Titel: Hochschule in Hamburg.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 2 (S. 96)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi06_2

Hochschule in Hamburg.

Aus Hamburg schreibt man der Frankf. Ztg.: Die Errichtung einer Hochschule hier in Hamburg ist ein Problem, für dessen Verwirklichung zwar noch nichts geschehen ist, das aber fortgesetzt die Hamburgischen Staatsmänner und weiterblickenden Bürger beschäftigt und auch in der Presse immer wieder erörtert wird. In der That wird die Schaffung einer Zentrale der höheren Bildung, sei sie nun nach diesem oder jenem leitenden Gesichtspunkt eingerichtet, immer dringlicher in einem Städtekomplex, der (mit Altona) fast schon eine Million Menschen fasst. Eine Abschlagszahlung ist die Einrichtung von Abendvorlesungen seitens der Oberschulbehörde, die seit einigen Jahren regelmässig gehalten werden und in denen Gelehrte, der Mehrzahl nach Universitätslehrer aller vier Fakultäten, je ein Wissensgebiet an 2, 4, 8 oder mehr Abenden erörtern. So lesen hier während des laufenden Wintersemesters, um nur ein paar Namen zu nennen: Kirchhoff-Halle, Luschan-Berlin, Marcks-Leipzig, Schäfer-Heidelberg, Erich Schmidt-Berlin, Brinckmann und Lichtwark-Hamburg. Indessen sind diese Kurse auf die Dauer nicht ausreichend und die Hochschule wird doch einmal errichtet werden müssen. Dies ist wenigstens die Meinung des Kieler Historikers Bernheim, eines geborenen Hamburgers, der das Thema neuerdings in den Hamburger Nachrichten behandelt. Von vornherein weist Bernheim den Gedanken zurück, eine hier zu gründende Akademie etwa nach dem Schema der bisherigen deutschen Universitäten zu gestalten, denn für eine Gelehrtenschule im alten exklusiven Sinne sei Hamburg kein Ort. Andererseits wäre mit einer Handelsakademie oder technischen Hochschule dem Bildungsbedürfnis weiterer Kreise auch nicht gedient. Nachahmenswert dagegen und gerade für hiesige Verhältnisse passend scheinen Bernheim die Einrichtungen der amerikanischen Universitäten, z.B. der Staatsuniversität von Michigan, Ann Arbor. Hier ist die Aufnahme nicht von einem Abgangszeugnis einer höheren Lehranstalt abhängig, und obgleich eine Vorbildung natürlich auch auf den amerikanischen Universitäten erwartet wird, so ist doch auch den weniger Unterrichteten Gelegenheit zur Weiterbildung geboten, indem neben den Vorlesungen für die Fachstudierenden auch für sie solche über die gleichen Themata, aber in fasslicherer Form gehalten werden. Es entsprechen diese letzteren Kurse also den „Publica“ unserer Universitäten, nur dass diese meist ebenfalls ausschliesslich Studenten zugänglich sind.

Von anderer Seite wird berichtigend der Sachverhalt wie folgt dargestellt:

Der Hamburgische Staat hat seit Jahrhunderten eine Art hanseatischer Universität (sogen. „Akademisches Gymnasium“, im Unterschiede von der „Gelehrtenschule“) besessen, an welchem z.B. der durch Lessing bekannt gewordene Reimarus, der Verfasser der Wolfenbüttler Fragmente, Professor war; aus Schwaben der Historiker Wurm u.a. Den Rang einer „Hochschule“ hat diese Institution stets gehabt. In erweiterter Gestalt trat sie 1883 in das Leben unter dem Namen „Organismus der wissenschaftlichen Anstalten“ (des Hamburgischen Staates). Hamburg hat im Jahre 1899 für diese „wissenschaftlichen Anstalten“ im engsten Sinne des Wortes 573917 M. ausgegeben; rechnet man aber die nach dortigen Begriffen dazugehörigen übrigen Anstalten hinzu, so kommen 3866999 M. heraus. Was die Vorlesungen anbelangt, so ist die Medizin allein durch 31 Dozenten vertreten. Innerhalb des Rahmens der „Wintervorlesungen“ (es finden solche auch im Sommerhalbjahr statt) treten diesmal Professoren aus Halle (Löning, Riehl, Kirchhoff), München (Lotz), Berlin (Schmidt, v. Luschan), Leipzig (Marx, Küster), Heidelberg (Schäfer), Bonn (Litzmann, Löschke), Kiel (Wolff), Wien (v. Berger) auf. In Hamburg selbst ist daran beteiligt der berühmte Direktor der deutschen Seewarte, Wirklicher Geheimer Rat Prof. Dr. Neumayer u.a. und ein ganzer Stamm von einheimischen Dozenten, welche zu halbjährlichen Vorlesungen (mit den Ferien der Universitäten) verpflichtet sind. Wenn aus dem hamburgischen „Organismus der wissenschaftlichen Anstalten“ eine Universität nach dem Muster von Berlin, München, Leipzig gemacht werden sollte (etwas Geringeres würde der hamburgische Stolz nicht zulassen), so würde eine enorme Summe nötig werden, falls die hamburgischen Gehalte zu Grunde gelegt würden. Hamburg braucht aber so riesige Summen für seine Häfen u.s.w., dass daran verläufig noch nicht zu denken ist.

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