Titel: Deutschland auf der Pariser Weltausstellung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 1 (S. 30)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi02_1

Deutschland auf der Pariser Weltausstellung.

Dem Bericht von Charles Bonnefon im Figaro entnehmen wir Angaben darüber, was überhaupt von Deutschland zur Ausstellung in Paris angemeldet ist.

Deutschland soll in allen Gruppen mit Ausnahme der Gruppe I (Erziehung und Unterricht) und der Gruppe XVII (Kolonisierung) vertreten sein; angesichts des Raummangels schien es erforderlich, die Ausstellung zu Gunsten der industriellen Interessen zu beschränken. Uebrigens hat Deutschland auf der Ausstellung von Chicago im Jahre 1893 einen hinreichenden Ueberblick über das Lehrwesen in Deutschland geboten, um ohne Gefahr für seinen Ruf in dieser Hinsicht 1900 von diesem Gebiete absehen zu können. Die Ausstellung der deutschen Kunst soll von der Allgemeinen deutschen Kunstgenossenschaft organisiert werden; die beiden künstlerischen Richtungen werden in ihr vertreten sein. Bekanntlich ist Anton v. Werner mit dem Verwaltungsteile betraut worden, während das Komitee der Allgemeinen deutschen Genossenschaft über die Wahl und die Unterbringung der Kunstwerke zu entscheiden hat. Die Münchener Künstler Seidel und Lenbach sind zusammen ausersehen worden, die innere Ausschmückung der Sektion der deutschen Kunst zu überwachen und zu leiten.

In Gruppe III soll eine Kollektivausstellung von optischen und Präzisionsinstrumenten zu sehen sein. Sie wird nach wissenschaftlichen Prinzipien geordnet, und man wird ihr eine Sammlung chirurgischer Instrumente beigeben. Musikinstrumente werden wegen Raummangels nur durch einige hervorragende Muster vertreten sein. Die Druck- und Buchindustrie wird mit der photographischen eine Kollektivgruppe im deutschen Hause am Quai d'Orsay bilden.

Die Maschinen werden je nach ihrer Art auf die verschiedenen Gruppen verteilt und natürlich einen besonders wichtigen Teil der deutschen Ausstellung bilden. Vier der grössten Elektrizitätsgesellschaften werden für einen grossen Teil der Weltausstellung Licht und Kraft liefern. Das sind die Häuser Siemens und Halske aus Berlin, Schlickert aus Nürnberg, jedes mit einer Dynamomaschine von 2000 . Helios aus Köln mit einer Maschine von 1900 und Lahmeyer aus Frankfurt a. M. mit einer solchen von 1400 . Die zu den Dynamo gehörigen Dampfmaschinen werden für Siemens und Halske von Borsig aus Berlin, für Helios von der Maschinenfabrik Augsburg u.s.w. geliefert. Ein Kran des Berliner Hauses Flohr, der 25 t Gewicht 12,50 m hoch mit einem Radius von 26 m zu heben vermag, wird zur Aufstellung der Maschinen in der Zentralgalerie der Avenue de Suffren dienen.

Das Eisenbahnmaterial, Waggons, Lokomotiven u.s.w., soll in Gruppe VI in der Spezialausstellung von Vincennes figurieren. Die Schiffahrtsgesellschaften dagegen werden ihre Erzeugnisse in einem von dem Hamburger Baumeister Thielen an dem Ufer der Seine erbauten Pavillon ausstellen. Die deutsche Landwirtschaft wird in Paris zunächst durch Maschinen, dann aber auch durch Bodenerzeugnisse vertreten sein. Aus den Gestüten Schleswig-Holsteins, Hannovers, Oldenburgs und Rheinpreussens werden 100 Pferde nach Paris gesandt werden. Ferner werden einige Mastochsen und Schweine in der deutschen Abteilung figurieren.

Die Wohnungsmittel bilden eine Kollektivausstellung. Die Weinindustrie wird im Erdgeschoss des deutschen Hauses vertreten sein. Von der deutschen industriellen Kunst sind zahlreiche Muster ihrer Erzeugnisse aller Branchen angesagt. Die Goldschmiede von Hanau, Pforzheim und Schwäbisch-Gmünd organisieren eine Kollektivausstellung. Auch die beiden königlichen Porzellanmanufakturen Berlin und Meissen, sowie die der thüringischen Staaten werden vertreten sein. In derselben Sektion werden Möbelausstellungen von Berliner und Kölner Häusern, sowie eine interessante Ausstellung von Nürnberger und Sonneberger Spielwaren untergebracht werden.

Junge Künstler der neuen Schule haben Zeichnungen für Wandteppiche, Vorhänge etc. etc., sowie für Möbel mit neuen Formen geliefert; ihre Arbeiten, die vielleicht scharf kritisiert werden dürften, haben wenigstens den Vorzug, originell zu sein. Die deutsche Regierung hat es ausserdem durchgesetzt, auf der Esplanade des Invalides eine kleine Kapelle für die religiöse Kunst und die Kirchenschmuckgegenstände erbauen zu lassen. Die Seidenfabriken von Krefeld und die Spitzenmanufakturen von Plauen werden Kollektivausstellungen veranstalten.

Die chemische Industrie Deutschlands, die bekanntlich die Welt beherrscht, wird sich auf sechs Gruppen verteilen und ein Laboratorium zur Verfügung haben. In der Hygieinesektion werden die Arbeiten und Ergebnisse des Reichsgesundheitsamtes und auch die des Arbeiterversicherungsamtes zur Ausstellung gelangen. In Vincennes werden noch Spritzen, Rettungsapparate und Musterarbeitshäuser für deutschen Gewerbefleiss Zeugnis ablegen. Auf besonderen, dem Marquis de Noailles gegenüber geäusserten Wunsch des deutschen Kaisers wird in Gruppe XVIII eine historische Ausstellung preussischer und deutscher Uniformen von der Regierungszeit des Grossen Kurfürsten bis auf unsere Epoche organisiert werden.

–h.

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