Titel: Ueber Flecht- und Klöppelmaschinen ohne Gangplatte.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316 (S. 12–17)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/ar316004

Ueber Flecht- und Klöppelmaschinen ohne Gangplatte.

Von H. Glafey, Regierungsrat, Berlin.

Von den im Gebrauch befindlichen Flecht- und Klöppelmaschinen, seien sie nun deutschen (Barmer), englischen oder französischen Systems, ist der grösste Teil mit einer sogen. Gangplatte ausgestattet, deren Gangkurven den von Treibern bewegten Klöppeln unter Mitwirkung von Weichen, Drehtellern u.s.w. die für die Fadenbindung erforderliche Bewegung vorschreiben. Die Herstellung dieser Gangplatten, welche besonders bei den Klöppelmaschinen hinsichtlich ihrer Gangkurven äusserst kompliziert sind, geschieht noch heute fast ausschliesslich durch Handarbeit, verursacht also grosse Kosten. Weiter verursachen die Gangkurven eine starke Reibung der Klöppelfüsse an den Wandungen, die wieder einen grossen Kraftverbrauch und starke Abnutzung der zusammenarbeitenden Teile in sich schliesst. Aus der letzteren ergibt sich wieder das bei dem Betrieb der Flecht- und Klöppelmaschinen bekannte Geräusch, welches durch die zusammenarbeitenden Treiber und Tellerräder noch erhöht wird.

Zwecks Beseitigung aller der genannten Uebelstände ist man seit etwa 20 Jahren bemüht, die Gangplatten entbehrlich zu machen, und hat zur Lösung der gestellten Aufgabe die verschiedensten Vorschläge gemacht, welche mehr oder weniger Eingang in die Praxis gefunden haben. Mit Rücksicht auf das hohe Interesse, welches besondersdie Erfindungen der letzten Jahre in der bezeichneten Richtung infolge der sinnreichen Konstruktionen der verwendeten Hilfsmittel mit sich bringen, sollen in den nachstehenden Zeilen die einzelnen Vorschläge einer Besprechung unterzogen, besonders aber die neueren Maschinen in ausführlicher Weise gewürdigt werden.

Der erste Weg, welcher eingeschlagen worden ist, die Gangplatten entbehrlich zu machen, besteht darin, die Klöppel mit den sie treibenden Tellerrädern zeitweise zu kuppeln und ihnen so den zur Fadenbindung erforderlichen Weg vorzuschreiben. Vorrichtungen, welche die Lösung dieser Aufgabe erstreben, finden sich dargestellt in den Patentbeschreibungen Nr. 9612, 10820, 12319, 67635, 67902, 75172 und 75301 der Klasse 25 b, sowie der britischen Patentschrift Nr. 16658/1880 und amerikanischen Patentbeschreibung Nr. 572357. Sämtliche Vorrichtungen beruhen darauf, dass der Klöppel mit seinem Tellerrad durch einen Sperrhebel, Sperrstift o. dgl. verbunden wird, welcher zum Zwecke des Hinüberwechselns des Klöppels von einem Tellerrad zum anderen im geeigneten Augenblick gelöst bezw. zur Wirkung gebracht wird. Die Sperrhebel u.s.w. sitzen dabei entweder an dem Klöppel selbst oder sind am Tellerrad angeordnet und hiernach zerfallen die gekennzeichneten Vorrichtungen in zwei Klassen. In |13| jedem Falle sind noch die Klöppel bekannter Konstruktionen mit ihren Tellerrädern und Treibern vorhanden.

Frei von den beiden letztgenannten Eigentümlichkeiten sind diejenigen Flechtmaschinen, welche in den deutschen Patentschriften Nr. 22064 und 40261 niedergelegt sind. Anstatt die Fäden der zwei in entgegengesetzter Richtung laufenden Klöppelsysteme abwechselnd über- und untereinander hinwegzuführen, bleiben hier die nach dem Flechtpunkt geführten Fäden in ihrer Lage, d.h. sie schreiten nicht fort und das ganze daselbst vereinigte Fadensystem wird abwechselnd über und unter je einem Faden hindurchgeleitet. Das zu verflechtende Material wird zu diesem Zweck durch gekrümmte Rohre (Flechtarme), welche um horizontale, radial angeordnete Achsen schwingen, bis zur Mitte der Maschine gebracht, woselbst die Verflechtung der einzelnen Elemente dadurch erfolgt, dass das mittels der Führungswalzen in den Warenaufnehmer geleitete Geflecht mit dem letzteren um eine vertikale Achse bewegt wird, und bei dieser Bewegung abwechselnd über und unter die auf- und abwärts schwingenden Flechtarme gelangt.

Der dritte Weg, welcher eingeschlagen worden ist, um die Gangplatte für die Klöppel entbehrlich zu machen, besteht darin, dass die Flechtmaschine mit zwei Satz von Spulen versehen worden ist, die sich in konzentrischen Kreisen entgegengesetzt zu einander bewegen, aber in verschiedenen Ebenen umlaufen, während die Fäden des einen (unteren) Satzes abwechselnd über und unter den Fäden des anderen Satzes hinweg- bezw. hindurchgeführt werden. Maschinen dieser Art können, wie sich aus dem bezeichneten Arbeitsgang ergibt, nur Rundgeflechte erzeugen. Unter Beachtung der Hilfsmittel, welche den Fäden des einen Spulensystems ermöglichen sollen, diejenigen des anderen in der für das Zustandekommen der Flechtung erforderlichen Weise zu kreuzen, zerfallen die Flechtmaschinen der vorbezeichneten Art in fünf Gruppen.

Bei der einen sind die Spulenträger des einen Spulensystems mit Leitschienen ausgestattet, welche beim entgegengesetzten Kreisen der beiden Spulensysteme die Fäden des zweiten Systems abwechselnd heben und senken und ihnen so ermöglichen, über bezw. unter den Spulen, also auch Fäden des erstgenannten Systems hinwegzugehen. Maschinen dieser Art sind in den Patentschriften Nr. 24691, 46702, 66073 und der britischen Patentbeschreibung Nr. 945 von 1866 behandelt.

In der amerikanischen Patentschrift Nr. 591105 ist eine Rundflechtmaschine in Vorschlag gebracht, bei der die Leitschienen an den Spulenträgern dadurch entbehrlich gemacht worden sind, dass die Spulen in ihren Trägern durch Wirkung von Elektromagneten abwechselnd gehoben und gesenkt werden, und so den Fäden des zweiten Systems gestatten, einmal unter und über den Spulen des ersten Systems hinwegzugehen.

Bei der dritten Gruppe von Maschinen (vgl. die Patentschrift Nr. 61207, die britische Patentbeschreibung Nr. 23195 von 1896 und die amerikanische Patentschrift Nr. 649618) erfolgt das Heben und Senken der Fäden des einen Spulensystems durch schwingende bezw. auf- und absteigende Fadenführer unter entsprechender Ausbildung der Spulenträger des zweiten Systems von Faden spulen.

Die in der Patentschrift Nr. 98160, der amerikanischen Patentbeschreibung Nr. 588421, und der britischen Patentschrift Nr. 17432/1899 wiedergegebenen Flechtmaschinen benutzen zur Leitung der Spulenfäden eine in einem trommelartigen Mantel vorgesehene geschlossene, nach Art einer Sinuskurve ausgebildete Schlitzführung, in welcher die Fäden laufen, und so abwechselnd aus einer Ebene in die andere überführt werden.

Bei den Maschinen der fünften und letzten Gruppe endlich kommen gleichzeitig geschlossene, kurvenförmige Schlitzführungen und sich bewegende Fadenführer zur Anwendung (Amerik. P. Nr. 641880). Es wird hierdurch eine besondere Ausbildung der Spulenträger des einen Spulensystems vermieden und gleichzeitig auch eine starke Reibung der geführten Flechtfäden in der Schlitzführung verhindert.

Während alle die vorbesprochenen Maschinen im allgemeinen nur zur Herstellung von einfachen Geflechten dienen, sind diejenigen Maschinen, welche in den nachstehenden Zeilen einer Besprechung unterzogen werdensollen, Maschinen für spitzenartige Geflechte oder Klöppelmaschinen, also Maschinen, die nicht nur eine Fadenkreuzung, sondern auch Fadenzwirnung zulassen, somit die Erzeugung von der Handspitze ähnlichen Spitzen ermöglichen.

Als Ausgangspunkt der Entwickelungsreihe der ohne Gangplatte arbeitenden Spitzenmaschinen kann die Spitzenklöppelmaschine von Louis Hohl in Annaberg (Sachs. Patent Nr. 1193/1860) angesehen werden. D. p. J. 1881 240 281 entnehmen wir hierüber das folgende: Die Maschine liefert ein Produkt, welches die Grundbindung der Torchonspitze zeigt. Eine Anzahl kreisrunde, um senkrechte Achsen drehbare Teller sind in zwei Reihen so angeordnet, dass sie sich paarweise einander gegenüber stehen, während neben den Endtellern auf jeder Seite der Maschine je ein grösserer Teller vorgesehen ist. Zu jedem Teller gehört ein Klöppelpaar, dessen Fäden bei Drehung der Teller gezwirnt werden. Diametrale Aussparungen in den Tellern, schlitzförmige Aussparungen in der mit den Tellern in gleicher Ebene liegenden Grundplatte zwischen den Nachbartellern einer Reihe und den einander gegenüberliegenden Tellern beider Reihen gestatten unter Mitwirkung von Treibern eine Wanderung der Klöppel über die ganze Scheibenreihe zum Zwecke der Flechtung der Fäden. Drehung der Teller und Treiber wechseln miteinander ab. Den Lauf der Klöppel bestimmen Weichen, welche durch einen Musterapparat beeinflusst werden, während das Abführen der Ware durch einen Klöppelbrief bewirkt wird.

Die erste Spitzenklöppelmaschine ohne Gangplatte, die zur Bedeutung gelangt ist, ist diejenige von Eugen Malhère in Paris. Auf dieselben wurden neben den belgischen und britischen Patenten die französischen Patente Nr. 93970 und 96873/1872 erteilt, während die Compagnie La Dentellière in Paris die Ausführung der Erfindung übernahm und sich durch das D. R. P. Nr. 25325 eine weitere Ausbildung der Malhère'schen Erfindung schützen liess. Die Grundidee der letzteren gipfelt in der Heranziehung der Jacquardmaschine zur direkten Bewegung, sowohl Drehung als Verschiebung der Klöppel. Hierdurch ist erreicht, dass einzelne Fadenspulen der Maschine ebenso wie die des Handklöpplers beliebige Relativbewegungen gegenüber den übrigen Fadenspulen ausführen können, diese mögen ruhend oder bewegt sein. Die Spitzenklöppelmaschine von Malhère, welche in D. p. J. 1881 240 274 ausführlich behandelt ist, ahmt also die Thätigkeit des Handklöpplers genau nach. Für eine Spitze aus n Fäden sind n drehbare Scheiben oder Teller erforderlich, welche in einer Geraden so angeordnet sind, dass sich die Nachbarteller berühren. Jeder der Teller enthält eine diametral verlaufende schlitzförmige Aussparung, so dass bei bestimmter Stellung der Teller die einzelnen Aussparungen aneinander stossen und einen einzigen Kanal bilden, welcher über die ganze Scheibenreihe entlang läuft. Die n Fäden werden einer gleichen Zahl Spulen (Klöppel) entnommen, welche in den Tellern verschiebbar sitzen. Sind die Spulen so verteilt, dass je zwei derselben auf einer Scheibe stehen, so erfolgt durch gleichzeitige Drehung derselben die Bildung von ½ n zweifädigen Gezwirnen. Die Zahl und Reihenfolge der umlaufenden Teller kann beliebig geändert werden, demnach auch Zahl und Art der Gezwirne. Die Zwirnung zweier Fäden oder auch die Bildung von Geflechten erfordert die Umstellung der Klöppel und demgemäss ihre Gruppierung zu neuen Paaren. Die Umstellung erfolgt mit Hilfe von Treibern, welche die Klöppel eines Tellers auf den Nachbarteller überführen, wenn die Aussparungen beider Teller in eine Gerade fallen. Durch passenden Wechsel in der Bildung ein- oder mehrfach gedrehter Gezwirne und Geflechte lässt sich jedes voraus festgesetzte Muster erzeugen.

Um mehrere gleichartige Spitzen gleichzeitig auf der Maschine fertigen zu können, sind mehrere Tellerreihen übereinander angeordnet, von denen jede einen Spitzenstreifen liefert. Die in Vertikalebenen übereinander liegenden Elemente derselben werden von der Jacquardmaschine gleichzeitig beeinflusst.

Für die Erzeugung von Spitzen, deren Musterfiguren von starken Fäden umrahmt sind, werden die Teller in anderer Art angeordnet. Zu jedem Hauptteller tritt ein |14| unter ihm liegender Nebenteller von gleicher Konstruktion, diese Nebenteller stehen untereinander und mit den Haupttellern in Berührung. Jeder Nebenteller führt einen Klöppel. Die Schaltung der Spindeln erlaubt stets nur eine Vierteldrehung der Teller beider Systeme. Das Einführen des Einlegefadens erfordert stets eine solche Einstellung der übereinander liegenden Teller, dass die Aussparungen beider in eine Gerade fallen und der Treiber des Nebentellers den Einlegeklöppel auf den Hauptteller zu heben vermag.

Für gewöhnliche Fälle genügt es, die Spulen einer einzigen Tellerreihe arbeiten zu lassen. Um aber schöne Spitzenmuster zu erhalten, muss man nach dem D. R. P. Nr. 25325 zuweilen drei Spulenreihen verwenden, um zwei Spitzenstreifen zu erhalten. In diesem Falle lässt man zwischen je zwei Reihen Spulen eine dritte Reihe arbeiten, welche Fäden an die beiden anderen abgibt. Soll diese Zwischenreihe arbeiten, so ist nötig, dass ihre Spulen in die untere Reihe sowohl, als in die obere gelangen können.

Das Wesen der in der oben genannten Patentschrift behandelten verbesserten Malhère'schen Spitzenklöppelmaschine besteht nun darin, dass die verschieden grosse Drehung der Klöppel- oder Spulenträger mittels einer Jacquardmaschine, des sogen. Drehjacquards, erzielt wird, deren Platinen mehrere Nasen von verschiedener Höhenlage besitzen und gleichzeitig die vom Treibjacquard hervorgerufene Vertikalverschiebung mittels eines mehrfachen Schubgetriebes in eine Horizontal Verschiebung der Treibschiene umgewandelt wird.

Die Festlegung der Kreuzungspunkte der Fäden erfolgt sowohl bei der ersten als auch bei der verbesserten Maschine durch Nadeln, welche ebenfalls von einer Jacquardmaschine eingestellt werden. Die Grosse des Weges aber, den jede Nadel zurücklegt, ist immer die gleiche. Es war somit durch die Malhère'sche Spitzenklöppelmaschine wohl die Aufgabe gelöst, ohne Anwendung einer Gangplatte, wie sie die alte Spitzenklöppelmaschine von Henkels und Hedtmann in Langerfeld-Barmen noch fordert, Fäden zur Kreuzung und Zwirnung zu bringen oder auch beliebig lange der Fadenverschlingung zu entziehen, nicht aber ist die Aufgabe gelöst worden, das zuletzt erzeugte Spitzenstück ohne Aufwickeln beliebig lange Zeit so festzuhalten, dass die hergestellte Fadenverschlingung in der ihnen zukommenden Lage erhalten bleiben, bis die um sie herum liegenden Verbindungen erzeugt sind, wie es das Klöppelkissen bei der Herstellung der Handspitze ermöglicht. Eines der wichtigsten Merkmale der Handspitze, die Erzielung eines schwungvollen, ungezwungenen Fadenlaufs im Gegensatz zu der reihenweisen Lage der Fadenverschlingungen – senkrecht zur Längsachse der Spitze – bei den sogen. Maschinenspitzen, lassen somit auch die Produkte der Maschine von Malhère vermissen.

Neben den beiden Grundbedingungen, welche eine zur Herstellung einer der Handspitze gleichwertigen Maschinenspitze bestimmte Maschine erfüllen muss, kommt auch noch das Haupterfordernis, dass die Maschine in jeder Weise ökonomisch arbeitet. Es muss also die Maschine so eingerichtet sein, dass sie mit einfachen Mitteln eine grosse Leistungsfähigkeit besitzt. Weder die Maschine von Henkels und Hedtmann, noch diejenige von Malhère entsprechen dieser Forderung. Wohl ist durch die letztere die komplizierte Gangplatte der alten Flechtmaschine beseitigt worden, die einen grossen Raum einnehmenden Klöppel und ihre Träger aber finden sich noch vor und gestatten im allgemeinen nur die Herstellung eines Klöppelstreifens, denn die hierzu erforderlichen Spulen nehmen einen weit breiteren Raum ein als der Spitzen streifen selbst.

Die zweite Richtung, welche eingeschlagen worden ist, die Maschine mit Gangplatte durch eine solche ohne Gangplatte zu ersetzen, findet sich verkörpert in denjenigen Maschinen von Adolf Bottenberg in Barmen, welche den Gegenstand der D. R. P. Nr. 73934, 78345 und 114756 bilden. An Stelle des schlangenförmigen, vom Normalkreis bald nach innen, bald nach aussen abweichenden Laufs der Klöppel oder Spulenträger ist eine Bewegung genau im Normalkreis benutzt und radiale Abweichungen sind trotz Beibehaltung des der alten Klöppelmaschine mit Gangplatte eigentümlichen Aufbaues gänzlich vermieden. Die Ausweichung der Klöppel und die Kreuzung der Fädenwerden durch Heben und Senken derselben bewirkt. Die durch die radialen Abweichungen bedingten Schwankungen in den Fadenspannungen, sowie die deshalb erforderlichen Belastungen der Klöppelfäden sind vermieden. Der Abzug des Fadens von der Spule nach dem Flechtpunkt ist nahezu geradlinig oder doch ohne nachteilige, spürbare winklige Ablenkung und die Kürzung und Längung des Fadens zwischen Klöppel und Flechtpunkt findet nicht statt bezw. wird durch die Klöppelbewegung selbst ausgeglichen. Der Raumbedarf einer Maschine des neuen Systems ist im Vergleich der Flächenausdehnung einer an Klöppelzahl gleichen des alten Systems wesentlich geringer, es wird somit der letzten der bei Besprechung der Malhère'schen Maschine genannten Grundbedingungen für eine Spitzenklöppelmaschine durch die Maschine von Bottenberg zum Teil Rechnung getragen.

Textabbildung Bd. 316, S. 14

Die in dem D. R. P. Nr. 73954 zur Darstellung gebrachte erste Bottenberg'sche Erfindung besitzt die folgende Einrichtung: Sie besteht aus zwei Klöppel- oder Spulenträgerringen a und b (Fig. 1 und 2), von denen der eine als oberer a feststeht, während der unter diesem liegende zweite Ring b eine Schwingbewegung nach vor- und rückwärts ausführt. Hervorgebracht wird diese Schwingbewegung durch die unrunden Scheiben c und d, welche mittels der Schlitten ef und Schubstangen gh ihre Bewegung auf den Klöppelträger b übertragen. Dieser sowohl wie der feststehende Klöppelträger a sind mit Führungsstiften ik ausgestattet, welche einander achsial gegenüber stehen, sobald die Scheibe b die Mittelstellung einnimmt, und deren Teilung bezw. Zahl derjenigen der Teller der alten Maschine mit Gangplatte entspricht. Die Spulenträger oder Klöppel l sind mit Führungshülsen m ausgestattet, mit welchen die Klöppel auf den Stiften k sitzen, und durch deren Hebung sie auf die Stifte i überführt werden können. Um das letztere zu ermöglichen, trägt jede Führungshülse m eine Nase n und auf jedem Stift i sitzt ein |15| Schlitten o, der durch eine Zugschnur p mit der Platine einer Jacquardmaschine verbunden ist und eine Nase r aufweist. Ueber die letzteren treten, sobald sich die Schlitten o in gesenkter Lage befinden, bei Drehung des Trägers b die Nasen n der Spulenträger m und es erfolgt durch die Schlitten o entweder ein Anheben bezw. Ueberführen der letzteren auf die Stifte i der feststehenden Scheibe beim Stillstand der beweglichen Scheibe bezw. ein Senken von der feststehenden auf die bewegliche Scheibe, und hiermit ist die Möglichkeit geboten, bei der Verdrehung der letzteren gewisse Spulen bezw. deren Fäden mit den Fäden der übrigen Spulen zur Kreuzung (Flechtung) oder Zwirnung zu bringen.

Es ist nun einleuchtend, dass eine grössere Mannigfaltigkeit in den Klöppelführungen hergestellt werden kann, wenn auch der zweite Klöppelträgerring hin und her schwingend angeordnet wird. Auch kann bei einer derartigen Einrichtung der Maschine der Weg des einen bewegten Ringes um die Hälfte verkürzt werden, um doch in Beziehung auf die relative Lage gegenüber dem anderen Ring gleiches Endziel zu erreichen, indem der letztere dem erstgenannten auf halbem Wege entgegen kommt.

Textabbildung Bd. 316, S. 15

Auf diesem Gedanken beruht die verbesserte Bottenberg'sche Maschine des D. R. P. Nr. 78345 (Fig. 3 bis 6). Der untere Klöppelträgerring a wird wie bei der älteren Maschine durch die unrunden Scheiben b und c, welche auswechselbar sind, mittels der Stangen d und e in Schwingung um seinen Achszapfen gesetzt. Der zweite Klöppelträgerring f wird von Stutzen g einer Scheibe h getragen, die ihrerseits mittels der ebenfalls auswechselbaren unrunden Scheiben ik (Fig. 3 und 4) durch die Stangen l ihre Schwingbewegung empfängt. Der Ausschlag und die Gestaltung der unrunden Scheiben bcik sind nun so gewählt, dass der untere und obere Klöppelträgerring sich so zu einander bewegen und in korrespondierenden Stellungen zu einander stillstehen, dass die Klöppel von unten nach oben oder von oben nach unten auf ihren jeweiligen Klöppelträger überführt werden oder auch über- bezw. untereinander hinweggehen können, wie es das Muster, die Flechtung und Zwirnung vorschreibt.

Jeder Klöppel m ist mit einem gezahnten Schieber nausgestattet (Fig. 3, 5 und 6), der mittels einer Jacquardmaschine o o. dgl., der von dieser beeinflussten Daumen p und Gegenfedern in dem unteren Klöppelträgerring a und einem diesen umschliessenden feststehenden Ring q so radial verschoben werden kann, dass das Schieberstück n entweder mit seinem Klöppel durch den unteren Klöppelträgerring a im Kreise herumgeführt wird oder diesen frei passieren lässt. In der letzten Stellung gelangt der Schieber n mit einer besonderen Nase r in den Bereich derjenigen Huborgane, welche seine Ueberführung von dem einen Klöppelträger in den anderen bewirken. Die Huborgane bestehen aus den Fangstangen st (Fig. 3 und 5), welche von den beiden Ringen uv getragen werden, die ihrerseits mittels der auf der Hauptwelle w angeordneten unrunden Scheiben x zur geeigneten Zeit eine auf- und absteigende Bewegung erfahren.

Textabbildung Bd. 316, S. 15

Während bei den vorstehend erläuterten beiden Ausführungsformen der Bottenberg'schen Maschine nur ein System von Fadenspulen oder Klöppel vorgesehen ist, welches zwecks Kreuzung und Zwirnung der Fäden im geeigneten Augenblick eine Zweiteilung durch eine Mustervorrichtung derart erfährt, dass die beiden Gruppen von Spulen oder Fäden über- bezw. untereinander hinweggeführt werden können, besitzt die neueste Maschine von Bottenberg (vgl. D. R. P. Nr. 114756) zwei Spulen- bezw. Fadensysteme, und zwar ein Kettenfaden- und ein Spul- oder Flechtfadensystem. Das letztgenannte Fadensystem wird gehoben und gesenkt, ebenso wie bei den Maschinen des älteren Systems, während das zweite Fadensystem, das Kettenfadensystem, von feststehenden Spulen (vgl. Fig. 7 unten) abläuft, und dessen Fäden aus ihrer gestreckten Lage so abgelenkt, d.h. über bezw. unter mehr oder weniger Fäden des ersteren Systems so hinwegbewegt werden können, dass sie mit dem letzteren eine Bindung eingehen. Die Arbeitsweise der Maschine lehnt sich also an diejenige der alten englischen Bobbinetmaschine an, sie unterscheidet sich aber hinsichtlich ihres konstruktiven Aufbaues von dieser insofern, als die gestreckt liegenden Kettenfäden nicht in einer Ebene liegen, sondern den Mantel eines Cylinders bezw. Kegels bilden und die Spulenschlitten nicht in senkrechten, einander parallelen Ebenen um eine wagerechte Achse schwingen, sondern in den Radialebenen eines Kegels senkrecht auf- und absteigen. Bottenberg hat also auch bei seiner neuesten, ausserordentlich sinnreichen Maschine, wie aus der Abbildung (Fig. 7) klar hervorgeht, den Grundplan der alten Klöppelmaschine von Henkels beibehalten, gruppiert also die Fadensysteme und Nadeln zum Festhalten der Fadenkreuzungen um eine gemeinsame lotrechte Achse und ordnet die Abzugsvorrichtung in dieser Achse an. Die Maschine erfordert aber, obgleich sie die viel Raum beanspruchenden cylindrischen Spulen ebenso wie Malhère im Gegensatz zu den Scheibenspulen der Bobbinetmaschine noch beibehält, weit weniger Raum als eine alte Klöppelmaschine. Während z.B. eine Maschine alten Systems mit 98 Klöppeln nach Angaben des Erfinders etwa 2000 mm Durchmesser hat, hat eine solche neuen Systems mit 152 Fäden nur einen Durchmesser von 1250 mm.

Die die auf- und abbewegbaren Fäden des ersten Systems tragenden Spulen 1 (Fig. 7 und 8, 8a) sitzen mit Hilfe von |16| Hülsen 6 auf den Stiften 2 und werden durch Anheben der genannten Hülsen auf die Stifte 3 überführt (Fig. 8 punktiert), indem die Platinen 18 durch Vermittelung der Hebelverbindung 11 10 12 die Hebel 78 zum Ausschlag bringen (Fig. 8 und 8a). Damit nun nach dem Anheben der Spulen den Kettenfäden der Durchgang zwischen den Stiften 2 3 nicht versperrt wird, senken sich die Hülsen 6 wieder, bis die Platinenhaken 17 auf das Messer 18a auftreffen, während gleichzeitig Stecher 13 14 15 die gehobenen Spulen allein in ihrer Lage halten und erst dann freigeben, sobald die Platinen mit ihren Haken 17 durch die Musterkarte vom festen Messer 18a abgestossen werden (vgl. Fig. 8 punktierte Stellung).

Textabbildung Bd. 316, S. 16

Zwischen den inneren und äusseren Stifthaltern 4 und 5 (Fig. 7 und 8) ist in geeigneter Höhe eine ringförmige Platte 19 horizontal angeordnet, die mit Schlitzen 20 zur Führung lotrecht stehender Fadenführer 21für die Kettenfäden versehen ist (Fig. 7, 8 und 9).

Textabbildung Bd. 316, S. 16

Die Zahl der letzteren ist eine unbeschränkte und ebenso kann |17| die Länge der bezeichneten Führungsschlitze eine verschiedene sein. Bei der in Fig. 9 dargestellten Maschine sind die von den Spulen ablaufenden Kettenfäden in zwei Systeme geteilt, und zwar können die Fäden des einen Systems in den Führungsschlitzen 20a immer nur zwei, die in Führungsschlitzen 20b laufenden Fäden dagegen eine ganze Reihe der Spulenfäden 1 kreuzen. Dabei sind die Schlitze 20a so gestellt, dass z.B. Faden I über oder unter die auf Spulen 1 angeordneten Fäden α und β, der Faden II über die Spulenfäden β und γ geführt werden kann. Die Bewegung der Fadenführer erfolgt von Jacquardmaschinen B und C (Fig. 7 und 9) aus in folgender Weise:

Mit den Platinen der genannten Jacquardmaschinen stehen durch die Hebel 25 25a die Schnurzüge 23 in Verbindung, welche, über die Rollen 22 geleitet und am freien Ende durch Gewichte 24 belastet, die verschiebbaren Fadenführer 21 in sich aufnehmen (Fig. 10). Durch das Heben und Senken der Platinen werden unter Mitwirkung der Gewichte 24 die Fadenführer 21 in ihren Schlitzen nach der einen oder anderen Richtung verschoben, mit ihnen also auch die Kettenfäden zum Zwecke der Kreuzung der Spulenfäden. Damit nun aber die Fadenführer der Schlitze 20a nach Bedarf um eine oder zwei Stellungen in beiden Richtungen bewegt werden können, sind mit jedem Winkelhebel 25 25a zwei Platinen 26 27 verschiedener Länge verbunden (Fig. 11).

Die Bewegung der in den Schlitzen 20b liegenden Fadenführer erfolgt, um die Anzahl der Platinen nicht allzusehr zu vergrössern, durch eine Art Hubreduktoren 28 (Fig. 12), welche mittels eines Schaltwerks den Hub der Platinen in eine mehr oder weniger grosse Bewegung der Fadenführerschnüre 23 umsetzen. Das Schaltwerk besteht aus einem Schaltrad 29 mit zwei Schaltklinken 30 31, deren eine 31 mit der Klinke 32 als Gegenklinke wirkt, während die zweiteKlinke 30 die Schaltung herbeiführt. Beide Klinken stehen mit den Platinen der Jacquardmaschine in Verbindung und werden, je nachdem der Fadenführer 21 eine mehr oder weniger grosse Bewegung machen soll, früher oder später eingelegt bezw. ausgelöst. Eine Zahnteilung des Schaltrades entspricht der Verschiebung eines Kettenfadens um eine Spulenteilung.

Textabbildung Bd. 316, S. 17

(Schluss folgt.)

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