Titel: Ein Ozonwasserwerk für keimfreies Trinkwasser.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 2 (S. 63–64)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi04_2

Ein Ozonwasserwerk für keimfreies Trinkwasser.

Man weiss schon seit langer Zeit, dass Wasser, welches nicht zuviel organische Substanz enthält, durch die Einwirkung des Ozongases praktisch keimfrei gemacht werden kann. Wie Arthur Wilke (Berlin) der Frankfurter Zeitung mitteilt, hatte auf Anregung des Regierungsrates Dr. Ohlmüller vom Reichsgesundheitsamte die Firma Siemens und Halske, A.-G., ein hierauf sich gründendes Verfahren zur Befreiung des Wassers von Keimen durchgearbeitet und sprach Dr. Ohlmüller es in seiner diesen Gegenstand behandelnden Veröffentlichung aus, dass es nur noch Sache des Technikers sei, die Anwendung der ausgeprobten Methode im grossen zu ermöglichen. Neuerdings haben nun Siemens und Halske, angeregt durch bakteriologische Versuche des Dr. Weyl und durch entsprechende Versuche, welche in Frankreich unter Mitwirkung des Instituts Pasteur ausgeführt worden sind, die Weiterausbildung des Verfahrens wieder aufgenommen und zu diesem Zwecke ein kleines Werk zur Ozonisierung |64| von Spreewasser bei Martinikenfelde-Berlin errichtet, dessen Ergebnisse annehmen lassen, dass wir es hier mit dem Anfange einer ganz neuen und fruchtbaren Entwickelung in der Wasserreinigungstechnik zu thun haben. Bevor wir eine Beschreibung des Werkes geben, wollen wir einige Bemerkungen über das Ozongas selbst und seine Einwirkung auf das Wasser einschalten.

Während der gewöhnliche Sauerstoff, welcher einen Bestandteil unserer Atmosphäre bildet, in seinem Molekül zwei Sauerstoffatome vereinigt, ist das Ozonmolekül aus drei solchen Atomen zusammengesetzt. Das dritte Atom des Ozonmoleküls löst sich verhältnismässig leicht ab und entwickelt in diesem Zustande eine starke oxydierende Kraft, welche eine Art von kalter Verbrennung fein verteilter organischer Substanz zu bewirken vermag. Die Umwandlung des gewöhnlichen Sauerstoffs in Ozon erfolgt am leichtesten durch den elektrischen Ausgleich ohne Funken, durch sogen. dunkle Entladungen, und auf diesen Vorgang gründet sich die von Werner von Siemens 1857 erfundene Ozonisierungsröhre, welche für alle späteren Konstruktionen von Ozonisierungsapparaten vorbildlich gewesen ist, wenn auch die modernen Ozonisatoren in Leistung und Sicherheit den einfachen Apparat des genialen Erfinders weit überholt haben.

Uebergehend zu der Einwirkung des Ozons auf Wasser, bemerken wir, dass die Verunreinigungen, welche man aus dem Wasser zu entfernen hat, dreierlei Art sind, nämlich 1. die schwebenden, festen Bestandteile, welche zwar ungefährlich sind, aber das Aussehen des Wassers und seine Verwendung für manche Zwecke beeinträchtigen, weiter 2. die Bakterien, welche zum Teil, wie durch die neuere Forschung festgestellt, die Erreger von Epidemien werden können und beispielsweise für die eingangs genannten Fälle in ihrer besonderen Form als Typhusbakterien in dem Trinkwasser, welches aus Flussläufen entnommen war, nachgewiesen worden sind; 3. endlich die huminsauren Verbindungen, welche dem Wasser eine mehr oder minder gelbliche Färbung geben. Die beiden erstgenannten verunreinigenden Bestandteile vermag man schon jetzt mit anerkennenswertem Erfolge aus dem Rohwasser abzuscheiden, und zwar durch die Sandfiltration, für welche eine grosse Anzahl von Städten zweckmässig und gut funktionierende Anlagen errichtet und durch dieselben den grösseren Gefahren der erwähnten Art vorgebeugt haben. Doch verhehlen sich sehr bedeutende Sandfiltrationstechniker nicht, dass die in dem sandfiltrierten Wasser immer noch übrigbleibenden Prozente Bakterien unter Umständen doch eine Gefahr bedeuten können. Ob diese Befürchtung berechtigt ist, könnte freilich nur durch eine grosse Epidemie entschieden werden, ein Beweis, vor dem uns das Geschick behüten möge, und welchem wir die Gewissheit vorziehen, dass wir in der Ozonisierung des Wassers ein sicheres Mittel besitzen, die im Wasser vorhandenen Bakterien abzutöten. Diese sichere Wirkung des Ozons ist selbst dann noch vorhanden, wenn das Wasser in Filtern von minder grosser Oberfläche, als sie die jetzt benutzten Sandfilter besitzen, vorgereinigt wird. Die jetzt in den Wasserwerken vorhandenen riesigen Filterflächen würden also wahrscheinlich erheblich verkleinert oder auf eine erheblich grössere Leistung, als jetzt von ihnen verlangt werden darf, gebracht werden können.

Die Aufklärung über alle diese Verhältnisse gibt uns nun das Versuchswerk in Martinikenfelde, in welchem durch einen während einer längeren Zeit geführten Betrieb erwiesen ist, dass durch Ozon ein kontinuierlicher Wasserstrom von lebenden Bakterien befreit werden kann. Bei der einfachen Anordnung dieser Anlage erheischt die Darstellung nicht allzuviel Worte. Das zu reinigende Rohwasser wird durch eine Pumpe der vorbeifliessenden Spree, welche hier aus Berlin heraustritt und also den stärksten Grad ihrer Verunreinigung erreicht hat, entnommen und zunächst durch einen Grobfilter geführt, welcher aus einer Schicht groben Kieses besteht. Diese Grobfiltrierung hat den Zweck, das Wasser von gröberen Verunreinigungen, Papier, Aepfelschalen, Fischen u.s.w. sowie von Fettbeimischungen, welche, wenn nicht entfernt, die Ozonwirkung erheblich beeinträchtigen würden, zu befreien. Von dem Grobfilter gelangt das Wasser in einen Sammelbehälter und wird aus diesem durch eine zweite Pumpe in den eigentlichen Sterilisationsapparat, „Ozonturm“ genannt, gebracht. Hier trifft das Wasser, welches in dem Turm, zweckmässig auf grosse Flächen verteilt, hinunterrieselt, in feiner Verteilung mit dem von unten kommenden Ozonstrom zusammen und wird durch die antibakterielle sowie oxydierende Wirkung des Ozons sowohl sterilisiert als auch von den gelbfärbenden huminsauren Eisensalzen befreit. Das Verfahren ist ein, wie der Leser erkennt, überaus einfaches.

Die für die Erzeugung des Ozongases angewendeten Apparate beruhen auf den Grundprinzipien, welche durch die langjährigen Arbeiten des Dr. O Frölich, des Oberelektrikers von Siemens und Halske, festgelegt worden sind. Die Anlage selbst ist dem chemischen Laboratorium des Hauses unterstellt und wird, abgesehen von dem bakteriologischen Teil, welcher von Dr. Th. Weyl überwacht wird, von dem Vorsteher des Laboratoriums, dem Elektrochemiker Dr. Gg. Erlwein geleitet.

Neben den in dem geschilderten Werke unternommenen Versuchen über die Wirkung des Ozons auf Wasser werden dort noch Versuche und Beobachtungen über die für solche Anlagen erforderlichen Filter angestellt, weil allem Erwarten nach die künftige Technik der Wasserreinigung sich der Verbindung beider Methoden, der Filtration und der Ozonisierung bedienen wird.

–h.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: