Titel: Die neue 16zöllige (40,5 cm) Küstenkanone der Vereinigten Staaten von Nordamerika.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 2 (S. 35)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi02_2

Die neue 16zöllige (40,5 cm) Küstenkanone der Vereinigten Staaten von Nordamerika.

Das Kaliber der Hauptgeschütze auf den Schlachtschiffen der Vereinigten Staaten ist von dem bei Gründung der neuen Flotte 1889 angenommenen 33 cm auf 30,5 cm bei den neuesten Schiffen heruntergegangen. Beiläufig sei bemerkt, dass von 47 Schuss der 33-cm, welche bei der Vernichtung des spanischen Geschwaders Cerveras vor San Jago de Cuba die Panzer „Oregon“ und „Indiana“ abgaben – kein Treffer erzielt wurde. In der Küstenartillerie ist man dagegen mit den Kalibern in die Höhe gegangen, wie es die Konstruktion des 40,5-cm zeigt. Das Geschütz wurde im Watervliet-Arsenal zu New York als erstes von achtzehn herzustellenden gebaut, ist ein Mantelringrohr von 49 Fuss 29/10 Zoll (15 m) Länge, im Hinterstück von 5 Fuss (1,52 m) Durchmesser, und soll allen bisher existierenden Geschützen an Leistungsfähigkeit weit überlegen sein. Scientific American, Bd. 83 Nr. 13, behauptet wenigstens, dass diese Ueberlegenheit vorhanden ist, zieht jedoch zum Vergleich Geschütze heran, deren Herstellung viele Jahre zurückliegt und gibt zudem Zahlen, die der Richtigkeit entbehren.

Das amerikanische Rohr soll, nach den Angaben, Geschosse von 1075 kg mit 700 m Anfangsgeschwindigkeit und 26800 mt Totalenergie feuern und mit 40° Elevation eine Schussweite von 20,978 englische Meilen oder 33 km erreichen, wobei die Scheitelhöhe der Flugbahn auf 9300 m berechnet ist. Man vergleicht damit ein Resultat eines Krupp-Geschützes, und das genannte Blatt führt an, dass im Jahre 1892 in Gegenwart des deutschen Kaisers ein 28-cm-Geschütz von Krupp auf dem Schiessplatz zu Meppen eine Schussweite von rund 20200 m bei einer Scheitelhöhe der Flugbahn von 6230 m erschossen habe. Hier liegt ein Irrtum vor, denn das Geschütz, welches zu Meppen am 20. April 1893 – nicht 1892 – in Gegenwart des Kaisers eine Schussweite von 20235 m bei 6335 m Flugbahnhöhe thatsächlich erreichte, war ein 24-cm von 40 Kaliber Rohrlänge. Weiter vergleicht das amerikanische Blatt das neue Geschütz mit dem italienischen 45-cm, dem französischen 42-cm und dem englischen 41,3-cm. Derartige Vergleiche sind anscheinend wohl deshalb angeführt, um die Leistungen der eigenen Kanone ganz besonders günstig darzustellen. Der 45-cm Italiens ist ein Vorderlader und wird noch in vier Exemplaren auf dem Panzer „Duilio“ geführt, der zudem demnächst neu bestückt wird. Die Franzosen haben den 42-cm auf der Marine abgeschafft, und der englische 41,3-cm ist ebenfalls nur in vier Exemplaren noch vertreten, nämlich in je zwei auf „Sans Par eil“ und „Benbow“, die zudem auch bald neuere Geschütze erhalten.

Textabbildung Bd. 316, S. 35

Wenn man die Geschütze anderer Staaten zum Vergleich mit dem amerikanischen heranziehen will, muss man natürlich neuere und neueste wählen. Auf der Chicagoer Ausstellung stand beispielsweise ein Geschütz von Krupp, das derselbe den Vereinigten Staaten zum Geschenk gemacht hat, das in Leistungen die angeführten bereits weit hinter sich lässt und denen des amerikanischen Rohres nahekommt. Es ist ein 42-cm von33 Kaliber oder 14 m Länge, 122,4 t Gewicht. Es feuert mit 604 m Anfangsgeschwindigkeit Geschosse von 1100 kg. Aber dieses Geschütz ist längst übertroffen. Krupp hat 40-cm-Rohre von 40 Kaliber oder 16 m Länge, 132000 kg Gewicht gebaut, die mit 720 m Anfangsgeschwindigkeit eine Totalenergie von 19552 mt bei 740 kg Geschossgewicht erreichen, bei Geschossen von 1050 kg und 630 m Anfangsgeschwindigkeit es aber auf 21241 mt Energie brachten. Das waren Konstruktionen vom Jahre 1889, heute sind auch sie weit überholt. Armstrong's schwerstes Geschütz hat 43 cm Kaliber, wiegt 140000 kg und verfeuert ein 907 kg schweres Geschoss mit 741 m Anfangsgeschwindigkeit und 25394 mt Totalenergie.

Die französische Geschützfabrik Canet, jetzt Schneider-Canet, stellt in letzter Zeit als schwerstes Geschütz den 30,5-cm her und zwar bis zu 45 Kaliber oder 13,725 m Rohrlänge, dessen Totalenergie bei 850 m Anfangsgeschwindigkeit 300 kg Geschossgewicht auf 11770 mt berechnet wird, und zwar bei einem Rohrgewicht von 46 t, wogegen das amerikanische Rohr 80,740 t schwer ist. Der ältere 37-cm-Canet von 128,3 t Rohrgewicht, 50 Kaliber oder 18,5 m Länge, soll mit 800 in Anfangsgeschwindigkeit 620 kg schwere Geschosse mit 20227 mt Energie feuern, doch ist dem Verfasser nicht bekannt, ob und wo ein derartiges Geschütz steht. Die Hafenverteidigung von New York, für welche, wie erwähnt, die achtzehn 40-cm bestimmt sind, ist schwierig und erfordert, wenn sie gut sein soll, sehr grosse Mittel. Zahlreiche Forts und Batterien sind vorhanden. Auch eine Batterie von Dynamitgeschützen ist gebaut, und neuerdings werden 50 Unterseeboote verlangt. Ob die neuen 40-cm gerade Idealgeschütze sind, lässt sich bestreiten; sie sind unhandlich, brauchen grosse Aufstellungsräume, also sehr umfassenden Schutz derselben, sind teuer und feuern langsam. Als eines der neuesten wirksamsten Geschütze, dem diese Mängel weit weniger anhaften und dessen Leistungen gegen alle Ziele als genügend anzusehen sind, dürfte der 30,5-cm der Vickers and Maxim Gun Comp. Barrow, Marke IX sein, Drahtgeschütze, deren neueste Laffetierung es erlauben, in 40 Sekunden einen Schuss abzugeben. Eine Ueberlegenheit der 40,5-cm-Kanone der Vereinigten Staaten über die neuesten Erzeugnisse dieser Art der grossen Geschützbauanstalten Europas ist nicht erkennbar. Die mangelhaften Ausführungen des Scientific American beweisen sie keineswegs.

Krupp hat zur Armierung der neuesten in Bau gelegten Schlachtschiffe 28-cm-Schnelllader gebaut, Geschütze, die in Frankreich starke Beachtung finden und auf die der frühere Marineminister Lockroy hinweist. Allerdings ist Lockroy ein begeisterter Anhänger der jeune école des Admirals Aube, und dürfte eigentlich für so schwere Geschütze überhaupt nicht schwärmen. Jedenfalls hat Krupp im 28-cm-Schnelllader wieder ein hervorragendes Geschütz geliefert, wenn auch die Feuergeschwindigkeit, trotz der Bezeichnung „Schnelllader“, nicht höher sein dürfte, als die des angeführten 30,5-cm-Drahtgeschützes von Vickers.

F. E.

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