Titel: Die panamerikanische Ausstellung in Buffalo 1901.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 1 (S. 17–19)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi01_1

Die panamerikanische Ausstellung in Buffalo 1901.

Auch in Amerika wollte man den Beginn des neuen Jahrhunderts nicht ohne Heerschau über die im vergangenen Jahrhundert auf dem Kontinent der westlichen Hemisphäre erreichten kulturellen Fortschritte vorübergehen lassen, und soll dieses Bestreben durch eine in diesem Jahre in Buffalo abzuhaltende, allamerikanische Ausstellung reale Form erhalten. Für die Durchführung der letztgedachten, von einer Gesellschaft von Industriellen ausgehenden Unternehmens sind 25 Millionen Mark aufgebracht worden, ungerechnet der von den zur Beschickung eingeladenen unabhängigen Regierungen und Kolonien zu gewärtigenden beträchtlichen Zuschüsse.

Wie wir der Revue universelle, 1900 S. 389, entnehmen, welcher Zeitschrift wir auch die Verantwortung für die Richtigkeit der nachstehenden Daten überlassen, wird die in Rede stehende Ausstellung sich auf folgende 15 Hauptgruppen erstrecken: Elektrizität, schöne Künste, darstellende Künste, freie Künste, Ethnologie, Landwirtschaft, Gartenbau, Viehzucht, Forstwirtschaft, Fischerei, Bergbau, Maschinenwesen und endlich Erzeugnisse der Sandwichinseln, der Philippinen und Porto Ricos. Das ein zusammenhängendes Gelände bildende, in umstehender Abbildung ersichtlich gemachte, im Norden der Stadt Buffalo (Staat New York) liegende Ausstellungsgebiet besitzt eine Bodenfläche von 142 ha, annähernd in der Form eines langgestreckten Viereckes von beiläufig 800 m durchschnittlicher Breite und doppelt so grosser Länge, und lässt sich sowohl mittelbar durch die 36 Eisenbahnlinien, welche in Buffalo einmünden, als unmittelbar durch mehrere Strassenbahnen von allen Seiten her bequem und leicht erreichen. Der grösste Teil des Grundstückes ist mit Bäumen und Strauchwerk bepflanzt und von künstlichen Wasserläufen durchzogen, die miteinem malerisch gelegenen kleinen See in Verbindung stehen. Sämtliche wichtigen Ausstellungsgebäude werden einheitlich im Renaissancestil erbaut und erhalten lange Kolonnaden, Kuppeln, Türme, monumentale Thorbogen, reichverzierte Fenster u.s.w. Zur Eindeckung der betreffenden Dächer, welche bei allen Hauptgebäuden an den Säumen die gleichmässige Höhe von 15 m erhalten, will man lediglich rote Falzziegel verwenden. Die bedeutendsten der eben angeführten Bauwerke werden um einen freien Platz gruppiert, der durch mehrere nach Art des Wasserschlosses der Pariser Weltausstellung elektrisch beleuchtbaren Becken mit spielenden Wässern und verschiedenen Blumengärten und Rasenbeeten geschmückt ist.

Besondere Ausdehnung und eine hervorragende architektonische Durchgestaltung werden die Paläste für Industrie und Gewerbe und für die „freien Künste“ (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik) einerseits, sowie für Maschinen- und Verkehrswesen andererseits finden, von denen jedes über 150 m lang und 105 m breit ist, also annähernd 16000 qm Fläche bedeckt. Für die Gruppen Ackerbau und Elektrizität werden je eine Ausstellungshalle von 150 m Länge und 45 m Breite, für die Gruppe Gartenbau ein quadratisches Glaspalais von 66 m Seitenlänge und 70 m Höhe erbaut. Das Verwaltungsgebäude misst 180 m in der Front bei 39 m Tiefe und wird mit einer Kuppel von 75 m Höhe geziert sein. Mit der künstlerischen Ausgestaltung, d.h. mit den Entwürfen der Fassadenpläne für die aufgezählten Bauwerke sowie für weitere 20 grössere Ausstellungsgebäude hat man die bedeutendsten Architekten verschiedener amerikanischer Städte betraut, während die Konstruktionseinzelheiten und die Ausführung der Bauten Aufgaben der Ingenieure und Baumeister der Ausstellungsverwaltung sind, welch letzterer ein eigener aus Bauverständigen |18| und Künstlern zusammengesetzter Bauausschuss beigegeben ist, dem alle Entwürfe zur Begutachtung und Genehmigung vorgelegt werden müssen. In den meisten Fällen ist die Gebäudekonstruktion an sich höchst einfach, da sie im wesentlichen mit Rücksicht auf den ephemeren Charakter der Baulichkeiten eben nur aus eisernen Fachwerksgerippen besteht, die durch leichte Holzverschalungen und darüber angebrachten dekorativen Bewurf oder künstliche Steinverkleidungen ihr äusseres Gewand erhalten.

Textabbildung Bd. 316, S. 18

Als bleibender monumentaler Bau ist das Palais des Staates New York geplant, für welches die Herstellungskosten mit 630000 M. veranschlagt sind; dasselbe wird aus Sandstein und Marmor ausgeführt, eine Grundfläche von 25 m zu 40 m bedecken und nach der Ausstellung als Museum für die Sammlungen der historischen Gesellschaft von Buffalo Verwendung finden. Desgleichen hat das Gebäude für Malerei, Bildhauerei, Kunstgewerbe und vervielfältigende Künste, für dessen Errichtung 1500000 M. ausgeworfen sind, als bleibender Monumentalbau ausgeführt zu werden, um späterhin unter dem Namen „Albright Art Gallery“ als Kunstmuseum zu dienen. Ein besonders reicher Spielraum ist natürlich der Elektrizität zugedacht, die in allen ihren industriellen Verwendungen und namentlich für die Erzeugung von Licht und Kraft in hervorragendster Weise vorgeführt werden wird. Es wurde diesfalls elektrische Energie von 9000 PS vorgesehen, von denen 4000 PS an Ort und Stelle erzeugt, die restlichen 5000 PS jedoch mittels 19drähtiger, auf Pfahlböcken angebrachter Kabel aus Reinkupfer von den Fällen des Niagara bezogen werden. Hinsichtlich aller Gebäude der Ausstellung beabsichtigt man, dieselben allabendlich durch elektrische Glühlampen zu beleuchten, welche an den verschiedenen Kuppeln, Türmen, Pylonen, Thorbögen und allen sonstigen Hauptkonturen der Fassaden rahmenartige Einfassungen bilden werden; ebenso sollen zahlreiche Springbrunnen, Spiegelteiche, Wasserfälle u. dgl. m. im reichsten elektrischen Lichtschmuck erglänzen.

Das bemerkenswerteste Objekt zur praktischen Vorführung aussergewöhnlich grossartiger und brillanter elektrischer Beleuchtungseffekte wird jedoch ein 112,50 m hoher Turm sein, der sich in der Mitte des Hauptausstellungsplatzes hinter einem mit Kaskaden- und verschiedenen ähnlichen, spielenden Wassern eingerichteten, 120 m breiten, 180 m langen Weiher erhebt. An den Turm, der einen quadratischen Grundriss von 21 m Seitenlänge besitzt, schliessen sich rechts und links 14 m hohe offene Säulengänge an, die Viertelkreise bilden von 60 m Halbmesser. Die freien Enden dieser beiden Flügel sind durch 21 m hohe Ecktürme begrenzt, welche reich mit Skulpturen geschmückt und im Stile des Hauptturmes von durchbrochenen Kuppeln abgekrönt sind. Während der stufenartig abgesetzte 4 m hohe Sockel des Turmes nebst seinen beiden Flügeln mit dem vor ihm sich ausbreitenden Wasserbecken zusammengezogen als Untergrund und Fassung für verschiedene Kaskaden und Springbrunnen dient, wird das Innere der Kolonnade als Wandelbahn und zur Aufstellung plastischer Kunstwerke Benutzung finden. Die Aussenseiten des Turmes werden durch einen Anstrich das Ansehen und die Farbe des weissen Marmors erhalten, zugleich aber auch an verschiedenem Zierwerk und an den Gesimsen vergoldet und in der Vorderwand durch eingelassene farbigeGlaslinsen, welche Edelsteine imitieren, geschmückt sein. Der 60 m über der Sohle des Erdgeschosses beginnende pyramidale Abschluss des Turmes besteht bis zur Spitze aus drei durchbrochenen Aufbauten, ähnlich wie bei den altitalienischen Glockentürmen, nur in viel reicherer Ornamentik und mit dem Zweck, nicht nur glattweg als architektonische Ausstattung zu dienen, sondern auch durch elektrische Innenbeleuchtung ganz aussergewöhnliche Wirkungen zu ermöglichen. Auch die ganze Vorderfront des Turmmassives wird in diesem Sinne ausgeschmückt sein, d.h. sie bleibt ohne Fenster; dafür aber werden in den betreffenden Wandöffnungen Kunststeinrosetten eingesetzt, die wie Spitzen so reich und zart durchbrochen und rückwärts mit verschiedenfarbigen Tafeln verglast sind, um nachts transparent erleuchtet zu werden. Von den drei Stockwerken des oben erwähnten pyramidalen Turmabschlusses bilden das unterste einen riesigen, von Säulen und Rundbögen getragenen, quadratischen Saal, der durch vier mit steilen Kuppeln überbauten Ecktürmchen abgegrenzt ist und nach allen vier Seiten eine offene Aussichtsgalerie bildet, auf der sich angemessen zurückspringend das nächsthohe Geschoss aufbaut, das einen kreisrunden Säulengang bildet, um den sich eine Treppe windet. Auf dieser Rotunde befindet sich endlich das letzte, gleichfalls etwas zurückspringende Stockwerk, eine schlanke von Säulen getragene Kuppel, auf der als oberster Abschluss eine allegorische Figur steht. Auch das eigentliche Turmmassiv wird drei Stockwerke aufweisen, von denen also jedes 20 m hoch ist; davon sollen das unterste, nämlich das Erdgeschoss und das erste Stockwerk lediglich für Empfangsräume, Bibliotheken, Lesezimmer und Festsäle, sowie für Bureaux der Ausstellungsverwaltung ausgenutzt werden, wogegen das dritte Geschoss als Restaurant bestimmt ist, in das man mit Hilfe zweier elektrischer Aufzüge gelangen kann. Die weiteren drei schon früher erwähnten Stockwerke, welche die Abkrönung des Turmes bilden, haben keine besondere Bestimmung, ausser die, für die zur Unterbringung verschiedener elektrischer Beleuchtungseinrichtungen und namentlich für die Aufstellung von Scheinwerfern zu dienen, und den Besuchern eine ebenso schöne als interessante Aussicht über das gesamte Ausstellungsgebiet zu gewähren. Obwohl nun dieser Turm bloss für die Dauer der Ausstellung errichtet wird und später wieder beseitigt werden soll, so ist das Gerippe desselben doch sorgsamst auf mächtigen, aus Beton ausgeführten Grundmauern fundiert und mit besonderer Solidität aus Stahlblechträgern hergestellt, die untereinander vernietet sind. Die Aussenseiten des Stahlgerippes erhalten Holzverkleidungen, welche den Bewurf und die Thon-, Gips- und Kunststeinverzierungen der Fassaden und Innenräume tragen. Auch die sämtlichen Decken bestehen lediglich aus Stahlblechträgern, die durch Querträger zu einem Roste verbunden sind, dessen Felder durch Betonguss flach ausgemauert werden. Das gesamte tote Gewicht des Turmmaterials wird sich auf 1675 t belaufen, während die äusserste lebende Belastung sich mit 600 t veranschlagen lässt. Die hieraus abzuleitende Maximalbelastung der Tragpfeiler beträgt 112,50 kg pro Quadratcentimeter.

Für jene tragenden Konstruktionsteile, welche Winddruck aufzunehmen haben, hatte man zur Berechnung der Inanspruchnahme ein für allemal die sich aus dem lebenden und toten |19| Gewicht ergebende ziffermässige Totalbelastung uni 25 % erhöht. Von den mehrfach schon besprochenen drei Geschossen des oberen Turmabschlusses ruht natürlich jedes auf einer dem Grundriss des daraufstehenden Stockwerkes besonders angepassten Trägerdecke. So besteht die zwischen dem dritten und vierten Stockwerk eingezogene Decke aus vier Hauptträgern von 10 m Spannweite und 1,50 m Höhe, auf denen die Tragsäulen stehen, welche die aus 0,50 m hohen Stahlblechträgern hergestellte Decke des nächst höheren Geschosses tragen. Auf der letzteren sind wieder schwächere Stuhlsäulen gestellt, die das vorletzte Geschoss bilden und eine aus nur 0,38 m hohen Trägern ausgeführte Decke erhalten. Erst diese bildet die Basis für das den Turmknauf darstellende sechste und letzte Geschoss des Turmes, das nurmehr den Sockel der abkrönenden Statue trägt. In konstruktiver Beziehung ist dieses Bauwerk ersichtlichermassen recht interessant; es soll im Verein mit den anschliessenden Wasserbecken für Buffalo offenbar dieselbe Rolle spielen, wie für Paris die kunstvolle Giebelfront des Elektrizitätspalais gemeinsam mit dem Wasserschlosse gespielt hat.

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