Titel: Neues vom Unterseeboot (Anfang 1901).
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 1 (S. 132)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi08_1

Neues vom Unterseeboot (Anfang 1901).

Die angeblich glänzenden Erfolge des Holland in den Vereinigten Staaten haben, wie in Spanien nach den Uebungen des „Peral“ 1888, dazu geführt, den Fahrzeugen die abenteuerlichsten Leistungen anzudichten. Da die Amerikaner auf dem Gebiet der starken Ideen besonders vor anderen Nationen sich auszeichnen, sind auch die Hoffnungen auf den „Holland“geradezu wundersame. Nach einer Meldung beabsichtigt John P. Holland mit einem seiner Boote den Atlantik zu kreuzen (!), und die Voss. Ztg. vom 31. Dezember 1900 brachte einen Artikel: Das Unterseeboot und seine Zukunft nach dem North American Review, in welchem Holland seine Ansichten wiedergegeben haben soll. Er meint darin, dass der submarine Verkehr auf gewissen kurzen Strecken den bisherigen Verkehr über Wasser vollständig verdrängen werde, beispielsweise auf der Linie Dover-Calais, und spekuliert dabei in erster Linie auf die „Furcht vor der Seekrankheit“. Doch enthält der Artikel einige höchst naive Sätze, die kaum von einem Kenner der Verhältnisse auf und unter dem Wasser herrühren dürften. Von angeführter Strecke steht dort: „Bei der Reise über den Kanal hat auch der abgehärtetste Reisende schreckliche Leiden auszustehen! Die Nebel verursachen häufig Zusammenstösse, und der Sturm schüttelt die stärksten Schiffe wie Nussschalen, so dass Tausende vor der kurzen Reise zurückschrecken.“ Im Kanal ist häufig schönes Wetter, glatte See. Noch niemals ist ein Trajektdampfer mit anderen Schiffen zusammengestossen, und ganz gewiss ist die Zahl derer, die aus Furcht nicht von oder nach England über den Kanal gehen, sehr gering. „Die herüber- und hinüberfahrenden Schiffe werden in verschiedenen Tiefen fahren, etwa in 20 Fuss die einen und in 40 Fuss die anderen; so sind die Zusammenstösse ausgeschlossen, unten ist es stets klar und glatt.“ Da es aber nun zahlreiche Schiffe gibt, die weit über 20 Fuss tief gehen, so muss man sich wohl noch in grössere Tiefen begeben, mindestens, wenn Zusammenstösse ausgeschlossen sein sollen, in solche von 10 m, so dass der Kiel des auf 200 Fuss Länge berechneten Fahrzeuges auf mindestens 15 m Tiefe zu liegen kommt. Das darunterfahrende Unterseeboot würde dann mit seinem Kiel auf 25 m Tiefe zu liegen kommen – und das ist ein Unding. Unten ist es natürlich durchaus nicht „klar“, sondern „gänzlich unklar“.

Es machen diese Aeusserungen etwas stark den Eindruck, als ob John P. Holland sich mit einem Interviewer einen Scherz gemacht hat, aber sie sind ganz ernstlich in die Welt gesetzt.

Frankreich ist mit dem Bau seiner Unterseebootflotte bei „Q 22“ angelangt, und dieses augenblicklich letzte vorgesehene Boot, für welches, sowie für zwei Schwestern „Q 20“ und „Q 21“, in den Etat für 1901 bereits je 152110 Frcs. eingestellt sind, soll nebst letzteren zu Toulon gebaut und schon 1903 in Dienst gestellt werden, so dass im genannten Jahre die Marine Frankreichs über eine gänzlich neuartige Flotte von 22 Fahrzeugen verfügt. Im Herbst des Vorjahres sollten zum erstenmal, gelegentlich der Flottenübungen im Mittelmeer, die vorhandenen Unlerseeboote zu einer Art Geschwader vereinigt werden und gemeinsam operieren. Man scheint jedoch von dieser Idee, jedenfalls von der des gemeinsamen Operierens Abstand genommen zu haben, denn man hörte nur von einigen Tauchübungen, die keine neuen Ergebnisse lieferten. – Von den sechs bestellten Amerikanern: „Grampus“, „Shark“, „Pike“, „Porpoise“, „Adder“ und „Moccassin“ kommen vier auf den Atlantik, zwei auf den Stillen Ozean. Zwei sollen – von Oktober 1900 an gerechnet – in 8, zwei in 9, und je eines in 10 und 11 Monaten geliefert werden. Die Trigg Company baut sie, doch war man am Schlusse des Jahres über ihre elektrischen Einrichtungen noch nicht ganz einig, so dass sich die Fertigstellung wohl erheblich verzögern dürfte.

Immer wieder erscheinen Meldungen, dass auch England sehr geheimnisvoll umfassende Proben mit unterseeischen Fahrzeugen anstellt, und Nr. 205 der Tägl. Rundschau gab eine Beschreibung eines solchen, doch ist wohl mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, dass sich England in ähnlicher Weise gegen die Einführung einer neuen, schwierigen Seewaffe ablehnend verhält wie Deutschland, Russland und Japan.

Die in den beiden grossen Republiken entstehenden Unterseebootflotten dürften nicht durchaus ruhiger Erwägung derbeteiligten Fachkreise ihre Entstehung verdanken, sondern vielmehr einer Gruppe von Enthusiasten für sie, die durch eine starke Partei im Volke unterstützt wird.

F. E.

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