Titel: Mähl und de Nittis' oleothermischer Kessel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 2 (S. 404)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi25_2

Mähl und de Nittis' oleothermischer Kessel1).

Textabbildung Bd. 316, S. 404

Es ist eine bekannte Thatsache, dass die Wirtschaftlichkeit des Dampfkesselbetriebes mit der Erhöhung der Dampfspannung zunimmt, und man hat daher schon oft versucht, den Kesseldruck bedeutend zu steigern. Bis vor kurzem waren aber alle in dieser Richtung unternommenen Versuche erfolglos geblieben. Man suchte bei den gewöhnlichen Kesselsystemen durch Anwendung grosser Wandstärken hohe Drücke zu ermöglichen; es zeigte sich aber, dass selbst Kesselwandungen von ausserordentlicher Dicke auf die Dauer der Einwirkung des Feuers nicht Widerstand zu leisten vermochten. Ein ganz neuer Weg ist von Mähl und de Nittis eingeschlagen worden, und der von ihnen erfundene oleothermische Kessel (D. R. P. Nr. 107257) scheint eine glückliche Lösung des Problems zu bilden, auf gefahrlosem Wege hohe Kesseldrücke zu erzielen.

Die Unmöglichkeit, bei direkter Einwirkung des Feuers auf den Kessel hohe Drücke zu erreichen, brachte die genannten Erfinder auf den Gedanken, den Kessel von einer Flüssigkeit umspülen zu lassen, deren Siedetemperatur sehr hoch liegt. Eine solche Flüssigkeit ist das Petroleum, welches bei geringer Kompression bis 300° C. erhitzt werden kann, ohne dass sich Dämpfe bilden. Das Prinzip der Mähl und de Nittis'schen Erfindung besteht demnach darin, dass der Dampfkessel in einen Behälter eingebaut ist, der Petroleum enthält; dieser Petroleumbehälter wird dem Feuer ausgesetzt, so dass die Wärmeabgabe des Brennstoffs an den Dampfkessel durch das Petroleum vermittelt wird.

Im November 1898 wurde von dem französischen Marineminister Lockroy eine Kommission mit M. Guyot als Berichterstatter ernannt, um über die Versuche, die damals zuerst mit dem neuen Kessel angestellt wurden, zu berichten. Durch die Untersuchungen der Kommission wurden interessante Aufschlüsseüber die neue Erfindung gegeben. Der oleothermische Kessel funktionierte, wie festgestellt wurde, auch dann gut, wenn man ihn dem intensivsten Feuer aussetzte. Es wurde regelmässig vollständig trockener Dampf erzeugt. Die Temperatur des Petroleums war unveränderlich etwa 100° C. höher als die des erzeugten Dampfes, gleichgültig, wie gross die Wirksamkeit des Feuers war. Es war möglich, die hohen Drücke von 100 bis 200 at dadurch zu erzielen, dass man eine mässige Dampfspannung auf die Oberfläche des Petroleums wirken liess und infolgedessen den Siedepunkt desselben verzögerte. Es war ferner möglich, die Temperatur des Petroleums auf nahezu 500° C. zu steigern, ohne dass die Wandung des unter hohem Druck stehenden Dampfkessels von der Hitze angegriffen wurde; auf diese Weise konnte Dampf von einer Temperatur von 400° C. und einer Spannung von 200 at erzeugt werden.

Eine praktische Ausführungsform des Mähl- und de Nittis'schen Kessels, der in der letzten Zeit noch in Einzelheiten vervollkommnet worden ist, gibt die nebenstehende Abbildung wieder. Das Petroleum wird in Field-Röhren D erhitzt, die am Grunde des Petroleumbehälters angebracht sind, und gibt beim Aufwärtssteigen die aufgenommene Wärme an die in den Petroleumbehälter eingebauten Rohre C ab, in welche durch die Speisevorrichtung A Wasser hineingespritzt wird. Sobald das Petroleum sich abgekühlt hat, strömt es wieder abwärts, um von neuem erhitzt zu werden, und in dieser Weise setzt sich der Kreislauf fort. Der durch das heisse Petroleumbad überhitzte Dampf wird vollständig trocken. Die Wasserrohre, die flach und wellenförmig ausgebildet sind, brauchen, da sie nicht der direkten Einwirkung des Feuers ausgesetzt sind, nur gegen Druck widerstandsfähig zu sein und können daher eine ziemlich dünne Wandung erhalten. Die Field-Röhren, in denen nur eine geringe Spannung herrscht, brauchen nur schwache Wandstärken zu besitzen. Die Wasserrohre sind schlangenförmig gewunden. An dem einen Rohrende erfolgt der Wasserzutritt durch die bereits erwähnte Speisevorrichtung, durch das andere Rohrende findet der erzeugte Dampf seinen Abzug in einen Kollektor B. Zur Kontrolle der Temperatur im Petroleumbehälter dient das Thermometer H. Durch die Zweigleitung vom Dampfrohr zum Petroleumbehälter, die durch den Hahn G gedrosselt wird, gelangt in diesem Behälter ein mässiger Dampfdruck zur Geltung, um den Siedepunkt des Petroleums zu verzögern. Das Sicherheitsventil für den Dampfkessel bildet F, dasjenige für den Petroleumbehälter E. Das Manometer J zeigt den Dampfdruck an.

Die Mähl und de Nittis'sche Erfindung hat, wenn sie sich in der Praxis bewährt, ohne Zweifel eine grosse Zukunft. Durch den oleothermischen Kessel lässt sich nicht nur eine beträchtliche Ersparnis an Brennstoff erzielen, es können auch die Maschinen, die von einem solchen Kessel mit hochgespanntem Dampf versorgt werden, sehr gedrängt gebaut werden.

H.

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Scientific American, 13. April 1901, Suppl. S. 21147, nach La Nature.

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