Titel: Zuschrift an die Redaktion.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 4 (S. 32)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi02_4

Zuschrift an die Redaktion.

(Unter Verantwortlichkeit des Einsenders.)

In The Electrical Engineer vom 8. September er. wird die Schutzvorrichtung für Hochspannungsanlagen (Kraftübertragung), welche in D. p. J. 1899 313 * 119 beschrieben ist, kritisiert. Nachstehend sei der englische Originaltext wiedergegeben:

Overhead Safety Wiring. – „We notice in Dinglers polytechnisches Journal a description of a System of overhead wires, which it is claimed will give perfect safety to the public in case the wires should be broken accidentally. The whole object of the invention, which is owned by an important Company in Berlin, is to ensure that immediately the tension is taken off the wire owing to fracture, the loose ends shall be disconnected from the source of supply. From the description and illustrations given in our contemporary this would most certainly happen, but yet there are in the invention such grave faults electrically that we do not anticipate the invention being used commercially. The insulator supporting the wire is provided with several collars and rings, on which there are two projecting hooks placed one in each direction along the line. These hooks are placed with the projecting prong downwards, and are so designed that the shackle on the end of the wire is only kept upon the hook by the wire being stretched tight. In order that this may be the case, it is not rigidly connected to te shackle, but is twisted round it with a bellhanger Joint. As soon then as the wire is broken the shackle assumes a practically horizontal position and slips from the hook, in this way disconnecting the broken wire. When however, one comes to count up the number of contacts on each insulator, we find that there are four loose contacts at each support maintained by the straining of the wire and one fairly good contact between the rings round the insulator. We are practically sure that in a few years these connections would be the cause of very numerous breakdowns, as, owing to oxidation of the surfaces employed, great local heating would be set up if any appreciable current be used. In fact, the idea is an obvious one to any electrical engineer, who, however, would be bound to reject it as soon as thought on account of these contact troubles.“

Die Unrichtigkeit dieser Kritik beweisen die günstigen praktischen Erfahrungen, welche seit Jahren ausser mir noch viele andere mit diesen Schutzvorrichtungen gemacht haben und welche im allgemeinen auch in der beschreibenden Abhandlung in Dinglers polytechnischem Journal angegeben waren, von dem Schreiber der Kritik anscheinend aber nicht durchgelesen sind. Nach Inhalt der kritischen Betrachtung erscheint die Kritik überhaupt nur auf Grund der beigefügten Zeichnungen und nicht nach Studium der beigegebenen erläuternden Beschreibungen erfolgt zu sein.

Ich will hier auf die Einzelnheiten weiter eingehen, da ich es für richtig halte, wenn in Bezug auf solche, für die Elektrotechnik wichtige Apparate, welche bereits Erfolge erzielten und noch mehr später eine Rolle spielen werden, vollkommene Klarheit herrscht.

In der genannten Kritik wird in erster Linie die grosse Anzahl Kontaktstellen misstrauisch betrachtet, welche die Eigentümlichkeit des Apparates mit sich bringt, und behauptet, dass eine Oxydation eintreten und zu zahlreichen Störungen Veranlassung geben würde.

Dem entgegen sei erwidert, dass sich 1. an jedem Apparat nur zwei und nicht, wie der Verfasser der Kritik sich ausdrückt, vier „lose“ Kontaktstellen befinden. Wie in der Beschreibung in Dinglers polytechnisches Journal genau erwähnt, sind nämlich die beiden anderen Kontakte dadurch vollständig aufgehoben, dass das betreffende Drahtende, nachdem es um die Oese geschlungen ist, an der Oese selbst festgelötet wird. Aber abgesehen davon ist die Anzahl der Kontaktstellen deshalb ganz gleichgültig, da der praktische Betrieb seit genügend langer Zeit bereits ergeben hat, dass die Leitungsfähigkeit dieser Kontaktstellen zum mindesten gleich, meist aber grösser ist, als diejenige des Leitungsdrahtes selbst.

Es erklärt sich dies sehr leicht dadurch, dass die Auflagefläche bei den Kontakten ca. 15fach so gross ist, als der Querschnitt des Leitungsdrahtes.

Die Bezeichnung „lose Kontaktstellen“ kann ich nicht als zutreffend bezeichnen, da der Kontakt infolge der natürlichen Spannung des Drahtes unter stetig starkem Druck verbleibt. Es sei hier nochmals beiläufig hervorgehoben, dass, wie in der Abhandlung in Dinglers polytechnisches Journal bereits ausdrücklich gesagt war, der Kontakt selbst durch Einlegen von Stanniol (elastischen Leiter) bei der Montage gesichert wird und der ganze aus Bronze bestehende Apparat vollständig verzinnt ist.

In der Praxis ist es nun eine alte Erfahrung, dass Kontaktstellen, welche sich unter einem ziemlichen Druck dauernd befinden, wie es hier der Fall ist, der Einwirkung von Luft, Licht oder Wasser nicht zugänglich sind, daher auch keine Oxydation eintreten lassen.

Ein Verschleiss resp. eine Zerstörung der Kontaktflächen genannter Schutzvorrichtungen ist bisher in der Praxis nicht konstatiert worden, ebensowenig konnte eine Erwärmung derselben, selbst bei Strömen, welche dem Drahtquerschnitt entsprechen, wahrgenommen werden. Ich selbst habe die Apparate bei vielen Kilometern Hochspannungsleitungen während 2 Jahren auch unter den ungünstigsten Verhältnissen beobachten können, nachdem ich mich vorher durch eingehende Dauerversuche von der Zweckmässigkeit und Betriebssicherheit der Schutzvorrichtungen überzeugt hatte.

Die Folge dieser jahrelangen praktischen Resultate war die, dass bedeutende Elektrizitätsfirmen, unter welchen besonders die Union-Elektrizitätsgesellschaft Berlin genannt sei, bei vielen Anlagen und in grosser Menge diese Schutzvorrichtungen angewendet wurden. Dies dürfte wohl der beste Beweis für die Brauchbarkeit der Schutzvorrichtungen sein, denn es ist wohl einleuchtend, dass solche Firmen sich ein Urteil zuvor verschaffen und die Vorrichtungen zu beurteilen vermögen.

Schliesslich sei noch erwähnt, dass sich im Betriebe ausser den bereits in der Abhandlung in D. p. J. 1899 313 * 119 genannten Vorzüge noch eine ganze Reihe anderer gezeigt haben. So kam z.B. bei den mit Schutzvorrichtungen ausgestatteten Hochspannungsleitungen bei Drahtbrüchen noch nie ein Versagen vor, die Reparaturen konnten ausserordentlich leicht bewirkt werden und selbst bei den inzwischen eingetretenen stärksten Stürmen ist nie ein Missstand aufgetreten, während die in der Nähe befindlichen Schutznetze sehr häufig zu Störungen Veranlassung gaben. Ferner wurden bei mit Schutznetzen ausgestatteten Hochspannungsleitungen bei Drahtbruch stets sämtliche Leitungen durch den auftretenden Erdschluss gestört, während bei den mit Schutzvorrichtungen der beschriebenen Art ausgestatteten Leitungen ein Erdschluss überhaupt nicht eintreten kann und die Leitungen bis zu der Stelle, an welcher der Drahtbruch erfolgt ist, vollständig betriebsfähig bleiben.

Neusalza, den 19. September 1899.

Otto Böhm, Oberingenieur.

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