Titel: Amerikanische Lokomotiven in Grossbritannien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 4 (S. 48)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi03_4

Amerikanische Lokomotiven in Grossbritannien.

Die Monatsschrift Cassiers Magazine erörtert ausführlich die Gründe, welche die Midland Eisenbahn veranlasst haben, 60 Lokomotiven in Amerika zu bestellen. Trotz der 2725 Lokomotiven, welche genannte Eisenbahn besitzt, reichten zu Anfang des Jahres die zur Verfügung stehenden Zugmittel nicht mehr aus, man schrieb daher eine Lieferung von 20 Stück in England aus, erhielt indes den Bescheid, dass die dortigen Fabriken die erste Maschine nicht vor Ablauf von 15 Monaten zu liefern in der Lage wären, wobei man ausserdem nach den gemachten Erfahrungen noch mit Ueberschreitung der Lieferfristen rechnen musste. Dagegen erklärten sich amerikanische Fabriken zur Beschaffung des Gesamtloses in 14 Monaten bereit. Da die englische Eisenbahngesellschaft sehr eilig war, so vergab sie die Bestellung nach Amerika und zwar je zur Hälfte an die Baldwin und die Schenectady Works. Mittlerweile sind 10 Maschinen durch den Seekanal in Manchester angekommen. Sie sind nach einer in Amerika vielfach verbreiteten Bauart, dem dort sogen. „Mogul-Type“ gefertigt. Sie haben aussenliegende Cylinder und dreifach gekuppelte Achsen wie die unserigen, unterscheiden sich aber sonst in mancher Hinsicht von der bei uns und in England gebräuchlichen Bauart. So haben sie an Stelle der bei uns allgemein üblichen Feuerbuchsen aus Kupfer solche aus Flusseisen, gänzlich andere Rahmen sowie Lagerung und Verteilung des Gewichts, hinsichtlich der Herstellung und Bearbeitung der einzelnen Teile sind sie im allgemeinen einfacher und daher auch billiger in der Fabrikation.

Durch die Tagespresse ist bekannt geworden, dass bei einer am 25. August d. J. erfolgten Submission der sächsischen Staatsbahnen auf 20 Stück vierachsige Personenverbundlokomotiven von den Baldwin Locomotive Works in Philadelphia ein Angebot gemacht wurde, das sich ausschliesslich Eingangszoll auf 54760 M. für je eine Lokomotive frei Chemnitz stellte, während das niedrigste deutsche Angebot 54540 M., also scheinbar nur 220 M. weniger betrug. Dabei wollte die amerikanische Firma die Verschiffung innerhalb 7 Monaten bewerkstelligen, während die deutschen Lokomotivbauanstalten erklärten, nicht vor 9 Monaten mit der Lieferung beginnen und dieselbe erst mit Juni 1901 beenden zu können. Ist nun auch die Erteilung des Zuschlags an die amerikanische Firma aus dem Grunde nicht zu befürchten gewesen, weil sich das Angebot, abgesehen von der teilweisen Verwendung minderwertigen Materials, auf ein von der Ausschreibung abweichendes Lokomotivsystem Baldwin (Vauclain), D. p. J. 1898 308 124, bezog, so enthält doch dieser Vorgang die ernste Mahnung, uns auf allen Gebieten zur Bekämpfung des amerikanischen Wettbewerbes zu rüsten.

Erwähnt mag bei dieser Gelegenheit noch werden, dass die Stadt Glasgow neulich Maschinen für die dortige elektrische Zentrale im Werte von 2291080 M. in Amerika bestellt hat. (Stahl und Eisen.)

–h.

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