Titel: Zuschrift an die Redaktion.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 5 (S. 80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi05_5

Zuschrift an die Redaktion.

(Unter Verantwortlichkeit des Einsenders.)

Zu den „Grundlagen zur Fluglehre“ von F. Heinz-Sarajevo1).

Der Verfasser des oben genannten Aufsatzes hat mich ersucht, meine Ansicht über seine Darlegungen zu äussern; ich thue dies mit nachstehender Erwiderung.

Der Autor hat das Bestreben, eine Flugkraft, ein Flugvermögen zu entdecken, wie dies schon einige seiner Vorgänger gethan haben.

Diese Bestrebungen haben, soweit ich mich erinnere, ihren Ursprung in der Hypothese des fürstl. Reussischen Rats Schlotter, welcher kurzweg von einer „mechanischen Flugbewegung im Vogelkörper“ sprach.

Fortgeführt wurde diese originelle Idee von Buttenstedt, der die flugtechnischen Kreise heute noch beschäftigt.

Eine noch neuere Auflage erlebte diese Idee mit Emil Jacobs elastischem Widerstand der Luft, der sich von der früheren „mechanischen Flugbewegung“ nur dadurch unterscheidet, dass er statt im Vogelkörper selbst im Flugmittel liegen soll, oder in beiden zugleich? Hier handelt es sich überall um die Elastizität der Materie.

Wenn man unter diese „mechanische Flugbewegung“ vielleicht auch das Beharrungsvermögen der Masse rechnen will, so gibt es noch mehrere Vertreter dieser Theorie, es führt aber zu weit, alle aufzuzählen.

Heinz steht der Buttenstedt'schen Richtung sehr nahe, er kann aber bezüglich seiner Reaktivkraft auch unter die Vertreter der verschiedenen Auslegungen des Flugvermögens durch Beharrung gezählt werden.

Es ist kein Zweifel, dass alle diese Bestrebungen eine gewisse Berechtigung haben; sie führen nach und nach zu der Robert Mayer'schen Grund Vorstellung jedes mechanischen Vorganges in der Natur:

„Jede Bewegung entsteht durch Umwandlung aus einer anderen Bewegungsform.“

Da der alles erklärensollende Luftwiderstand keine Bewegungsform ist, so muss es eine andere spezifische Mittelsflugbewegungsform geben, die sozusagen die Quelle der sichtbaren Flugbewegung ist.

Darin bin ich also mit dem Herrn Autor eins.

Bezüglich der Auslegung des Bazin'schen Versuches zur Erklärung der Segelflugerscheinung möchte ich jedoch den Einwand erheben, dass diese Auslegung eine gesuchte ist.

Das Verhalten der Bazin'schen Kugel im angezogenen Versuche bietet durchaus keinen Anlass zur Aufstellung einer neuen Kraftform, nämlich der Reaktivkraft.

Textabbildung Bd. 314, S. 80

Diese Erscheinung lässt sich durch ganz bekannte Vorgänge erklären.

Nebenstehende Figur erläutert den Vorgang.

Um unnötige Wiederholungen zu vermeiden, setze ich die Voraussetzungen beim Versuche als bekannt voraus.

Die Stossresultante Rs zerlegt sich in die Normalkomponente S1 und in die Komponente S2.

S1 drückt die Ebene an die Kugel fest an, weil die Kugel beharrt, und erzeugt im Verein mit der Normalkomponente a2 der Kugelbewegung einen verstärkten Reibungswiderstand2).

S2 löst infolge der rollenden Reibung ein Drehmoment der Kugel um den Trägheitsmittelpunkt M aus und zwar im Sinne der Aufwärtsbewegung.

Es ist also gerade so, als wenn wir der Kugel mit der Hand eine Beschleunigung erteilt hätten.

Das Moment der Komponente S2 in Hinsicht auf den träge beharrenden Mittelpunkt M der Kugelmasse ist also die Reaktivkraft Heinz'; dass dieses eine bewegende Kraft ist, unterliegt wohl keinem Zweifel; wogegen Heinz selbst die Trägheit als Ursache der Erscheinung, nicht als eine bewegende Kraft erkennen kann.

Nehmen wir den Fall an, dass das Moment der rollenden Reibung nicht ausgelöst werden könnte, z.B. bei einem Würfel, so machen wir die Wahrnehmung, dass der Würfel der Ebene folgt, weil er von der Stossbewegung in seitlicher Richtung ergriffen wird.

Wer erinnert sich da nicht eines einfachen und bekannten Experimentes mit einer Münze und einer Spielkarte.

Legt man die Münze auf die Spielkarte und balanciert das Ganze auf einer Fingerspitze der einen Hand, während man mittelst einer Schnellbewegung des Mittelfingers und des Daumens der anderen Hand die Karte genau in ihrer wagerechten Richtung wegschnellt, so bleibt die Münze auf der Fingerspitze liegen.

Bei der geringsten Neigung der Karte oder Schiefe des Stosses misslingt das Experiment, indem die Münze mit der Karte weggeschleudert wird.

Nimmt man statt der Münze eine Kugel, so rollt die Kugel gegen den Stoss und fällt jedesmal zur Erde. Dies sei nur nebenbei erwähnt, weil der Versuch sehr leicht zu machen ist, und es sich immer empfiehlt, eigene Versuche zu machen.

Die Folgerung des Autors, als ob die fragliche Reaktivkraft den Segelflug erkläre, ist somit unrichtig.

Im zweiten Teile (D. p. J. 1899 313 * 132) bringt der Autor seine Darlegungen über die Bedeutung der Elastizität für dynamische Flugmaschinen.

Dieses Thema lohnt sich einer gründlichen Erörterung, ich werde es daher, gesondert von diesem eben behandelten, bei einer anderen Gelegenheit besprechen.

Röhrsdorf.

Karl Steffen.

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D. p. J. 1899 313 * 28. * 132.

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Man kann sich übrigens, um die Sache klarer zu machen, die Komponente a1a2 ganz wegdenken, die Kugel stünde im Moment des Stosses, im toten Punkt ihrer Bewegung.

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