Titel: Der Luftballon im Heeresdienst.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 1 (S. 77–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi05_1

Der Luftballon im Heeresdienst.

Ueber die Verwendung des Luftballons im Heeresdienst bringt die Nordd. Allg. Ztg. einen Aufsatz, für den ein besonderes Interesse vorausgesetzt werden darf. Es wird darin ausgeführt:

Mit dem Fesselballon sind in der kurzen Zeit seines Bestehens schon wiederholt wesentliche Veränderungen vorgenommen worden. Bis zum Jahre 1896 wurde als Fesselballon der kugelförmige, wie solcher auch jetzt noch zu Freifahrten im Gebrauch ist, benutzt. Derselbe zeigte wesentliche Nachteile; er war wenig stabil und bei einer Windstärke von mehr als 6 bis 7 m war seine Benutzung überhaupt ausgeschlossen. Diese Uebelstände führten zu mannigfachen Versuchen, welche endlich mit der Annahme des Drachenballons endeten. Dieser wurde vor wenigen Jahren erfunden und dessen Form ist jetzt bei den Armeen Frankreichs, Englands und Oesterreichs im Gebrauch. Das Prinzip dieses Ballons entspricht dem Prinzip des Drachens, wie ihn die Kinder beim Spielen steigen lassen. Dadurch, dass er etwas schräg in den Wind gestellt wird, wirkt der Wind nicht mehr wie früher drückend, sondern hebend auf den Ballon, und es ist durch diese Konstruktion möglich geworden, den Ballon fast bei jedem Wetter steigen zu lassen. Die Hülle des Ballons hat eine längliche Form, ist in der Mitte cylindrisch, und an beiden Enden sind Kugelabschnitte angesetzt. Durch Zeug wird dieser Ballon in einen kleinen unteren und einen grösseren oberen Teil getrennt. In letzterem befindet sich das zum Schweben nötige Gas (Wasserstoffgas), in ersteren dringt durch eine trichterförmige Oeffnung Luft. Durch diese Anordnung ist es möglich, die dem Ballon nötige längliche Form beizubehalten. Am hinteren Ende des Ballons befindet sich ein länglicher, nach unten gebogener, wulstförmiger Ansatz, ähnlich dem Aussehen eines Krebsschwanzes. In diesem befindet sich Luft, und durch denselben ist es möglich, dem Ballon die dem Drachenprinzip entsprechende schräge Stellung zu geben, und dieser Luftsack trägt wesentlich zur Verminderung der Schwankungen in der Luft bei. Der Korb zur Aufnahme der Personen befindet sich unter der Mitte des Ballons, das Haltekabel etwas nach vorn. Die Verwendung ist bis zu einer Windstärke von 14 bis 15 m möglich. Der Korb ist im allgemeinen zur Aufnahme einer Person eingerichtet, die Verständigung dieser mit den auf der Erde Befindlichen geschieht mittels Telephons. Dieser Luftballon ist infolge seiner Konstruktion fast an jedem Tag des Jahres zu verwenden, was gegen den früher im Gebrauch gewesenen einen wesentlichen Vorteil zeigt. Die höchste Höhe, bis zu der ein Hochlassen möglich ist, beträgt 1000 m; selbstverständlich vermindert sich diese Zahl bei schwerem Wetter.

Unter normalen Umständen ist eine Beobachtung im Umkreise von 7 bis 8 km mit Hilfe eines guten Glases für militärische Zwecke möglich, d.h. auf diese Entfernungen kann der im Ballonkorb Befindliche noch Truppen und ihre Bewegungen erkennen; nur unter den günstigsten Verhältnissen vergrössern sich diese Entfernungen bis zu 12 bis 13 km. Ein Beobachten auf derartige Entfernungen ist infolge der Schwankungen des Ballons, welche die Orientierung anfangs sehr erschweren und verhindern, besonders wenn die Hilfe des Fernglases notwendig ist, den zu beobachtenden Gegenstand fortgesetzt im Auge zu behalten, sehr schwierig, und muss selbstverständlich erst erlernt werden. Die meisten sehen überhaupt bei den ersten Aufstiegen gar nichts. Sind jedoch erst die oben angegebenen Schwierigkeiten überwunden, so überblickt der Aufgestiegene das Gelände wie eine Karte, alle, auch die langsam vor sich gehenden Veränderungen kann er in wenigen Sekunden erkennen. Die Verwendung dieses erst seit wenigen Jahren im Gebrauch befindlichen Kriegsmittels ist sowohl im Festungs- als auch im Feldkrieg von grossem Wert. Zur Bedienung des Ballons in ersterem werden Leute bei der Fussartillerie und den in Festungen liegenden Infanterie-Regimentern ausgebildet, während in letzterem das Luftschifferbataillon (vom 1. Oktober 1899 ab, bis dahin Abteilung), zwei Kompanien stark, Verwendung findet. Selbstverständlich ist der Gebrauch des Fesselballons um so leichter, vielseitiger und bequemer, je mehr er an einer Stelle stehen bleiben kann. Am bequemsten ist deshalb die Verwendung des Ballons im Festungskrieg und hier wiederum bei dem Verteidiger, da bei diesem die Verwendung einer grösseren Zahl von Fahrzeugen unnötig erscheint. Ein Mitführen des Gases ist nicht erforderlich, da die Füllung stets an dem Herstellungsort des Wasserstoffgases oder wenigstens in dessen Nähe stattfinden kann. Der Raum zum Platzwechsel ist nicht sehr gross, so dass, im Fall ein solcher nötig wird, derselbe mit gefülltem Ballon vorgenommen werden kann.

Im Festungskriege kann die Führung aus der Verwendung des Ballons folgende Vorteile ziehen: Der Verteidiger erkennt von ihm aus die Heranschaffung des Belagerungsmaterials, die Herrichtung des Parks des Angreifers und ist so sehr bald in der Lage, sich ein Bild machen zu können, von welcher Seite der Hauptangriff zu erwarten ist. Dementsprechend ist er schon während der Vorbereitungen des Gegners, also viel zeitiger als |78| in früheren Kriegen, in der Lage, seine Gegenmassregeln zu treffen. Dem Angreifer wird es immer schwieriger, mit seinen Hauptangriffsbatterien überraschend aufzutreten und sich so Vorteile zu sichern. Der Angreifer übersieht genauer und schneller als früher die Verteidigungswerke, er bemerkt, ohne dass schon von allen Stellungen aus das Feuer eröffnet worden ist, die gegnerischen Anschluss- und Zwischenbatterien, die Herstellung der Zwischenstellungen u.s.w. Beide erkennen genau die Wirkungen ihrer Artillerie, können die Schüsse genau beobachten und ihren eigenen Batterien die Lage verdeckter Ziele angeben u.s.w. Auch für den Feldkrieg bringt der Luftballon wesentliche Vorteile; auch hier ist für den in Verteidigungsstellung Befindlichen die Verwendung naturgemäss bequemer als für den sich Bewegenden, den Angreifer. Der erstere wählt seinen Platz zum Aufstieg, stellt sich in Ruhe auf und beginnt seine Beobachtungen, nachdem er sich orientiert hat, die feindlichen Truppen erscheinen ihm nach und nach.

Einzelne Optimisten hatten gehofft, dass die Thätigkeit des im Ballon Beobachtenden vollständig an Stelle derjenigen der aufklärenden Kavallerie treten könne. Dieses hätte allerdings wesentliche Vorteile gehabt, denn das Gesamtbild, das sich der Führer auf Grund der Meldungen des Beobachters im Fesselballon macht, deckt sich der Zeit nach vollständig mit der wirklichen Situation, während dasjenige, das auf Grund der Meldungen der Reiterei entsteht, mag dasselbe noch so genau sein, doch stets nur eine vergangene Situation angibt. Auch können im ersteren Falle etwaige Lücken des Bildes leicht durch den Beobachter ausgefüllt werden. Diesen Vorteilen steht aber zunächst gegenüber, dass das neue Kriegsmittel gegen Zufälle noch zu empfindlich, die Beobachtung noch zu abhängig von Wind und Wetter ist, als dass man immer auf dasselbe rechnen könnte. Ferner ist ein Erkunden mittels des Ballons nur in der Nähe des Schlachtfeldes möglich; zu weit ausholenden Rekognoszierungen, wie solche namentlich bei den nächsten Massenheeren nötig sind, ist der Ballon nicht fähig; hier kann die Kavallerie nicht entbehrt werden. So viel steht jedoch fest, dass man vom Fesselballon unter normalen oder halbwegs günstigen Verhältnissen immer und zuverlässig in der Lage ist, den Aufklärungsdienst der Kavallerie unmittelbar vor und während des Gefechts nicht nur zu ergänzen, sondern ihn nach Vollständigkeit der Beobachtung und Schnelligkeit der Meldung sogar weit zu übertreffen und vollständiger, umfassender, rascher und einfacher Erkundigungen auf dem Gefechtsfelde einzuziehen, als die Reiterei.

Betrachten wir nun noch kurz die Hauptpunkte der Thätigkeit eines Beobachtenden in einer Verteidigungsstellung: Vor dem Gefecht: Feststellung der Anmarschlinien des Feindes und die Kräfteverteilung. Feststellung der Abwesenheit des Feindes auf anderen wichtigen Linien. Beobachtung des feindlichen Aufmarsches. Während des Gefechts: Feststellung der feindlichen Schützenlinien, was nach Einführung des rauch schwachen Pulvers besonders wichtig erscheint. Es wird dieses dem im Ballon Befindlichen dadurch erleichtert, dass er die Stellung der Reserven und ihren Verkehr mit den Schützenlinien sehen kann. Der eigenen Artillerie kann er gegen direkten Schuss gedeckte grosse Ziele angeben und die Wirkung beobachten. Beobachtung der feindlichen Kräfteverteilung und frühzeitige Erkennung von Umfassungsabsichten. Feststellung der Verhältnisse in der Gefechtslinie der eigenen Truppe. Dieses letztere ist bei der grossen Ausdehnung der künftigen Schlachtfelder von ausserordentlicher Wichtigkeit. Aehnliche Anforderungen werden an den Beobachtenden des Angreifers gestellt werden müssen, nur befindet sich dieser insofern im Nachteil, als sich alles das auf einmal seinem Auge darbietet, was der Verteidiger nach und nach beobachten konnte. Deshalb ist hier um so besseres Orientierungsvermögen und um so schnelleres Auffassen der wichtigsten Punkte erforderlich.

In letzter Zeit hat der Gebrauch des Fesselballons noch in zwei Punkten eine Erweiterung erfahren: 1. findet er Verwendung im optischen Signalwesen, das neuerdings auch zum Gebrauch des Feldkriegs in den verschiedenen Armeen in Aufnahme kommt, indem man an dem Haltekabel kleine Signalbälle in die Höhe lässt, wie das z.B. in Deutschland zum erstenmal in den Kaisermanövern im Jahre 1898 bei Minden der Fall war. Sollen keine Signale empfangen werden, so ist der Aufstieg einer Person natürlich unnötig, und es wird zum Hochlassen der Bälle, also zum Zeichengeben ein kleiner Ballon benutzt; 2. werden Versuche gemacht, den Luftballon der Telegraphie ohne Draht nutzbar zu machen. Diese Versuche haben bereits gute Resultate ergeben.

Es ist selbstverständlich, dass man sehr bald auf Mittel sann, dieses gefährliche und immer gefährlicher werdende Kriegsmittel unschädlich zu machen. So wurden denn eingehende Versuche gemacht, um die Wirkung der Feuerwaffen gegen den Luftballon zu erproben. Diese Versuche haben ergeben, dass Infanteriefeuer demselben nicht schadet. Eine Wirkung können nur Feld- oder schwere Geschütze mit Schrapnells erzielen, jedoch auch nur unter oft grossem Munitionsverbrauch. Auch hierbei ist für die im Korbe befindliche Person, wenn sie nicht selbst getroffen wird oder wenn der Ballon nicht Feuer fängt oder wenn das Geschoss nicht in der Hülle krepiert, selten etwas zu fürchten, da die entstehenden Oeffnungen meist nur klein sind, das Gas also langsam ausströmt und der Ballon sich infolgedessen nur allmählich senkt. Auch ist der Schaden meist schnell wieder gut zu machen. Als bestes Mittel gegenüber dem feindlichen Artilleriefeuer gilt noch immer ein Herangehen nicht unter 5 km und ein dauernder Wechsel in Höhe und Platz, sobald die feindlichen Geschütze gegen den Ballon zu wirken beginnen.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: