Titel: Ueber saure Grubenwässer und deren Verwendung zur Kesselspeisung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 1 (S. 113)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi07_1

Ueber saure Grubenwässer und deren Verwendung zur Kesselspeisung.

Mit der Untersuchung von Kesselspeisewässern, welche Braunkohlengruben der preussischen Oberlausitz entstammten, betraut, beobachtete Dr. A. Katz, wie uns vom Patentbureau Richard Lüders in Görlitz mitgeteilt wird, dass die Wässer zum Teil bereits verdünnt, zum Teil nach mehr oder weniger starkem Eindampfen saure Reaktion zeigten. Die Analyse ergab pro Liter

einen Gehalt von 7 bis 27 mg Schwefelsäure (SO3)

und bis 48 mg Eisenoxyd (Fe2O3).

Eine eigenartige Erscheinung zeigte sich an den inneren Kesselwandungen der Betriebe, in denen jene Wässer zur Speisung benutzt wurden. Besonders um die Nietstellen der Kesselbleche herum war eine Menge von kleinen, runden pockenartigen Vertiefungen vorhanden. Die Vermutung über diese Zerstörung des Kesselbleches ging dahin, dass die Speisewässer Bestandteile enthielten, welche auf das Kesselblech korrodierend einwirkten. Die Untersuchung der Wässer zeigte thatsächlich das Vorhandensein freier Säure. Es fragte sich nun, woher die freie Säure stammt und wodurch nur an bestimmten Stellen des Kessels durch Verwendung des Wassers eine Korrosion entstand.

Auf den Braunkohlen, deren Lager jene Wässer entstammten, war Tyrit in feinsten Kryställchen aufgelagert und eingesprengt. Die Schwefeleisenverbindung oxydiert sich allmählich unter dem Einfluss von Luft, Feuchtigkeit und organischen Stoffen in der Grube selbst, besonders aber, wenn es vom Grubenwasser fortgeschwemmt, sich in dessen Bett ablagert, zu schwefelsaurem Eisenoxydul, welches vom Wasser gelöst, mit diesem zur Entnahmestelle des Speisewassers fortgeführt wird. Die Sammelbrunnen, in welche die Grubenwässer einmünden, zeigen an den Wandungen und auf dem Boden Schlamm von Eisenoxyd. Es geht daraus hervor, dass sich das Sulfat unter Abscheidung von Eisenoxyd und freier Säure zersetzt, ähnlich wie man dies bei dem photographischen Eisenentwickler beobachten kann. Ein Teil des Sulfats geht noch unzersetzt mit dem Wasser in den Kessel, wo es sich unter dem Einfluss des bis zu 10 at gesteigerten Drucke zersetzt und die Säure frei macht. Thatsächlich zeigt auch der Kesselstein, den jene Wässer ablagern, stets starke schichtige Ablagerungen von Eisenoxyd.

Wenn Säure in den Kessel eintritt, so wird diese sich allmählich mehr und mehr konzentrieren, die Kesselbleche angreifen und schwächen. Aus dem Umstände, dass besonders in der Nähe der Nietstellen der Kesselbleche eine Menge von kleinen, runden Vertiefungen und Löchern vorhanden ist, scheint hervorzugehen, dass neben der direkten rein chemischen Wirkung der Säure auf das Kesselblech auch galvanische Vorgänge vorhanden sind, welche zersetzend auf das Blech einwirken. Diese galvanischen Vorgänge treten in Gegenwart von verdünnter Säure nicht nur zwischen verschiedenen Metallen, sondern auch zwischen den gleichen Metallen auf, wenn dieselben mechanisch verschieden bearbeitet sind. Eine solche Bearbeitung desselben Metalls und eine damit zusammenhängende Verschiedenheit in der molekularen Gestaltung liegt bei Nieten und gewalzten Blechen vor. In der Regel wird zur Beseitigung des Uebelstandes verordnet, dass man der Menge der Eisensulfate im Speisewasser entsprechende Mengen von Soda zusetzt und das Wasser, von Eisensalzen befreit, dem Kessel zuführt. Dabei ist aber zu bedenken, ob nicht etwa das durch diese Reinigung gebildete, im Wasser gelöste schwefelsaure Natron innerhalb des Kessels bei dem hohen Druck von 10 bis 12 at zersetzt wird und dadurch freie Säure entsteht, die wiederum schädlich wirkt.

Die Reinigungsfrage von Speisewässern hat in letzter Zeit, abgesehen von einer Reihe von Geheimmitteln, die immer wieder angeboten und zum Nachteil der Kesselbesitzer angewendet werden, wenig Fortschritte gemacht. Der Fortschritt oder die Veränderung der Massnahmen zur Reinigung erstreckte sich nur auf Konstruktionen von Reinigungsapparaten, die fast alle auf derselben Basis arbeiten. Von Wichtigkeit ist aber für die Reinigungsfrage der Umstand, dass man nicht wie früher mit 4 bis 6 at Druck im Kessel arbeitet, sondern mit dem doppelten Druck, dessen Einfluss auf die Zersetzung von im Speisewasser gelösten Salzen im Kessel nicht genügend studiert ist. Es müssen Versuche darüber angestellt werden, wie sich Salze der organischen wie anorganischen Säuren mit Alkalien, Erden und Metallen unter dem Druck von 10 bis 12 at verhalten. Die Ergebnisse dieser Versuche sind für die Industrie im allgemeinen von grösster Bedeutung und werden erfolgreich zur Lösung dieser offenen wichtigen Frage beitragen.

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