Titel: Verluste von Schiffen und Menschenleben der Kriegsflotten im Jahre 1900.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 2 (S. 113–114)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi07_2

Verluste von Schiffen und Menschenleben der Kriegsflotten im Jahre 1900.

Das verflossene Jahr hat eine grosse Schiffskatastrophe glücklicherweise nicht gebracht. Deutschland wird hart berührt durch den Verlust der „Gneisenau“, aber mit geringen Ausnahmen gelang es, wenigstens die Besatzung zu retten, und der Verlust des 21 Jahre alten, eisernen Schulschiffes, ohne Gefechtswert, lässt sich schon noch ertragen, so bedauernswert er an sich ist. „Gneisenau“ wurde am 16. Dezember bei plötzlich einsetzendem Südweststurm und nach Versagen der Maschine gegen die Mole des Hafens von Malaga geworfen. Der Kommandant, Kapitän zur See Kretschmann, der erste Offizier und der erste Ingenieur nebst einem Seekadetten und 36 Mann ertranken, die übrigen der im ganzen 452 Mann starken Besatzung konnte sich unter Mithilfe der Spanier retten. „Gneisenau“ lief am 4. September 1879 auf der Kaiserlichen Werft Danzig vom Stapel und deplacierte 2856 t. Die Vollschifftakelage war seit 1900 gekürzt, aber trotzdem war das Schiff noch gut unter Segel zu manöverieren. In der deutschen Marine ist noch ein Unfall zu erwähnen. Auf dem kleinen Kreuzer „Bussard“ erfolgte zu Aden im August eine Explosion im Maschinenraum, wodurch zwei Mann getötet, fünf verwundet wurden. Englands Flotte verlor im Laufe des Jahres das ganz neue Flusskanonenboot „Sandpiper“ durch einen Taifun im Hafen von Hongkong am 10. November. Auch die britischen Kanonenboote „Tweed“ und „Fierebrand“ gerieten ins Treiben und bekamen Wasser über. Der Torpedobootzerstörer „Otter“, Tender zu Schlachtschiff „Goliath“, von der Naval Construction Comp. Barrow 1896/97 erbaut, unternahm auslaufend das Rettungswerk, das insoweit gelang, als die gesamte aus 16 Köpfen bestehende Besatzung des „Sandpiper“ bis auf einen Mann, der ertrank, gerettet wurde. „Sandpiper“ ist für die See überhaupt nicht gebaut. Die Fahrzeuge – es sind noch drei Schwestern fertig und zwei im Bau – sind zusammensetzbar, 30,5 m lang, 6,1 m breit, verdrängen 85 t Wasser und tauchen nur 0,5 m. Ihre Maschinen können 240 PS entwickeln und treiben zwei Schrauben, die eine Fahrt von stündlich 9 Meilen über Grund ermöglichen. Die Armierung besteht aus zwei 5,7 Schnellladern, 4 Maschinengewehren. Die Boote sind namentlich für den Yan-tse oberhalb Itschang und den Pralfluss durch Canton bestimmt. In der Marine Frankreichs explodierte im Februar auf dem Panzerkreuzer „Chancy“, im Geschwader vor Toulon liegend, der Dampfsammler im Heizraum Nr. 3. Zwei Heizer wurden schwer, einer leicht verbrüht, von den Schwerverwundeten starb einer. Am 11. August wurde der ganz neue Torpedobootzerstörer „Framee“ auf der Höhe von St. Vincent vom Schlachtschiff „Brennus“, Flaggschiff des Admiral Fournier, gerammt und sank; die Besatzung wurde gerettet, das Fahrzeug ging verloren. „Framee“ deplacierte 314 t, war 56 m lang, 5,9 m breit und konnte mit 5700 PS, zwei Maschinen 26 Meilen Fahrt in der Stunde laufen. Er hatte 62 Mann Besatzung, eine Artillerie von einem 6,5 cm, sechs 4,7 cm Schnellladern nebst zwei Torpedolancierrohren und war 1900 zu St. Nazaire vom Stapel gelaufen. Das einzige Schwesterschiff in der Flotte Frankreichs ist „Yatagan“. Ursache der Katastrophe war Versetzen des Ruderapparates. – Am 23. Oktober kollidierte der Transportdampfer „Caravane“ in der japanischen Inlandsee mit dem Dampfer „Yamaguchi-Maru“, der Mitsu Bishi-Gesellschaft, bei nebeligem Wetter. „Caravane“, in zwei Teile zerschnitten, sank nach einer halben Stunde, „Yamaguchi-Maru“ erlitt schwere Havarien. Die Besatzung des französischen Schiffes wurde von dem Japaner an Bord genommen, drei Mann ertranken. „Caravane“ war ein eiserner Dampfer vom Jahre 1876 von 2065 t Deplacement, mit 645 PS, lief etwa neun Meilen und hatte 67 Köpfe Besatzung. Als Armierung führte er zwei 4 cm-Hinterlader. – Nach den Mitteilungen aus dem Gebiet des Seewesens, Augustheft 1900, sollen auf dem Torpedoboot „Nr. 213“ bei Cherbourg Rohrrisse entstanden sein, durch welche zwei Heizer schwer verbrüht wurden. – Das Torpedoboot „Boët Willaumez“ lief bei Nebel auf den Fels Gauthier, bei Cherbourg, am 31. August auf, wurde leck, hielt sich durch die Schotten sieben Stunden lang über Wasser und sank dann. Die Mannschaft ging auf das Torpedoboot „Nr. 108“, das zur Stelle war, über. – „Boët Willaumez“ deplacierte 66 t, stammte vom Jahre 1886, war in Havre gebaut, konnte nur 18 Meilen laufen und hatte 22 Mann Besatzung. In einem Typhon ging am 13. November bei Guam der Hilfskreuzer „Josemite“ der Vereinigten Staaten verloren. Er war zu Newport News von der Shipbuilding and Dry-Dock Comp. Virginia gebaut und lief 1892 unter dem Namen „El Sud“ für die Morgan Line vom Stapel. Das Schiff wurde 1898 während des Krieges mit Spanien angekauft, hatte 4659 |114| Bruttoregistertonnen, eine Schraube und konnte mit rund 3000 PS 16 Meilen laufen. Man armierte „Yosemite“ mit zehn 12,7 cm Hinterladern, sechs 5,7 cm Schnellladern, zwei Mitrailleusen. – Die Marine Japans verlor den Torpedobootzerstörer „Niji“, den letzten von sechs, die Yarrow (Poplar, England) geliefert hatte und der erst 1900 ablief. Das 306 t grosse Fahrzeug, das 31 Meilen Fahrt machen konnte und 78 Mann Besatzung trug, ist auf der Heimfahrt an der chinesischen Küste Ende des Vorjahres gescheitert. Der grösste Teil der Bemannung konnte sich retten. In Spaniens noch immer nicht unbeträchtlicher Flotte, die sich im grossen und ganzen heute noch in den eigenartigen, anderen Nationen unverständlichen Verhältnissen befindet, wie seit der Zeit Philipp II. – viel Schiffe, viel Admirale, viel Ausgaben, geringe Leistung, aber immer vorhanden, und als starker Faktor in allen maritimen Unternehmungen anzusehen – hat im August auf dem Kreuzer „Infanta Isabel“ eine Kesselexplosion stattgefunden. Der Kreuzer lief von San Sebastian nach Arrachon aus; die königliche Familie befand sich im Schloss Miramare. Ein Mann war tot, 22 verbrühten, davon vier schwer. – Die Flotte der Türkei hat nur wenige Schiffe und Fahrzeuge thatsächlich kriegsbereit schwimmen; ein erstklassiges Schlachtschiff, einen Panzerkreuzer oder Kreuzer überhaupt nicht. Die Flotte ist in ihrem Gros bewegungsunfähig! Der Verlust des Torpedobootes „Berk ef Schan“ – Berliner Blätter machten daraus „Scham“ –, ein auf der Germaniawerft (Krupp) zu Gaarden bei Kiel 1894 abgelaufenes, 270 t deplacirendes Fahrzeug, das in „Tajjar“ noch eine Schwester in der Flotte der Hohen Pforte besitzt, armiert mit sechs 3,7 cm Schnellladern, zwei Torpedolancierrohren, war in Bajrut stationiert und machte Probefahrten, um einen neuen Projektor (?) zu prüfen. Das Boot sank infolge Kesselexplosion. Fünf Offiziere, 25 Mann der Besatzung ertranken, dazu – der Kommandant des türkischen Stationsflaggschiffes „Ismael“, der Kommandant der in Bajrut stationierten Eskadrille, der Kommandant der Gensdarmerie zu Bajrut und der Buchhalter und Inspektor der Tabaksregie dort. Es gibt etwa 4000 Kriegsschiffe und Fahrzeuge, welche Namen tragen, in den verschiedenen Marinen der Erde. Dazu kommen noch über 1000 Torpedoboote, Minenfahrzeuge, Hafenfahrzeuge, Präme etc., die man mit Nummern bezeichnet hat. Etwa die Hälfte der Kriegswasserfahrzeuge ist in Bewegung und im Dienst, so dass sich die Verluste des verflossenen Jahres im allgemeinen als winzige herausstellen.

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