Titel: Beziehungen zwischen strahlender Energie und chemischer Verwandtschaft.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1899, Band 314/Miszelle 2 (S. 144)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj314/mi314mi09_2

Beziehungen zwischen strahlender Energie und chemischer Verwandtschaft.

Ueber diesen Gegenstand berichtete Dr. Hugo Kauffmann in einem kürzlich in Stuttgart gehaltenen Vortrage das Folgende:

In dem letzten Jahrzehnt hat sich ein einschneidender Wechsel in verschiedenen chemischen Anschauungen vollzogen, der zwar die Atomhypothese unberührt lässt, eher zur Befestigung derselben beiträgt, jedoch die Auffassungen über die chemische Verwandtschaft wesentlich modifiziert. Das, was aufs innigste verbunden galt, wird heute nur noch als ganz lose Vereinigung angesehen, die schon beim geringsten Eingriffe die Moleküle in Atomgruppen zerfallen lässt. Je leichter die Moleküle einer chemischen Verbindung in solch kleine Bestandteile sich zerlegen, desto grösser ist ihre Reaktionsfähigkeit. Die Verbindungen der Säuren, Salze und Basen sind in wässeriger Lösung alle zerfallen, sie gehören deshalb zu den reaktionsfähigsten Körpern. Die Salzsäure z.B. spaltet sich leicht in Wasserstoff- und Chloratome; dabei sind die Spaltungsprodukte, bekanntlich als Ionen bezeichnet, stets elektrisch geladen, die eine Hälfte, z.B. die Wasserstoffatome, positiv (Kationen), die andere Hälfte, z.B. die Chloratome, negativ (Anionen). Ionenhaltige Körper leiten den elektrischen Strom, dabei wandern die Kationen in der Stromrichtung, die Anionen entgegengesetzt. Streng genommen enthalten nur starke Verdünnungen ausschliesslich Ionen; meist ist die Spaltung in solche unvollständig. An chemischen Reaktionen beteiligen sich nur die Ionen, nicht die ungetrennten Moleküle. Die Spaltbarkeit eines Körpers in Ionen kann als Mass derjenigen Eigenschaft angesehen werden, die man früher als Stärke (z.B. einer Säure) bezeichnete und die mit dem Begriff der chemischen Wahlverwandtschaft in engster Beziehung stand. Wahlverwandtschaft im früher gebrauchten Sinne gibt es wahrscheinlich gar nicht.

Bei der Uebertragung der neuen Anschauung auf organische Körper muss man mit Helmholtz annehmen, dass nicht nur die Ionen, sondern auch die noch dem Molekularverband angehörigen, also nicht abgespaltenen, Atome elektrisch geladen sind. In diesem Fall ruht die Elektrizität zwischen zwei miteinader verketteten Atomen wohl nicht, sondern man hat anzunehmen, dass sie zwischen beiden pendelartig hin und her schwingt. Die Dauer dieser Schwingungen ist theoretisch um so grösser, je lockerer die beiden Atome miteinander verkettet sind oder, im Sinne der modernen Verwandtschaftslehre ausgedrückt, je reaktionsfähiger die betreffende Substanz ist. Zur experimentellen Prüfung dieser Theorie sind Versuche mit Hertz'schen Schwingungen und mit Tesla-Strömen unternommen worden, die ziemlich allgemein ergaben, dass die Reaktionsfähigkeit der Körper und deren Absorptionsvermögen für elektrische Schwingungen Hand in Hand gehen. Die Hertz'schen Schwingungen wurden mit dem von Prof. Drude in Leipzig gebauten Apparat erzeugt. Bei den anderen Versuchen setzt man die Dämpfe der zu untersuchenden Substanz der Einwirkung der Tesla-Ströme aus. Tritt Absorption ein, so leuchten die Dämpfe in blauer oder violetter, seltener in gelber oder grüner u.s.w. Farbe auf, die elektrische Energie wird also zum Teil in Licht verwandelt. Druckveränderungen in den Dämpfen erzeugen schöne Lichterscheinungen. Am kräftigsten absorbiert und leuchtet das Dimethylparaphenilendiamin, ähnlich aber schwächer Naphtalin, Hydrochinon u.a. Wie die Licht- und Wärmestrahlen sind auch die angewandten elektrischen Schwingungen nur eine besondere Form der strahlenden Energie; weitere Formen derselben (Kathoden-Röntgenstrahlen u.s.w.) sind uns ihrem Wesen nach noch ganz fremd. So lange diese verhältnismässig einfachen Dinge noch der Aufklärung harren, so lange das Wesen der strahlenden Energie und deren Einwirkung auf die tote Materie für uns noch rätselhaft ist, so lange stehen wir der noch weit grösseren Anforderung, den Einfluss der Strahlung auf die belebte Materie, auf die Zelle, aufzuklären, hilflos gegenüber, so lange auch sind wir nicht im stände, die Naturkräfte uns nach unserer Willkür nutzbar zu machen. Und doch ist schliesslich eines der höchsten Ziele der Naturwissenschaft, alles was uns die Natur nach Gutdünken und Laune bald in hohem, bald in bescheidenem Masse gewährt, unabhängig von Zufälligkeiten, nur die schlummernden Naturkräfte benutzend, im Laboratorium und in der Fabrik zu erzeugen, so wie wir es für zweckmässig halten.

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