Titel: Zur Weltausstellung in Paris 1900.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 2 (S. 14–15)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi01_2

Zur Weltausstellung in Paris 19001).

II. Deutsche Sondermaschinenhalle.

Der Beschluss der französischen Ausstellungsleitung, nahezu die Hälfte des verfügbaren Ausstellungsgeländes für französische Erzeugnisse zu reservieren und nur den Rest für alle anderen beteiligten Staaten frei zu halten, hat seiner Zeit natürlich schwere und gerechte Bedenken in den Ländern hervorrufen müssen, deren Industrien zur Führung auf dem Weltmarkt befähigt sind. Selbst bei Auswahl nur hervorragendster Produkte unter thunlichster Vermeidung von Dubletten hat die Abgabe von Visitenkarten – als solche ist die Beteiligung der Staaten an der Schaustellung bezeichnet worden – um so mehr Zweifel von einschneidender Wirkung hervorgerufen, als dank dem Ausstellungsprogramm mitunter eine mehrfache räumliche Trennung der Erzeugnisse einer und derselben Firma notwendig geworden.

Grosse Industriestaaten haben deshalb rechtzeitig geeignete Schritte unternommen, um die von der Ausstellungsleitung ursprünglich zugeteilt erhaltenen Plätze der Entwicklung der einzelnen Zweige ihrer Länder entsprechend zu vergrössern. Und wie es wohl schon geläufig ist, dass der Maschinenbau in allen seinen Abarten einen entscheidenden Kampf auszufechten gedenkt, so ist es auch begreiflich, dass gerade der Maschinenbau hart um den Platz streitet.

Deutschland hat eine Maschinenbauindustrie aufzuweisen, welche anerkanntermassen seinen Konkurrenten in anderen Staaten durchaus gewachsen ist, und das Interesse, welches die einschlägigen Firmen an der Beschickung der Ausstellung zeigen, hat es der Reichsvertretung nahe gelegt, die von Frankreich |15| angebotenen Plätze in thunlichst grossem Masse zu erweitern. Es ist erklärlich, dass die französischerseits aufgeführte Haupthalle auf dem Marsfelde, welche Maschinen und Produkte gemeinsam aufzunehmen bestimmt ist, den Anforderungen nach Platzerweiterung nicht annähernd hat genügen können. Und so hat man sich genötigt gesehen, besondere Gebäude aufzuführen.

Textabbildung, Bd. 314, S. 15
Textabbildung, Bd. 314, S. 15
Textabbildung, Bd. 314, S. 15

Den Bemühungen des deutschen Reichskommissärs ist es nun gelungen, einen freien Platz zur Verfügung zu erhalten, auf welchem die deutsche Sondermaschinenhalle aufgeführt wird. Der hinsichtlich seiner Grösse und Bebauungsfähigkeit wiederholt geänderte Platz liegt zwischen der französischen Haupthalle und der Avenue de Suffren in der nächsten, Nähe der elektrischen Zentrale. Seine Länge beträgt 60 m, seine Tiefe 19 m; er bildet mit einer Langseite die Grenze des Marsfeldes nach der Avenue de Suffren. Ursprünglich hat es in der Absicht gelegen, nur ein einstöckiges Gebäude mit einer leichten Galerie aufzuführen. Die stets gewachsenen Ansprüche der deutschen Maschinenbauer haben jedoch zur Vornahme einer zweistöckigen Halle gedrängt, deren Herstellungskosten in Höhe von etwa einer Viertelmillion Mark durch das Reich getragen werden. Mancherlei Umstände haben es als empfehlenswert erscheinen lassen, die Ausführung der Halle einem französischen Architekten zu übertragen, welcher seinerseits die französischen Hüttenwerke um Lieferung der Eisenkonstruktionen angegangen ist. Bei der ausserordentlichen Inanspruchnahme der Werke hat sich auch nur eine grosse Hütte bereit finden lassen, die Ausführung der Arbeit innerhalb der knapp bemessenen Zeit zu übernehmen.

Die Kürze der Zeit hat neben den Forderungen hinsichtlich der Kosten die Aufgabe gestellt, ein einfaches und klares Bauwerk zu schaffen, dessen Aeusseres der Bedeutung, dessen Inneres der Beanspruchung gemäss hat durchgebildet werden müssen. Die Fig. 1 bis 3 geben das Gebäude in der endgültig festgelegten Ausführung wieder.

Die Vorderansicht (Fig. 1) lässt den typischen französischen Geschmack erkennen. Die zwischen den Pfeilern belassenen grossen Fensterflächen lassen den Schluss auf durchaus günstige Beleuchtungseffekte im Innern zu. Der in der Mitte befindliche Haupteingang springt kojenartig ein.

Der Querschnitt (Fig. 2) zeigt zwei in einem Abstande von 7 m übereinander liegende Stockig werke. Das Terrain fällt nach der Avenue de Suffren ab, so dass an der Strassenseite Aufschüttungen vorgenommen werden müssen. Im übrigen dürfte nur grundwasserfreier Boden anzutreffen sein, die notwendigen, zum Teil über 4 m tiefen Maschinenfundamente und Keller werden also nach dieser Richtung hin Schwierigkeiten nicht begegnen. Die Längsträger sind in der Mitte unterstützt, so dass allzu grosse und schwere Konstruktionen vermieden, andererseits aber auch Schwankungen infolge des in grossem Massstab durchzuführenden Betriebes verhindert werden.

Nach Fig. 3, welche den Plan des Erdgeschosses darstellt, liegen die Längsbalken 5,85 m voneinander entfernt, während das Mittelstück auf 12,60 m von Trägern nicht überdeckt ist. Die Längsträger sind durch Querträger verbunden, welche eine gleichmässige Verteilung der Belastung bewirken. Die lichten Masse des Erdgeschosses betragen 59,65 m × 18,36 m. Dieselben Masse sind im Obergeschoss anzutreffen.

Den Gegenstand eingehenden Studiums hat die Treppen anläge abgegeben. Dieselbe muss entsprechend der Bedeutung, welche den im Obergeschoss befindlichen wichtigen Schaustellungen beizumessen sein wird, natürlich in imposantester Weise ausgeführt werden. Das Treppenhaus hat demgemäss eine sorgfältige Ausbildung erfahren. Das Platzbedürfnis und die Notwendigkeit, eine etwa 12 m hohe Maschine aufzustellen, haben zu der durch die Fig. 3 im Grundriss und durch Fig. 2 in der Seitenansicht festgelegten Treppenkonstruktion Veranlassung gegeben.

Das in der deutschen Abteilung durchweg eingehaltene Prinzip, nur erstklassige Erzeugnisse zur Schaustellung in Paris 1900 zuzulassen, ist natürlich auch für die deutsche Sondermaschinenhalle massgebend gewesen. Es wird sich in derselben eine Sammlung von Maschinen vorfinden, denen man den Ruhm der höchsten Vollkommenheit nicht wird streitig machen können.

Wilh. Gentsch.

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Vgl. D. p. J. 1899 313 30.

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