Titel: Vorderladergeschütze in den Kriegsmarinen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 3 (S. 291–292)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi18_3

Vorderladergeschütze in den Kriegsmarinen.

England, ob mit oder ohne Einfluss Armstrong's mag dahingestellt sein, verhielt sich am längsten ablehnend gegen die Annahme des Hinterladersystems für seine schwere Marinegeschütze. Man steigerte die Kaliber bis auf 40,6 cm in den vier 81 t-Rohren des 1876 abgelaufenen „Inflexible“, sah sich allerdings überflügelt von den Italienern, welche dem 1876 abgelaufenen „Duilio“ und dem zwei Jahre später folgenden „Dandolo“ je vier Geschütze von 101,5 t Rohrgewicht und 45 cm Kaliber gaben, die aus der Armstrong-Fabrik in Elswick hervorgegangen waren, während die Geschütze des „Inflexible“ von der Staatsfabrik Woolwich stammten. Von diesen gewaltigen Vorderladern, mit denen das System sozusagen seine Höhe, aber auch zugleich seinen Abschluss erreicht hatte, haben nur die Geschütze des „Inflexible“ bei einer Art ernster Aktion mitgewirkt: Bei der Beschiessung von Alexandria 1882. – Das Schiff feuerte im ganzen 88 Schüsse, und es wird behauptet, mit grosser Wirkung; doch ist nicht recht ersichtlich, gegen welche solchem Kraftaufwand einigermassen entsprechenden Ziele man überhaupt diese Geschütze in Thätigkeit treten liess, denn die Werke von Alexandria waren schwach, ihre Bestückung der Schiffsartillerie des britischen Mittelmeergeschwaders, zu dem dann noch ein Teil des Kanalgeschwaders trat, sehr bedeutend unterlegen. Mit der Armierung von „Edinbourg“ und „Colossus“ von 9420 t Deplacement ging dann England in der Marine mit der Einführung schwerer Hinterlader vor, nachdem die Annahme des Systems bei der mittleren und leichten Artillerie bereits früher erfolgt war. Die beiden genannten Schlachtschiffe erhielten je vier 30 cm-Turmgeschütze und von ihnen an sind alle jüngeren Schiffe in der Hauptartillerie mit Hinterladern bestückt, auch nahm man zwei älteren Turmschiffen, „Thunderer“ 9330 t gross, abgelaufen 1872, umgebaut 1890 und „Devastation“, ebensogross, abgelaufen 1871, umgebaut 1892, letztere jetzt Wachtschiff zu Gibraltar, ihre vier 38 t schweren 32 cm-Vorderladerrohre und gab ihnen dafür die gleiche Zahl 25 cm-Hinterlader von nur 29 t Rohrgewicht, so dass durch die Umarmierung allein an Rohrgewicht der Hauptartillerie eine Gewichtsreduktion von 36 t für jedes Schiff eintreten konnte.

Es ist aber eine irrige Annahme, dass gegenwärtig in der britischen Flotte der Vorderlader eine Rarität sei, wie das in anderen Marinen zutrifft. Wenn auch in einer Diskussion in der Royal United Service Institution zu Anfang dieses Jahres der Vorsitzende Admiral Sir Bowden-Smith sagte: „Unsere alten Schiffe mit Vorderladern können wir nur zum alten Eisen legen,“ so fügte er hinzu: „Doch halte ich das Vorgehen der Admiralität, sie so lange in der Liste der Kriegschiffe zu lassen, bis Ersatz geschaffen ist, für sehr verständig,“ und Kontreadmiral W. H. Henderson meinte: „Wir wissen alle, dass wenn es zur Entscheidung kommt, die Macht den endgültigen Sieg davonträgt, welche die meisten Schiffe aus der Reserve in Dienst stellen kann.“ Also werden die Schiffe noch lange genug in den Listen stehen und voll ausgerüstet im Dienst bleiben, und es verlohnt schon, sich diese immerhin stattliche Flotte besonders in Bezug auf die Vorderladerartillerie, die sie tragen, näher anzusehen. Es sind noch acht Schlachtschiffe zweiter Klasse, fünf dritter Klasse, zwei Panzerkreuzer und vier einst als Schlachtschiffe bezeichnete Panzerfregatten, die man jetzt galanterweise Panzerkreuzer nennt, als grosse Schiffe vorhanden. Ferner die Kanonenboote „Linnet“ und „Swift“ von 756 t Deplacement, die je zwei 18 cm führen, „Raven“ mit zwei 16 cm, dann 25 Kanonenboote des Typ „Staunen“, einst sehr gepriesen als Küstenverteidiger die sogen, „schwimmenden Lafetten“, endlich einige Vermessungsfahrzeuge und sieben Panzerschiffe für Küstenverteidigung. Dazu kann man noch den Monitor „Cerberus“ mit vier 25 cm rechnen, der Australien gehört.

Das ergibt die stattliche Zahl von 55 Schiffen und Fahrzeugen mit Vorderladern in Englands schwimmendem Flottenmaterial, worunter nicht weniger als 27 Panzerschiffe, die zusammen ein Deplacement von etwas über 201000 t haben, das will heissen von mehr Wasserverdrängung, als die gesamte, seeklar |292| schwimmende Panzerflotte Deutschlands, die gegenwärtig – Ende April 1901 – 37 Schiffe und Fahrzeuge von 185895 t Deplacement aufzuweisen hat. Das älteste der englischen Panzerschiffe ist „Black Prince“ vom Jahre 1861, und aus den 60er Jahren stammen ausser ihm noch sieben. Die jüngsten sind „Agamemnon“ und „Ajax“, abgelaufen 1879 und 1880. Von den erwähnten 37 deutschen Panzern stammt einer, „König Wilhelm“, von 1868, dagegen liefen von 1870 bis 1880 13 vom Stapel, darunter 8 Kanonenboote. Sämtliche Schiffe sind Eisenkonstruktionen. Die Panzer Englands mit Vorderladerartillerie tragen solche in Kalibern von 16 cm 3,25 t Rohrgewicht aufwärts bis zum 40,64 cm von 81,3 t Rohrgewicht. Die Zwischenkaliber sind 18, 20,3, 22,8, 25,4, 27,94, 30,48 und 31,75 cm im Gewicht von 6,6, 9,15, 12, 18,3, 25, 25,4 und 38,6 t. Das stählerne Kernrohr wird von einem schmiedeeisernen Mantel und Ringen aus gleichem Material verstärkt. Die Rohre sind im Vergleich zu den jetzt in den Marinen geführten von 40 bis 50 Kaliber Länge sehr kurz, ihre Länge schwankt von 13,5 Kaliber beim 25,4 cm bis 18 Kaliber Länge beim 40,64 cm, dessen Totalrohrlänge 8,165 m beträgt, eine Länge, welche heute der Krupp-17,26 cm-Schnelllader mit 8,63 m Länge bei nur 11,6 t Rohrgewicht gegen 81,3 t übertrifft. Vergleicht man die Leistungen der beiden Geschütze miteinander, so ergibt sich folgendes. Das englische 81 t-Geschütz feuert mit einem Zeitaufwand von mindestens zehn Minuten einen Schuss, und die 763,9 kg schwere Hartgranate ist bei einer Kraftleistung von 9146 m/t und 484 Anfangsgeschwindigkeit des Geschosses vor der Mündung im stande, eine Schmiedeeisenplatte von 61,5 cm zu durchschlagen. Das 17,26 cm-Krupp-Geschütz feuert dagegen nur 64 kg schwere Stahlpanzergranaten, die nur 3300 m/t Totalenergie vor der Mündung aufweisen, aber 59,6 cm Schmiedeeisen durchschlagen, mithin fast die gleiche Leistung bei weniger als ein Viertel des Rohr- und 1/12 des Geschossgewichts aufweisen. Dieses Ergebnis wird zum grossen Teil durch die hohe Anfangsgeschwindigkeit von 1006 m pro Sekunde erreicht. Wenn man bedenkt, dass das Krupp-Schnellladerrohr in zehn Minuten bequem 40 Schuss abzugeben vermag, deren Geschosse jedes die etwa gleiche Wirkung wie ein solches des 40,64 cm hat, so zeigt sich die ungeheure Ueberlegenheit der modernen Schnelllader über die alten Vorderlader, mit welchen England in zahlreichen Exemplaren diejenigen Schiffe seiner Flotte bewaffnet hat, die ihm nach vorhin erwähnter Ansicht als ausschlaggebende Reserve im Kriege zu dienen bestimmt sind.

Auf den 27 britischen Panzerschiffen befinden sich zur Zeit 229 schwere Vorderlader, nämlich: Vier 40,6 cm („Inflexible“), sechzehn 31,75 cm, acht 30,48 cm, acht 27,94 cm, vierundsechzig 25 cm, zweiundachtzig 23 cm, vierundzwanzig 20 cm und dreiundzwanzig 18 cm. Die übrigen 28 Fahrzeuge tragen zusammen 50 Vorderlader, fünfzehn 25 cm, vier 18 cm, vierunddreissig 16 cm, und somit führen in der Flotte Grossbritanniens zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch 55 Schiffe und Fahrzeuge 279 schwere Vorderlader als Hauptbestückung!

Werfen wir einen Blick auf die anderen Marinen und ihre Vorderladerartillerie. In den Flotten, die selbst bauen und ihr Geschützmaterial herstellen, findet man Vorderlader nicht, es sei denn, dass sie vor längerer Zeit von England bezogen wurden, wie das bei den vier 45 cm des über 11000 t grossen „Duilio“ der Fall ist, der diese Geschütze jedoch demnächst von Bord geben wird und dafür, wie es bei seinem Schwesterschiff, dem „Dandolo“, schon geschehen, vier 25 cm-Hinterlader erhält. Diese 45 cm sind übrigens die grösstkalibrigen und die schwersten aller je gefertigten Vorderlader, die historischen Riesengeschütze früherer Zeiten nicht ausgenommen. Brasilien hat noch Vorderlader auf seiner Flotte, die von Armstrong-Whitworth bezogen sind. Auf 14 Fahrzeugen, durchweg von geringem Deplacement, stehen 33 Vorderlader, darunter zwei 18 cm, zehn 14 cm, vierzehn 12 cm, zwei 8 cm und zwei 5 cm. Dänemarks Flotte nennt acht Fahrzeuge mit sieben 25 cm, drei 23-Armstrong-Vorderlader sein eigen, und Japan hat sechs Kanonenboote mit je einem 28 cm-Armstrong von den Chinesen genommen. In den Niederlanden gibt es den 34 Jahre alten Panzer „Prins Hendrik der Nederlanden“ mit vier 23 cm-Armstrongs. Die nunmehr „reine“ Flagge Norwegens weht auf 17 Kanonenbooten, die zusammen eine 16 cm-, zehn 17 cm-, fünf 27 cm-Armstrongs tragen, und in Oesterreich-Ungarns Marine sind drei Korvetten, drei Kanonenboote mit zusammen zwölf 25 cm-Vorderladern bestückt. Portugal erfreut sich des Besitzes von vier 8 cm, vier 17,7 cm auf vier Schiffen seiner Flotte, und in Schweden gibt es das Panzerkanonenboot „John Ericsson“ mit zwei 15 cm und das Kanonenboot „Edda“ mit einem 27 cm, einem 15 cm. Sechs Fahrzeuge mit je einem 10, 12 oder 14 cm-Vorderlader befinden sich in der Flotte Königs Kulolonkorn von Siam, und in der verrotteten Flotte der Türkei sind sehr viele alte Vorderlader, namentlich auf den zum grössten Teil bewegungslosen Panzern in den Kalibern 18 cm und 23 cm. Zwei Flusskanonenboote führen sogar noch je zwei glatte Armstrong-Vorderlader. Endlich sind in der neuen, seit 1889 erstehenden Flotte der Vereinigten Staaten noch einige Ueberbleibsel früherer Zeiten vorhanden, so der Raddampfer „Monocacy“, der vier 23 cm glatte Vorderlader als Artillerie besitzt.

Schliesslich seien Masse und Leistungen des schwersten je hergestellten Vorderladers, also des 45 cm des „Duilio“ von 101,5 t Rohrgewicht denjenigen eines halb so schweren modernen Hinterladers gegenüber gestellt. Der 45 cm ist 9,953 m oder 22 Kaliber lang. Er feuert alle zehn Minuten ein Panzergeschoss von 908 kg Schwere mit 12424 m/t Totalenergie, 518 m Anfangsgeschwindigkeit und 68 cm Durchschlagsvermögen gegen Schmiedeeisen. Ein Krupp 28 cm L/50, Konstr. 99 von 49,5 t Rohrgewicht ist 14 m lang, feuert mindestens alle Minute einen Schuss und schleudert mit 900 m Anfangsgeschwindigkeit und 8880 m/t Totalenergie ein 270 kg schweres Geschoss mit einer Durchschlagskraft von 101,4 cm Schmiedeeisen. In zehn Minuten würde so das halb so schwere Geschütz bei fast doppelter Durchschlagsfähigkeit 2700 kg Geschossgewicht gegen 908 kg gegen das Ziel zu schleudern in der Lage sein. In England beabsichtigt man den Ersatz der Vorderlader bei einer Anzahl von Panzern weiter fortzusetzen, doch besteht diese Absicht schon eine lange Reihe von Jahren, und die Schiffe tragen in ihrer Hauptartillerie immer noch die veralteten Rohre, während man ihnen als Hilfsbestückung moderne Schnelllader gegeben hat.

F. E.

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