Titel: Die Wasserrohrkessel Typ Belleville der Kriegsflotte Englands.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 1 (S. 242–244)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi15_1

Die Wasserrohrkessel Typ Belleville der Kriegsflotte Englands.

Im englischen Parlament hat der Parlamentssekretär der Admiralität sich über die Belleville-Wasserrohrkessel abfällig geaussert, und diese Aeusserung ist dann in die deutsche Presseübergegangen. Wie häufig bei solchen Dingen, ist die ganze Angelegenheit entstellt und aufgebauscht worden und hat dann eine Form angenommen, welche den Thatsachen nicht entfernt entspricht. Die Tagespresse hat zum Teil kurz und bündig die Belleville-Kessel als gefährlich, zu viel Kohlen brauchend und den Erwartungen nicht entsprechend hingestellt, also als Fehlkonstruktion |243| in vollster Bedeutung, während der Parlamentssekretär nur gesagt hat, man müsse danach streben, Kessel zu erhalten, welche die Nachteile der Belleville-Kessel nicht besässen. Die erstgenannte Auffassung von der Unbrauchbarkeit der Kessel dieses Systems muss verblüffen, denn bei einem Blick auf die Neukonstruktionen der Kriegsmarinen käme man dann zu der begründeten Annahme, dass es mit den Leitern der Schiffbauten in den grössten Marinen kläglich stünde. Ohne hier weiter auf die Vor- und Nachteile der Wasserrohrkessel überhaupt, des Belleville-Typs, der übrigens viele Nuancen hat, im besonderen einzugehen, soll nur kurz gezeigt werden, was an solchen Kesseln sich in Betrieb befindet und wie viele davon man den Neubauten geben will. Bevor aber auf die Kriegsmarinen übergegangen wird, sei der grössten französischen Reederei, der Messageries Maritimes, gedacht, von der wohl nicht behauptet werden darf, dass sie ihre neuesten, grössten und schnellsten Passagier- und Postschiffe mit schlechten Kesseln versehen wird. Sie hat in den letzten zehn Jahren, von 1890 bis einschliesslich 1899 elf Schiffe, „Australien“ als ältestes, „Annam“ als neuestes in Fahrt gesetzt, welche alle mit Belleville-Kesseln ausgerüstet sind und zusammen in genanntem Zeitraum 1217812 Lieues maritimes oder 3653436 Seemeilen à 1852 m durchliefen, ohne dass die Kessel Nachteile gegenüber anderen Systemen zeigten. Von grösseren, selbst bauenden Marinen haben keine Belleville-Wasserrohrkessel die der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Spaniens, der Niederlande, Schwedens, Norwegens und Dänemarks, dagegen ist das System vertreten in den Kriegsflotten Frankreichs, Englands, Russlands, Italiens, Japans, Argentiniens, Chiles und Deutschlands. In der Flotte des Deutschen Reiches haben die grossen geschützten Kreuzer „Hertha“ und „Hansa“ Belleville-Kessel, und zwar führt „Hertha“ 12, „Hansa“ deren 18 an Bord. Beide Schiffe gehören seit Jahren zum Kreuzergeschwader, sind stets in Dienst gewesen, und von einer Unbrauchbarkeit ihrer Kessel hat nichts verlautet. In Oesterreichs Marine sind es sechs Schiffe von 36820 t Deplacement, die Belleville-Kessel erhalten haben oder erhalten, in der Chiles vier von 12300 t, darunter die Torpedokreuzer „Almirante Lynx“ und „Almirante Condell“ bereits seit 1890. Italien hat zwei Schiffe von 20277 t, und Argentinien besitzt den 6840 t grossen, bei Ansaldo in Genua 1898 abgelaufenen Panzer „Pueyrredon“ mit diesem Kesseltyp. Aber während diese Marinen nur anscheinend zögernd und versuchsweise zu ihm übergehen, sind Russland, Frankreich, Japan und namentlich gerade England aus dem Versuchsstadium sichtlich längst heraus, sonst wäre es unbegreiflicher Leichtsinn, so zahlreiche Schiffe mit diesem Kesselsystem zu versehen, wie es geschehen ist und geschieht. In allen drei Marinen hat man sogar älteren Schiffen bei Ersatz der Kessel den Belleville-Typ gegeben. Die russische Marine- hat acht Schlachtschiffe fertig oder in Bau und Ausrüstung1), dazu vier Panzerkreuzer, sieben geschützte Kreuzer, vier Panzerkanonenboote und eine kaiserliche Jacht in ihren Listen, und allein die Anführung, dass die Jacht, der bei Burmeister und Wein, Kopenhagen, am 1. Juli 1893 bestellte, am 10. März 1895 zu Wasser gekommene „Standard“ von 5480 t Deplacement, diese Kessel hat, kann als Gewähr dafür dienen, dass die Belleville-Wasserrohrkessel nicht gefährlich sind. Für die Sicherheit des Zaren werden bekanntlich Sicherheitsmassregeln in grossem Umfange getroffen. Die Schlachtschiffe sind „Borodino“, „Orel“, „Cäsarewitsch“, „Pobjeda“, „Pereswjes“, „Ostablja“, „Knjäs Suvoroff“ und der alte „Imperator Nicolaj I.“, der diese Kessel als Ersatz für verbrauchte Cylinderkessel erhielt. Von den vier Panzerkreuzern sind zwei, „Rossija“ und „Gromoboj“, in Ostasien, der dritte, „Admiral Nachimoff“, erhielt Ersatzkessel, „Bajan“ wird ausgerüstet. Von den sieben geschützten Kreuzern wurde „Swietlana“ bei den Forges et Chantiers de la Méditerranée la Sayne bei Toulon gebaut, wo er am 6. Dezember 1896 vom Stapel gelaufen ist. „Bojarin“, der im Herbst 1900 zu Kopenhagen ablief, erhält noch zwei Schwestern bei derselben Werft, Burmeister und Wein, bestellt. Bei den Panzerkanonenbooten hat Russland den Versuch gewagt, auch Fahrzeugen von geringen Abmessungen Belleville-Kessel zu geben, während im allgemeinen solche nur für grosse Schiffe Verwendung finden und für kleine Schiffe und Fahrzeuge andere Typs gewählt werden. So hat beispielsweise England seinen Torpedoboot-Destroyers, von denen etwa 100 fertig sind, während rund 50 ausgerüstet, gebaut werden, bewilligt oder projektiert wurden, keine Belleville-Kessel eingebaut, auch keine Versuche mit ihnen bei diesen Fahrzeugen angestellt. Das russische Panzerkanonenboot „Giljak“, abgelaufen 1896, ist nur 963 t gross. Zuerst von dieser Schiffsklasse lief „Grosjascij“ 1890 vom Stapel. Er wie seine Schwestern haben Jahre hindurch im Mittelmeer auf Station gelegen, und gingen dann nach Ostasien, wo sie sich zum Teil noch befinden.

Von einem Misserfolg der Belleville-Kessel in der Kriegsmarine Russlands, die zehn Jahre lang den Typ besitzt und ihn gegenwärtig auf 29 Schiffen und Fahrzeugen von über 200000 t Deplacement eingeführt hat, kann man sonach kaum sprechen. DasKesselsystem wurde von einem Franzosen konstruiert und zuerst in Frankreich, anfangs nur in der Handelsmarine, angenommen, der dann die Kriegsmarine folgte, die 1884 den 1735 t grossen Kreuzer „Milan“, der jetzt zur Jacht für den Präsidenten der Republik umgebaut werden soll, dainjt probeweise ausrüstete. Auch in Frankreich versieht man in neuester Zeit alte Schiffe mit diesen Kesseln, die Schlachtschiffe „Hoche“, abgelaufen 1886, „Courbet“ vom Jahre 1881, „Neptune“ von 1887 und „Devastation“ von 1879. Sonst haben erhalten oder erhalten Belleville-Kessel: die Schlachtschiffe „Jena“, „Bouvet“, „Oharlemagne“, „Gaulois“, „St. Louis“ und „Brennus“; im ganzen also zehn. Dazu treten elf Panzerkreuzer, der gepanzerte Küstenverteidiger „Admiral Trehouart“, zehn geschützte Kreuzer und die 570 bezw. 505 t grossen Torpedoavisos „Leger“ und „Levrier.“ Bei dem 1889 abgelaufenen 4883 t grossen, geschützten Kreuzer „Alger“ wurde ganz besonders lobend anerkannt, dass er lange Zeit hindurch an seinem Bewegungsapparat keine Havarien gehabt habe, und diese Leistung ist selbstverständlich in erster Linie mit den Kesseln und dem System der Kessel zu danken. Diese 31 französischen Kriegsschiffe und Fahrzeuge verdrängen rund 237000 t Wasser.

Sind die angeführten Ziffern schon stattlich und sprechen sie eine deutliche Sprache, die keineswegs zu Ungunsten des Belleville-Typs auszulegen sein dürfte, so hat sich doch England gerade diesem Typ mit ausserordentlicher Liebe zugewandt und zwar erst, fast überstürzend, in allerneuster Zeit; denn als erste Schiffe erhielten die 14200 t grossen, geschützten Kreuzer „Terrible“, abgelaufen am 27. Mai 1895 bei Tompson, Clydebank, und „Poverfull“, abgelaufen am 24. Juli desselben Jahres bei Vickers-Barrow in Furnes, diese Kessel. Beide Schiffe waren seitdem fast immer in Dienst; „Terrible“ ist jetzt in Ostasien. Gegenwärtig, März 1901, also etwa fünf Jahre nach der ersten Erprobung der Belleville-Kessel in England, erhielten oder sollen solche erhalten 69 Schiffe von 688235 t Deplacement, an Wasserverdrängung somit die gesamte deutsche Flotte um mehr als das Doppelte übertreffend! Davon sind fertig 36 Schiffe von 291335 t Deplacement, in Bau und Ausrüstung 33 Schiffe von 396900 t. Unter diesen 66 Schiffen befinden sich allein 20 Schlachtschiffe von 282700 t, von welchen wiederum elf noch nicht fertig sind, während neun, nämlich drei Typ „Formidable“ von 14900 t und sechs Typ „Canopus“ von 12950 t in Dienst gestellt werden können; von der „Canopus“-Klasse sind vier Schiffe, ausser ihm noch „Goliath“, „Glory“ und „Ocean“ in Ostasien, so dass keineswegs nur Deutschland dort über ein Geschwader von vier gleichartigen Panzerschiffen verfügt. Von den elf Schlachtschiffen im Bau gehören fünf der „Formidable“-Klasse, sechs der „Duncan“-Klasse an. Die 22 Panzerkreuzer sind alle noch nicht seeklar, da England in dem letzten Jahrzehnt Kreuzer mit Gürtelpanzer nicht baute. Es sind vier der Klasse „Drake“, acht der Klasse „Crecy“ und zehn der Klasse „Kent“. Von den 24 geschützten Kreuzern von 138000 t Deplacement gehören acht der fertigen Klasse „Diadem“, 11000 t Deplacement, an, und ein Kreuzer dieser Klasse, die „Europa“, abgelaufen 20. März 1897 bei Tompson, Clydebank, scheint stark das absprechende Urteil über die Kessel beeinflusst zu haben. Dieser Kreuzer brauchte auf der Fahrt nach Australien das enorme Quantum von 6000 t Kohle. Das wäre allerdings ein gewaltiger Verbrauch, und, wenn er auf den Kesseltyp zurückzuführen ist, ein Fehler des Systems, der schwer ins Gewicht fallen muss. Aber es will scheinen, dass bei der „Europa“ allein ein solches Verbrauchsquantum von Heizmaterial beansprucht wird, andernfalls es unverständlich bleibt, wie man trotz dieser Fehler zwei Kreuzer gleicher Klasse, ebenfalls mit Belleville-Kesseln, als einzige Begleitschiffe des Thronerben Herzogs von York und seiner Gemahlin auf dem „Ophir“ nach Australien bestimmt hat, nämlich „Niobe“ und „Diadem“, beide vorher im Dienst beim Kanalgeschwader. Englands Flotte hat eine grosse Auswahl von Schiffen für alle Zwecke. Dem Thronfolger auf einer politisch sehr wichtigen Missionsreise Schiffe mit unverlässigen Kesseln mitzugeben, wird die britische Admiralität ganz sicher nicht riskiert haben, und folglich denkt man auch in England über die Nachteile der Belleville-Kessel, beispielsweise über ihren starken Kohlenverbrauch, den übrigens auch Wasserrohrkessel anderer Systeme aufweisen, recht milde.

Einige diesen Punkt betreffende Worte seien noch den neuesten japanischen Schiffen gewidmet.

Japan folgt in Marineverhältnissen dem Vorbild Englands. Es hat von seinen sechs Schlachtschiffen, sechs Panzerkreuzern, die man nach Beendigung des Krieges mit China bewilligte, einen einzigen Kreuzer, den 9800 t grossen, am 18. Juli 1899 beim Stettiner Vulkan abgelaufenen „Yakumo“, nicht in England bauen lassen. Von den Schlachtschiffen haben vier, die riesigen, über 15000 t deplacierenden „Schikishima“, „Asahi“, „Hatsuse“, „Mikasa“, von denen die drei erstgenannten bereits in Japan sind, Belleville-Kessel, und ebensoviele Panzerkreuzer, darunter „Yakumo“, erhielten sie. Während vor 1896 in der japanischen Flotte Belleville-Kessel überhaupt nicht existierten, ist man dort vollständig zu ihnen übergegangen, und es ist kaum anzunehmen, dass die absprechenden Aeusserungen des Parlamentssekretärs, |244| soweit sie überhaupt richtig wiedergegeben, den Belleville-Wasserrohrkessel in der britischen Flotte verschwinden lassen, zunächst in der Weise, dass man die Neubauten mit anderen Kesselsystemen versieht. Dass man sich in der Flotte der Vereinigten Staaten gänzlich ablehnend gegen den Belleville-Kessel verhält, will nicht viel besagen. Dort wird vielfach nach dem Prinzip gearbeitet, europäische Erfindungen überhaupt als nicht bestehend anzusehen, und wenn man sie braucht, macht man an ihnen kleine Aenderungen und gibt ihnen einen anderen Namen, was Japan übrigens auch fertig bekommt, dessen Murata-Gewehr nichts als ein verballhorntes Gewehr, Modell Gras, darstellt. Man neigt in Deutschland, namentlich seit den Vorgängen in Südafrika stark dazu, englische Armeeeinrichtungen herabzusetzen und überträgt die vielfach durchaus begründete, schlechte Ansicht auch auf die Flotte. Die Flotte in England aber ist etwas ganz anderes wie die Armee, und im Schiffbau steht England nach wie vor allen anderen Nationen weit voran, die ja vielfach auch dort bauen lassen, was auch bei Deutschland der Fall ist, das noch immer Englands bester Kunde geblieben ist. Dass die britische Kriegsmarine Schiffe von über einer halben Million Deplacement mit wertlosen oder minderwertigen Kesseln versehen hat und will, mag ja den Engländerfeinden lieblich in den Ohren klingen, ernsthafte Kenner und Verfolger britischer Schiffbauten aber wird man schwerlich überzeugen.

F. E.

|243|

Von 8 Schlachtschiffen der Schwarzemeer-Flotte besitzen 5 Belleville-Kessel.

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