Titel: Drahtlose Mehrfachtelegraphie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 3 (S. 19–20)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi01_3

Drahtlose Mehrfachtelegraphie.

Es ist bekannt, dass sich Prof. Slaby an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg seit längerer Zeit mit der Ausbildung der drahtlosen Funkentelegraphie beschäftigt. Neuerdings ist ihm ein wichtiger Fortschritt gelungen, der für die Anwendung der drahtlosen Telegraphie ganz neue Bahnen eröffnet.

Wir entnehmen das Nachstehende einem von Prof. Slaby kürzlich im Konferenzsaale der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft Berlin gehaltenen Vortrage.

Der bisherigen Funkentelegraphie haftet ein empfindlicher Mangel an: es ist nicht möglich, mehrere korrespondierende Stationen zugleich arbeiten zu lassen, sie störten sich gegenseitig. Hierdurch wurde die Anwendung der Funkentelegraphie zunächst auf die Marine beschränkt. Die neue Erfindung beseitigt nun diesen Uebelstand, sie ermöglicht, dass beliebig viele Stationen gleichzeitig telegraphieren können, ohne sich gegenseitig zu stören. Das folgende packende Experiment bewies diese Behauptung. Auf dem Vortragstisch standen zwei Empfangsapparate, welche beide mit dem Blitzableiter am Schornstein der elektrischen Zentrale Schiffbauerdamm verbunden waren, ohne dass man dessen Erdverbindung aufgehoben hatte. Einige Funken, welche der Vortragende dem Induktorium entlockte, gaben in Morse-Zeichen zwei weit voneinander entfernten Stationen das Signal zum Beginn der Korrespondenz. Die eine dieser Stationen befand sich in Schönweide an der Oberspree, 14 km entfernt, die andere im Laboratorium des Professors in der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, in der Luftlinie etwa 4 km vom Vortragssaal. Ein kurzer Augenblick des Harrens unter allgemeiner Spannung – dann begannen beide Apparate mit geschäftigem Ticktack zu antworten. Ungestört von einander schrieben sie mit der üblichen schnellen Telegraphiegeschwindigkeit ihre Stationsnamen auf den Morse-Streifen.

In einfacher, leicht verständlicher Darlegung an der Hand analoger mechanischer Vorstellungen gab Prof. Slaby eine Erklärung der Erfindung. Sie beruht auf einem eingehenden Studium der elektrischen Wellen, welche von dem Geberapparat ausgesandt werden. Durch eigentümliche Schaltungen werden elektrische Wellen von genau bemessener und vereinbarter Länge erzeugt. Ebenso sind die Empfangsapparate für Wellen vereinbarter Länge abgestimmt. Kommen nun Wellen von verschiedener Länge an einem und demselben Empfangsdraht an, so findet eine automatische Sortierung derselben statt, ein Durchsieben oder Durchfiltrieren, wie es der Vortragende nannte, derart, dass in die verschiedenen angeschlossenen Empfangsapparate nur solche Wellen Zutritt haben, für welche sie abgestimmt sind. Für Wellen von nicht passender Länge sind die Empfangsapparate gleichsam immun gemacht.

Der Vortragende schilderte sodann die Einrichtungen an den Sendestationen, die unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen funktionierten.

In Charlottenburg sendet die Wellen ein Draht von 16 m Länge auf dem Dach des Gebäudes der Hochschule. Die Herunterführung zum Laboratorium an der Westfront des Hauses ist wirkungslos, da der ganze Gebäudekomplex der Hochschule davorliegt. In Schönweide ist es ein zwischen zwei Schornsteinen herunterhängender Draht. Die dort ausgesandten Wellen müssen Berlin in seiner grössten Ausdehnung von Südost nach Nordwest durchqueren und werden durch zahlreiche dazwischenliegende Schornsteine und Türme geschwächt. Die Aufgabe war nur zu lösen durch eine zweite Erfindung, welche die Intensität der geschwächten Wellen wieder verstärkt. Dieser Apparat, vom Erfinder Multiplikator genannt, erhöht die Spannung der elektrischen Wellen in selbstthätiger Weise. Die Wirkungsweise |20| erläuterte der Vortragende durch eine Stimmgabel, welche beim Anschlagen nur einen schwachen, schnell verklingenden Ton von sich gab. Setzte er sie jedoch auf einen geeigneteren Resonanzboden, so schwoll der Ton sofort zu bemerkenswerter Stärke und dauerte lange an. „Was der Resonanzboden für eine echte Stradivari, das leistet der Multiplikator für den Empfänger der Funkentelegraphie.“ Durch einige elektrische Experimente wurde die überraschende Wirkung des Multiplikators weiter erläutert.

Die Erfindung, deren Tragweite sich noch nicht absehen lässt, hat Prof. Slaby im August vorletzten Jahres in ihren Grundzügen der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft mitgeteilt, welche sie unter hervorragender Mitwirkung des Grafen v. Arco, eines früheren Assistenten des Prof. Slaby, technisch weiter bildete. Sie scheint übrigens in der Luft gelegen zu haben, denn fast gleichzeitig wird aus London gemeldet, dass auch Marconi eine drahtlose Mehrfachtelegraphie erfunden habe, die er zur Zeit allerdings noch nicht bekannt geben wolle.

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