Titel: Zirkelstative für Telemeter (Militärentfernungsmesser) von E. v. Paschwitz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 1 (S. 322–323)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi20_1

Zirkelstative für Telemeter (Militärentfernungsmesser) von E. v. Paschwitz.

Vor etwa zehn Jahren wurde in der französischen Infanterie der Telemeter Goulier eingeführt und im vergangenen Jahre in der deutschen Infanterie der auf gleichem Prinzip beruhende v. Zedlitz'sche. In beiden Systemen bedient man sich zweier auf 90° Ablenkung hergestellter Spiegelprismen, mittels deren man – siehe Prinzip I – zuerst von A aus auf die Visierlinie nach dem Objekte C eine Senkrechte AB = der Basis errichtet und sodann von B aus auf die Visierlinie BC die Senkrechte BD, welche die nach rückwärts verlängerte Linie CA in D schneidet; worauf DA nach bekanntem Lehrsatz für die verschiedenen Distanzen berechnet auf einen Stab oder ein Metallband aufgetragen, das Mass für diese Entfernungen abgibt.

Eine ausführliche Beschreibung dieses Instrumentes findet sich in Wondre's Telemetrie1), jedoch ist darin der russische Oberst Stubendorf als Erfinder angegeben. Dass nun aber, trotzdem Stubendorf der Vorstand der dortigen Artillerieprüfungskommission war, dieses Instrument im Jahre 1892 in Russland nicht eingeführt wurde, sondern der französischen Militärverwaltung mehrere Tausend Souchier'sche Telemeter, Prinzip II, abgekauft wurden, beweist, dass auch Prinzip I viel zu wünschen übrig lässt.

Nebenbei bemerkt bedarf Prinzip II zwei Spiegelprismen, wovon das eine einen Ablenkungswinkel von 90°, das andere einen solchen von 88° 51' 15'' hat, resp. haben sollte. Man steckt von A aus zur Visierlinie AC einen rechten Winkel CAB ab, stellt in A und B je einen Visierstab auf, was allerdings bei steinigem oder gefrorenem Boden erhebliche Schwierigkeiten verursachen wird, und geht in der Verlängerung von BA so lange rückwärts, bis im anderen Winkelspiegel A und C sich in Koincidenz befinden, worauf AD × 50 = Distanz AC ist.

Textabbildung Bd. 316, S. 322

Es ist selbstverständlich, dass wenn man die beiden auf 90° gestellten Spiegelprismen des Prinzips I beim Gebrauche anstatt in freier Hand zu halten, auf gewöhnliche Stative befestigen würde, man eine viel grössere Genauigkeit erhalten würde; denn das schwanke menschliche Gestell eignet sich einmal nun nicht als Träger von Vermessungsinstrumenten, von denen eine grosse Leistungsfähigkeit verlangt wird. Würde dann noch optische Vergrösserung mit Fadenkreuxvisur zur Verwendung kommen, so wäre der höchste Grad von Genauigkeit erreicht. Diese Bedingungen sind in dem von Paschwitz für die Artillerie konstruierten Telemeter erfüllt.

Da die Verwendung von gewöhnlichen Stativen von den Prüfungskommissionen – wenigstens für Infanterie – nicht für zulässig erklärt wird, andererseits aber die Freihandinstrumente schon an und für sich, namentlich aber bei Wind, Kälte, schiefem Terrain u.s.w., sehr fragliche Resultate geben, so dürften nachstehend beschriebene Zirkelstative, also Stative mit zwei Beinen,ihrer Einfachheit wegen Beachtung finden. Denn wenn die Aufstellung derselben in der Weise erfolgt, dass die Verbindungslinie der beiden Stativspitzen nach dem Objekte gerichtet ist, so werden die Seitenschwankungen der Beobachter in der Richtung des Objekts, welche die Hauptfehlerquelle dieser Instrumente – nämlich die Fehler im Winkelmessen – verursachen, in hohem Grade herabgedrückt; dagegen sind die Schwankungen der Beobachter in der Richtung der Basis, welche die Basisfehler verursachen, nur von geringem Einfluss auf das Vermessungsresultat. Nachdem ferner die sichere Haltung der Spiegelprismen bezüglich der Fehler im Winkelmessen durch diese Stative verbürgt ist, so hat sich die Aufmerksamkeit der Beobachter nicht mehr in peinlicher Weise auf das Ruhighalten dieser Instrumente und auf scharfes Visieren zu verteilen, sondern kann sich lediglich auf letzteres konzentrieren.

Nach Professor Lorber2) steht bei Distanzmessern der Fehler f1 wegen der Basisabsteckung nur im einfachen, dagegen jener im Winkelmessen f2 im quadratischen Verhältnisse zur Distanz D.

Angenommen, es hätte sich bei einer Basis von 20 m und einer Distanz D = 1000 m aus vielen Beobachtungen mit einem Freihandinstrumente ein mittlerer Gesamtfehler von 5 %, also 50 m ergeben, so dürfte hiervon 1 % = 10 m auf den Basisfehler f1 und 4 % = 40 m auf den Fehler im Winkelmessen f2 entfallen, woraus sich nachstehende Skala berechnen lässt:

D = 1000 m, f1 = 10 m, f2 = 40 m; f1 + f2 = 50 m.

D = 2000 m, f1 = 20 m, f2 = 160 m; f1 + f2 = 180 m.

D = 3000 m, f1 = 30 m, f2 = 360 m; f1 + f2 = 390 m.

Man sieht, wie rapid die Reihe für f2 steigt gegenüber jener für f1, von welch enormen Einfluss die Fehler im Winkelmessen auf das Resultat sind und von welch grossem Vorteil es ist, wenn dieselben etwa auf ⅓ vielleicht auf 1/4 herabgedrückt werden.

Die Konstruktion der beiden Stative I und II ist der Art, dass die Stativbeine für den Transport gleich Photographiestativen zusammengeschoben werden können.

Stativ I trägt einen Zapfen zum Aufstecken der Hülse H, welche mittels eines Gelenkes G mit dem Winkelspiegel W1 und dem Massstab N, auf welchem sich das Zielschildchen Z verschieben lässt, verbunden ist. Der Massstab enthält zwei Distanzskalen von 567 nun Länge; auf der einen für die Basis von 10 m sind die Entfernungen von 150 bis 1000 m aufgetragen, auf der anderen für die Basis von 20 m jene von 600 bis 4000 m. Genannter Stab kann für den Transport leicht und sicher am Stativ I bei R angebracht werden.

Stativ II ist ebenfalls mit einem Zapfen K versehen, auf welchem gleichfalls eine Hülse H aufgesteckt wird, die durch ein Scharnier S mit einer prismatischen Schiene P verbunden ist, auf welcher sich ein Schlitten (Support) T verschieben lässt, der den ebenfalls mit einem Gelenke verbundenen Winkelspiegel W2 samt dem Zielschildchen Z trägt.

Behufs Vornahme einer Vermessung werden die Spitzen der Stativbeine in der Weise in den Boden gedrückt, dass deren Verbindungslinie nach dem Objekte gerichtet ist, ferner wird der Stativkopf mit der einen Hand gerichtet und gehalten, während mit der anderen das Zielschildchen verschoben wird.

Der Beobachter I stellt das Stativ I im Punkte A auf, steckt sodann den Winkelspiegel I auf das Stativ I und lässt in gleicher Weise und rechtwinklig zum Objekte C das Stativ II in Basisabstand im Punkte B aufstellen. Hierauf lässt derselbe durch Zurufen das Zielschildchen des Winkelspiegels II mit dem Objekte in Koincidenz bringen, was durch Verschieben des Supportes T auf der nach dem Objekte gerichteten kippbaren Schiene P erfolgt. Sodann winkt der Beobachter II das auf dem Massstabe verschiebbare Zielschildchen Z auf das Objekt ein, worauf an der Distanzskala die Entfernung abgelesen wird.

Vorbeschriebene Zirkelstative lassen sich auch für solche Telemeter benutzen, welche auf dem Prinzip des Spiegelsextanten beruhen, wobei es gleichgültig ist, ob bei denselben nur ein oder beide Grundlinienwinkel variabel sind, jedoch kommt im letzteren |323| Falle die prismatische Schiene P samt dem darauf verschiebbaren Support T in Wegfall.

Beim Unterricht im Distanzschätzen – und um diesen handelt es sich ja zunächst – kann nur ein Apparat Verwendung finden, dessen Fehler sich in engen Grenzen bewegen und um diesen Preis kann das Benutzen von ein Paar Zirkelstativen, die vor den gewöhnlichen Stativen bei gleicher Leistung den Vorzug des geringeren Gewichtes, einfacherer Konstruktion und Handhabung, sowie grösserer Haltbarkeit voraushaben, kein Bedenken erregen.

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Telemetrie von C. Wondre. Brünn, C. Winkler. 1887.

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Der v. Paschwitz'sche Distanzmesser von Prof. Fr. Lorber: D. p. J. Bd. 235, 199.

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