Titel: Die Konjunktur der Arbeit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 3 (S. 78–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi05_3

Die Konjunktur der Arbeit.

In allen wissenschaftlichen und Fachkreisen begegnen wir den Betrachtungen über die Leistungen des ablaufenden und die Ausblicke des kommenden Jahrhunderts und über den Stand der Dinge an der Schwelle zweier Zeitalter. Verhehlen wir es uns nicht: Die treibenden Elemente unserer Zeit sind die wirtschaftlichen; ein ungeheurer Wettbewerb um die Güter der Erde ist zwischen allen Kulturvölkern entbrannt, und wenn durch diese Jagd nach Besitz friedfertige Völker in Krieg getrieben werden, so ist darin nur ein Auswuchs jenes Kampforganismus zu erblicken, der heute die ganze Welt beherrscht. Der Volkswirt und Statistiker Raphael Georges Levy untersucht daher in der Revue des Deux Mondes die wirtschaftliche Ordre de Bataille der Nationen.

Welcher Art Güter sind es heute, die den Vorrang an Wohlstand und Gedeihen unter den einzelnen Völkern bestimmen? Es sind Gold, Silber, Kohle und Eisen. Alle anderen Produktionen stehen in Abhängigkeit von diesen Grundlagen des nationalen Besitzes. Die Golderzeugung hat sich gegen früher durch die Entdeckung neuer Felder in Südafrika, Westaustralien und in den eisumschlossenen Hochthälern von Alaska weit mehr als verdoppelt. Für das Jahr 1898 wird die Goldausbeute auf etwa 1½ Milliarden Mark, die Ausbeute an Silber auf das Zehnfache an Gewicht und etwa 4 Milliarden Mark an Wert berechnet. Aber diese Edelmetalle haben nur mehr indirekten Bezug auf den öffentlichen Wohlstand, und ihre Produktion bildet nur einen verschwindend kleinen Teil in der gigantischen Masse menschlicher Arbeit, die den anderen Hauptgütern, der Kohle und dem Eisen, gewidmet ist.

Die Vereinigten Staaten Amerikas haben auf diesem Gebiete binnen weniger Jahre die Führung an sich gerissen. Nicht nur, dass dieses Riesenreich in allen Industriezweigen die Bedürfnisse seiner 75 Millionen Einwohner befriedigt, hat es, ganz abgesehen von der Ausfuhr an Getreide, Fleisch, Holz, Obst und anderen Naturprodukten, im Jahre 1898 bereits an Industrieerzeugnissen mehr ausgeführt, als seine Einfuhr betrug. Der rücksichtslose Geschäftssinn des Amerikaners, der in den Trusts Riesenagitation vereinigt, um alle Elemente der Arbeit, Rohgewinnung, Transportmittel und Industrie in den Dienst des gleichen Zweckes zu stellen, ermöglicht diese verblüffenden Erfolge. In den vier Jahren 1894 bis 1898 hat sich die Erzeugung von Gussstahl von 6 auf 12 Millionen Tonnen vermehrt, so dass Amerika heute schon auf dem Weltmarkt in Kohlen mit nahezu gleichen Riesenmassen wie England erscheint.

Ein grosser Abstand trennt die Arbeitsvölker der germanischen und angelsächsischen Rasse von den romanischen Nationen. Das kleine Belgien allerdings mit seinen Wallonen und Flandern behauptet sich erfolgreich und ist mit seinen mächtigen Kohlenbetrieben |79| nahe daran, die Flötze abgebaut zu haben; es sendet den Ueberschuss an Kapitalien und Menschen den neuen Unternehmungen im Auslande, namentlich in Russland zu. Dagegen ist Frankreich – nach dem eigenen Zeugnis der Franzosen – in dem Wettkampf entschieden zurückgeblieben. Italien sucht den Mangel an Kohlen durch Ausnutzung seiner Wasserkräfte und entsprechende elektrische Anlagen wettzumachen. Spanien fängt an, seine Schätze an Metallen rationell auszubeuten.

Als ungeheuerliches Rätsel zukünftiger Entwickelungen erscheint das noch fast unerforschte Russland mit seinen 130 Millionen Einwohnern und seiner stetig zunehmenden Industrie als Gin Faktor, der heute schon auf diesem Gebiete ernsteste Beachtung fordert. Heute schon produziert Russland mehr Stahl als Frankreich, und der noch empfindliche Mangel an Kohle wird in Südrussland durch das Petroleum von Baku in erheblichem Teile wettgemacht.

Im Zeichen dieser Verhältnisse und Zustände erfolgt der Uebertritt unserer Kulturwelt in das neue Jahrhundert. Das kleine Europa, welches vor 100 Jahren dem Stirnrunzeln des genialen Korsen gehorchte, empfängt heute sein Wohl und Wehe von den Konjunkturen der Arbeit, die allen Teilen der bewohnten Erde gleichmässig gilt. Der Wettkampf der Nationen wird in den Maschinenwerkstätten ausgefochten. (B. A.-Z.)

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