagen „System Abees ist ein Fahrzeug, das allen Ansprüchen gerecht werden sollte. Es besitzt einen Balancemotor von 6 und weist sorgfältige Ausführung und solide, kräftige Bauart auf. Vibrationen, Geräusch und Geruch werden vermieden und grosse Geschwindigkeiten erzielt. Die Aenderung der Geschwindigkeit erfolgt auf praktische Weise ohne Stoss und ohne vorheriges Ausrücken des Motors. Die Wagen überwinden alle vorkommenden Steigungen bis 15% und darüber. Die Führung, Steuerung und Bremsung ist eine leichte, einfache und zuverlässige. Dieser Wagen wird auf Wunsch mit zwei gegenüberliegenden Sitzen (vis-à-vis) für 4 Personen geliefert.

Der kleine Wetzikon-Wagen für 2 Personen ist ein leichtes, elegantes Fahrzeug, welches die entsprechende Konstruktion, wie bei den grossen Wagen aufweist; er bietet Platz für 2 Personen und ist ebenso, wie der grössere Wagen, mit Vollgummireifen ausgerüstet.

Reichlich beschickt wurde auch die Motorwagenausstellung von der „Motorfahrzeug- und Motorenfabrik Berlin, Aktiengesellschaft Marienfelde“. Die Firma führte neben Benzinmotorfahrzeugen für Privat- und Geschäftszwecke, sowie für Lastverkehr hauptsächlich elektrisch betriebene Fahrzeuge für Personenverkehr vor.

Während die Motorfahrzeuge mit Benzin-, Dampfbetrieb u.s.w. gleichsam den bürgerlichgewerblichen starken und kräftigen Typus derjenigen Beförderungsmittel repräsentieren, die gebaut werden, um wiederholten und starken Stössen widerstehen zu können, um schwere Lasten zu transportieren, lange Strecken auf Landsträssen mit mehr oder minder gutem Pflaster zurückzulegen, haben die elektrisch betriebenen Fahrzeuge die vornehmere Aufgabe zu erfüllen, in verkehrsreichen Strassen grösserer Städte geräusch- und geruchlos zu verkehren, angenehmer, bequemer und schneller, als es das beste Pferdegespann im Luxuswagen zu leisten im stände wäre.

Wir wollen unsere Besprechung nicht schliessen, ohne nochmals den grossen Erfolg hervorzuheben, den die Internationale Motorwagenausstellung erzielt hat. Nicht weniger als 100000 Personen besuchten während der 25 Tage die Ausstellungshalle, und wenn das Wetter während der ganzen Zeit nicht so sehr schlecht gewesen wäre, wäre diese Zahl zweifellos eine grössere geworden.

Aber auch unsere heimische Automobilindustrie hat sich auf der Ausstellung im glänzendsten Licht gezeigt, und wohl stark genug, auch gegen die stärkste internationale Konkurrenz in die Schranken zu treten. Hoffen wir, dass sie auf diese Weise weiter blühen und gedeihen möge, und die Erfahrungen, die sie auf der Ausstellung zu sammeln reichlich Gelegenheit hatte, zum Wohle des Automobilismus verwerten wird.

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