Titel: Die deutsche Maschinenindustrie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 3 (S. 15–16)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi01_3

Die deutsche Maschinenindustrie.

Es ist bekannt, dass der Generalsekretär der englischen Maschinenbauer in seinem Vaterlande als Sachverständiger ersten Ranges angesehen wird, sobald es sich um Maschinenfabriken und deren Einrichtungen handelt, und es ist daher nicht überraschend, dass die Presse mit einer gewissen Ungeduld einen angekündigten Bericht des Mr. Barnes über seine in deutschen Etablissements gewonnenen Eindrücke erwartete. Diese Eindrücke sind nun fast in jeder Beziehung für Deutschland schmeichelhafte. Der Bericht ist sehr lang und es sollen hier daher nur die allgemeinen Gesichtspunkte beleuchtet werden.

Barnes besuchte grosse Etablissements in Düsseldorf, Augsburg, Chemnitz und Berlin. Ein Besuch der Kruppschen Etablissements war ihm als Ausländer aus erklärlichen Gründen nicht gestattet. Ueber den allgemeinen Eindruck, welchen die Etablissements auf ihn machten, sagt Barnes:

„Zunächst will ich eine oder zwei charakteristische Eigentümlichkeiten |16| erwähnen, welche die deutschen Werkstätten zu haben pflegen. In erster Linie ist zu erwähnen, dass die Einfriedung der Maschinen, die allgemeinen Sicherheitsmassregeln für die Arbeiter und die Einrichtungen zu deren Bequemlichkeit bedeutend vollständiger sind als in unserem Lande, und dass ausserdem die Arbeitsräume viel geräumiger und reinlicher sind. Dies mag teilweise der strengen behördlichen Inspektion zu verdanken sein, die, gleichzeitig mit Unfall- und anderen Versicherungsgesetzen ins Leben trat, wenn sie nicht gar eine Folge dieser Gesetzgebung war. Uebrigens neige ich zu der Ansicht, dass ein grosser Teil der Massregeln der freiwilligen Initiative der Unternehmer zuzuschreiben ist. Ich sah eine Menge Dinge, welche weit über das hinaus gingen, was die Gesetze verlangen und die in unserem Lande nicht ihresgleichen haben. Eine andere gemeinsame Eigentümlichkeit ist das moderne Aussehen der Werkstätten und der Gebrauch erstklassiger Einrichtungen. Ueberall werden neue Fabriken gebaut und die meisten von denen, welche ich besuchte, sind in Erweiterung begriffen. Nicht weniger eigentümlich und für alle Fabriken gültig ist die gemütliche Art und Weise, in der die Leute ihre Arbeit verrichten. Obgleich Stückarbeit die Regel ist, sah ich nirgends Hasten. Mit einer Ausnahme sah ich in allen Werkstätten, die ich besuchte, die Leute während der Arbeitsstunden rauchen, und in den meisten waren Kantinen eingerichtet, in denen die Arbeiter während der Arbeit Erfrischungen bekommen können. Was die Arbeitsstunden und die Löhne anbelangt, so stehen sich die deutschen Arbeiter natürlich ungünstiger als die unserigen, obgleich nicht ein so grosser Unterschied vorhanden ist, wie wir hier gewöhnlich annehmen. Wenn wir die Zeit, welche für Erfrischungspausen gewährt wird, in genügende Erwägung ziehen, so ist es zweifelhaft, ob die wirkliche Arbeitszeit sich sehr von derjenigen unterscheidet, welche in dem. Gebiet, in welchem der Unternehmerverband seine Bestimmungen erlässt, gebräuchlich ist.“

Das sind die allgemeinen Gesichtspunkte, welche Barnes bemerkenswert erschienen, im übrigen beschreibt er ziemlich eingehend die von ihm besuchten Werke. Es sind dies die Werke von Haniel und Lueg, die Hohenzollern'sche Aktiengesellschaft und Ernst Schiess. Barnes vergisst nicht zu erwähnen, dass die Fabrik von Haniel und Lueg Lieferungen für Italien erhalten hatte, um die sich sogar Armstrong vergeblich bewarb. Hohes Lob erteilte Barnes der Maschinenfabrik Augsburg und deren Leiter, Krantz. Von der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft in Berlin sagt Barnes, dass sie die grössten, besteingerichteten und wissenschaftlich best organisierten Werke hätte, welche er gesehen. Ob Barnes bei seiner schnellen Besichtigung immer richtig geurteilt hat oder nicht, muss dem Urteil der Leser überlassen bleiben, welche die erwähnten Werke kennen. Höchst interessant ist aber vor allen Dingen, wie Barnes Bericht von der Presse aufgefasst wird und deshalb möge die Aeusserung des demokratischen Reynolds darüber zitiert sein. Reynolds sagt:

„Der Bericht von Mr. Barnes über seinen Besuch deutscher Maschinenbau Werkstätten ist jetzt veröffentlicht und bestätigt, was wir von Zeit zu Zeit gesagt haben. Mit einem Wort: deutsche Arbeit gewinnt den Vorrang über englische Arbeit, weil sie besser ist und unter besseren Bedingungen angefertigt wird. Kein einsichtsvoller Mensch, der in letzter Zeit in Deutschland gewesen ist, kann zu einem anderen Schlusse kommen. Der deutsche Unternehmer ist intelligenter als der englische Unternehmer, und der deutsche Arbeiter ist intelligenter als der englische Arbeiter. Deshalb macht Deutschlands Industrie rasende Fortschritte, grössere als irgend eine der Welt, vielleicht ausgenommen diejenige Amerikas. Allerdings eines ist richtig: Deutschland und Amerika haben grosses Glück gehabt. Beide begannen den Industriekampf im grossen Stil zu einer Zeit, als die Wissenschaft gewaltige Schritte machte, und konnten deshalb die neuen Erfindungen zur Anwendung bringen, während England mit alter Maschinerie vollgepfropft war, die entweder unbrauchbar war oder nur mit gewaltigen Kosten brauchbar gemacht werden konnte. Aber abgesehen davon ist es zweifellos, dass beide Wettbewerber vor England den Vorzug weit grösserer Intelligenz und besserer Bildung voraushaben..... Der deutsche Unternehmer und der deutsche Arbeiter sind gebildete Leute, und das sind sie seit Generationen. Alle englischen technischen Schulen zusammengenommen sind noch nicht gleich der einen vorzüglichen Schule in Hannover, von den anderen, über ganz Deutschland verstreuten Schulen ganz zu schweigen. Jeder Arbeiter kann jeden industriellen Prozess kennen lernen, ohne dass es ihn etwas kostet. Und er lernt nicht nur einen Prozess, er lernt alle Prozesse. So kommt es, dass, während der englische Arbeiter nur Spezialist ist, der nicht einmal die Maschine versteht, an der er arbeitet, der Deutsche die Zusammenstellung der Maschine versteht und alle Prozesse kennt, welche das Rohmaterial durchmacht, ehe es fertiger Handelsartikel wird. Der deutsche Unternehmer versteht ebenfalls sein Geschäft vollständig und er hat nicht nur eine technische; sondern überhaupt eine gute Bildung, von der wir uns hier noch nichts träumen lassen. Wenn auch in Deutschland die Arbeit etwas gemütlicher betrieben wird, so herrscht doch dort grösserer Fleiss als hier und es wird weniger Zeit auf Vergnügen verwendet und mehr Zeit auf Studien, welche die Basis aller modernen Industrie bildet. Kein Wunder, dass der Deutsche Fortschritte macht.“

Jedenfalls hat der Besuch des Mr. Barnes in Deutschland dazu beigetragen, dass das Geschrei derjenigen verstumme, die heute immer noch behaupten, dass alles in Deutschland Fabrizierte schlecht wäre, und alles Schlechte als „made in Germany“ zu bezeichnen belieben. (Frankf. Ztg.)

–h.

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