Titel: Doktor der Technik.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 2 (S. 47–48)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi03_2

Doktor der Technik.

Die technischen Wissenschaften haben in unserer Zeit den grossartigsten Aufschwung genommen; sie stehen Hand in Hand mit den Naturwissenschaften im Vordergrunde der geistigen Bewegung und ihre Errungenschaften geben den Gegenwartsmenschen das stärkste Bewusstsein von der Kraft und Hoheit der kämpfenden und siegenden Intelligenz. Die Gleichstellung der technischen Hochschulen mit den Universitäten ist denn auch längst vom Staate und von der Welt der Gebildeten in allem Wesentlichen anerkannt; die Einsicht der Erfahrenen, die das Feld der geistigen Arbeit überblicken, hat sie geschaffen, die imponierende Arbeit der Techniker hat sie gerechtfertigt, und das Temperament der Jugend ist ihr warmherzig entgegengekommen. Die Gleichgeltung der Professoren an den Hochschulen beider Art kann keinem ernsten Zweifel begegnen; die Studenten da und dort fühlen und verbinden sich als Kollegen – warum soll der Parallelismus auf einer Mittelstufe innehalten, warum soll der absolvierte Techniker, der den hohen Anforderungen der schwierigsten Disziplinen entsprochen hat und durch alle schweren Prüfungen hindurchgegangen ist, des allverständlichen Zeichens der schwer errungenen Befähigung und des mühsam erworbenen Grades entraten? Hier hat die Gleichheit eine Lücke, die schon lange schmerzlich empfunden und von keiner Seite bestritten wird. Diese Lücke ausfüllen heisst dem Geist der modernen Entwickelung Rechnung tragen und einer Forderung der Gerechtigkeit entsprechen. Zu dieser hohen moralischen Bedeutung der in Aussicht gestellten Reform gesellt sich eine ebenso wichtige praktische, die einem drängenden Bedürfnis entgegenkommt. Dem von der Hochschule für reif erklärten Techniker, der in das wirksame Leben hinaustritt, fehlt bis zur Stunde eine Bezeichnung, die bei aller Welt beglaubigt und weder einem Missverständnis noch einer Verwechslung unterworfen ist. Alle Titel, die ihm zur Zeit zugesprochen, und die für ihn neuerdings von den Gegnern des technischen Doktorats in Vorschlag gebracht werden, entbehren den Vorzug, dass ihr moralischer Wert und ihre praktische Bedeutung in das Bewusstsein der Allgemeinheit übergegangen sind. Der „Ingenieur“ mit allen erdenklichen Zusätzen und Steigerungen ist dadurch, dass er zugleich eine Berufsthätigkeit und einen erworbenen Grad bezeichnen soll, immer wieder der irrtümlichen Auffassung preisgegeben. Nur der Doktor, mit dem alle Welt längst eine bestimmte Vorstellung verbindet, der in deutlichster Art auf den zurückgelegten Studiengang und auf die glücklich überstandenen Prüfungen zurückweist, kann dem Techniker das soziale Ansehen, den Kredit und den Schutz der erprobten Fähigkeit gewähren, die ihm auf Grund seiner Arbeit und seines Wissens gebühren.

Wir kenen alle die Bedenken, die gegen das technische Doktorat ins Feld geführt, wir verstehen sie, aber wir teilen sie nicht. Die philologische Abneigung, ein Wort, das sprachgeschichtlich mit den humanistischen Studien zusammenhängt und aus der Entwicklung der Universitäten hervorgegangen ist, auf die jüngeren Schwesterhochschulen zu übertragen, entspringt einer begreiflichen Empfindlichkeit, aber keinem gesunden Gefühl. Es ist das Schicksal der menschlichen Einrichtungen und ihrer Namen, sich immer mit neuem lebendigem Inhalt zu erfüllen. Ihre Kraft wird nur gesteigert und ihr Wert erhöht, wenn ein organisches Wachstum ihre Grenzen erweitert.

Es wäre ein Leichtes, dafür die Beispiele in Hülle und Fülle heranzuziehen. Der „Minister“ von heute würde sich bedanken, wenn man ihm die Funktionen zumuten wollte, die im Mittelalter mit diesem Namen verbunden waren, und der „Doktor“ selbst hat im Laufe der Jahrhunderte seine Bedeutung gewechselt und zur Bezeichnung verschiedenartiger Rechte gedient. Tiefer scheint jenes Argument zu greifen, das zwischen der erkenntnistheoretischen Forschung und der angewandten Wissenschaft unterscheidet und diesen Unterschied, den es auf die Universitäten und technischen Hochschulen anwendet, in der Bezeichnung der Gelehrten, die aus beiden Anstalten hervorgehen, gewahrt wissen will. Aber ganz davon zu schweigen, dass die Grenzen, die man so scharf ziehen will, in Wahrheit fliessende sind, dass der Mann der „Forschung an und für sich“ oft unbewusst eine ganze Umwälzung im praktischen Leben herbeiführt und dass umgekehrt der praktische Erfinder auf seinem Wege in vielen Fällen zu wichtigen erkenntnistheoretischen Ergebnissen gelangt, ganz zu schweigen von der stetigen lebendigen Wechselwirkung der beiden Richtungen – beruhen denn diese Unterscheidungen |48| auf einer sicheren und gründlichen Beobachtung des ganzen Hochschulwesens? Möglich, dass vor langen Jahren, als die technischen Hochschulen erst aus gewerblichen Anstalten hervorwuchsen, und die vom Leben abgewandten Geisteswissenschaften an den Universitäten den Ausschlag gaben, jene Sonderung a potiori gelten konnte. Heute sind die angewandten Wissenschaften von der Universität, die tüchtige praktische Aerzte heranbilden soll, gar nicht mehr fernzuhalten, während die sogen. absolute Wissenschaft auch in den technischen Hochschulen längst eine Stätte der eifrigsten Pflege gefunden hat. Die synthetische Geometrie zum Beispiel dient in ihren schwierigsten Problemen an den technischen Hochschulen keineswegs den absehbaren praktischen Zwecken, sondern der Verstärkung des Forschertriebs, der Schulung des Denkens und der Methode. Nein, der Zug der Zeit drängt keineswegs dahin, die geistigen Arbeiter der chemischen Laboratorien, der Maschinenwerkstätten und der physikalischen Kabinette von dem einsamen Denker in der Studierstube zu trennen. Im Gegenteil – die Männer der beiden Richtungen fühlen sich innerlich genötigt, einander die Hände zu reichen. Es ist wahrscheinlich, dass die Universitäten die technischen Hochschulen mit der Zeit noch weit näher an sich heranziehen werden, um im Sinne der modernen Entwickelung die universitas litterarum zu vertreten. Schon heute liegt der Fall so, dass einzelne Professoren der philosophischen Fakultät ihren Fachgenossen an den technischen Hochschulen geistig weit näher stehen, als den Universitätskollegen, mit denen sie am grünen Tische beisammen sitzen. Wer weiss, ob nicht in absehbarer Zeit ein engeres Band die heute noch getrennten Hochschulen umschliesst und eine neuartige Gliederung der Fakultäten zu Gunsten ihrer Einheitlichkeit und ihres inneren Einverständnisses ermöglicht?

Diese Frage mag der Zukunft überlassen bleiben. Zunächst begrüssen wir es als einen Fortschritt im Sinne unserer geistigen Entwickelung, als einen Akt der Gerechtigkeit und als die Befriedigung eines praktischen Bedürfnisses, wenn die technischen Hochschulen mit dem Rechte ausgerüstet werden, vollgültige Doktorate zu verleihen. Der „Doktor der Technik“ wird ein Wahrzeichen dafür sein, dass jenes rastlos vorwärts drängende Wissen und Können das am unmittelbarsten den Fortschritten der Kultur dient, ohne die Beziehung zu den schwierigsten Aufgaben des Denkens aufzugeben, in der dankbaren modernen Gesellschaft seine volle Anerkennung gefunden hat. (Berl. Neueste Nachrichten.)

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