Titel: Neue Unterseeboote der englischen Marine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 1 (S. 418–419)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi26_1

Neue Unterseeboote der englischen Marine.

Für die englische Kriegsmarine sind seit einiger Zeit fünf neue Unterseeboote im Bau, welche ihrer Hauptanordnung nach mit dem bekannten, aus Amerika stammenden Holland'schen Unterseeboot (vgl. D. p. J. 1900, Bd. 315, S. 32) übereinstimmen, aber doch einige Abweichungen und Neuerungen, aufweisen, über welche Zivilingenieur Georges Petit in der Revue universelle, der wir auch die nebenstehende Zeichnung eines Längendurchschnittes der Boote entnehmen, einige nähere Angaben macht. Diese Mitteilungen sind allerdings nicht so eingehend und strikte, als es hinsichtlich gewisser Einzelheiten wünschenswert wäre, um ein völlig klares Bild gewinnen zu können, wahrscheinlich weil man nun auch in England mehr Gewicht darauf legt, über die Einrichtungen der neuesten Kriegsfahrzeuge gleichwie in den anderen grossen Seestaaten so wenig als möglich in die Oeffentlichkeit gelangen zu lassen.

Nach der oben angezogenen Quelle sind alle fünf in Rede stehenden Boote baulich ganz gleich ausgeführt, und zwar beträgt ihre Länge 19,20 m und ihre Breite im stärksten Querschnitte, nämlich beiläufig in der Längsmitte des Bootes, 3,60 m. Der Raum des verdrängten Wassers belauft sich, wenn das Boot vollständig unter dem Wasserspiegel eingetaucht ist, auf 160 t. Jedes der fünf Boote wird am Vorderteil mit einem Torpedolancierrohr versehen sein, welches das Absenden von Torpedos sowohl während der Fahrt auf der Wasserfläche gestattet, als auch während der Fahrt unter dem Meeresspiegel ermöglicht, wobei es ganz gleichgültig i.st, ob das Boot steht oder fährt, bezw. mit welcher Fahrgeschwindigkeit es sich bewegt. Die Mündung des Torpedolancierrohres liegt ungefähr 50 cm unter der normalen Schwimm-(Wasser-)linie des Bootes und Anfang wie Ende des Rohres sind mit einem selbstthätigen Klappensystem versehen, welches das Oeffnen und Schliessen ermöglicht ohne jegliche Gefahr für das Fahrzeug oder für den Torpedo. Was den eigentlichen Körper des Bootes anbelangt, so besitzt derselbe durchaus bloss kreisrunde Querschnitte und er gewinnt auf diese Weise, wie es der Längsschnitt ersichtlich macht, die Zigarrenform, welche nach vorne so spitz verläuft, dass es den Booten möglich sein wird, auf den Unterseefahrten zwischen gewissen zufälligen oder absichtlichen Hindernissen, wie Telegraphenkabeln, Bojenverankerungen, Seilen, Ketten u. dgl. durchzugleiten, indem sie die betreffenden Hindernisse zur Seite drängen. Ein zweiter Vorteil der Zigarrenform liegt bekanntlich darin, dass sie dem Fahrzeug bei der Fahrt im Wasser und wohl auch unter Wasser einen besonders geringen Reibungswiderstand gewährleistet. Das Stahlblech, aus welchem die Aussenwand des Schiffskörpers besteht, besitzt gegen den Wasserdruck einen Widerstand von ungefähr 25 kg pro Quadratcentimeter.

Das ganze Boot ist durch Stahlblechwände mit Schubthüren in Abteilungen geschieden, welche voneinander luft- und wasserdicht abgeschlossen werden können; im besonderen besteht die untere, etwas kleinere Hälfte des ganzen Bootes aus einer einzigen Reihe aneinander schliessender luft- und wasserdichter Kammern (Schotten), die nicht nur, wie bei Schiffen im allgemeinen, zur Sicherung dienen sollen, falls das Boot zufolge eines Zusammenstosses oder eines anderen Unfalles leck würde, sondern gleichzeitig den Zweck haben, nach Bedarf absichtlich mit Wasser gefüllt zu werden, um das Senkgewicht des Fahrzeuges zu vermehren, wenn letzteres in die Tiefe gehen soll. Alle diese Kielschotten sind einerseits durch Pressluftröhren mit dem Raume des Kapitäns und andererseits mit Ventilen versehen, welche unter gewissen Vorbedingungen dem Aussenwasser Eingang gewähren; jede derselben hat übrigens auch eine Klappthür, welche es ermöglicht, in die Schotte einzusteigen, wenn sie leer ist. Die obere grössere Hälfte des Innenraumes weist vier in verschiedenen Fussbodenhöhen errichtete Hauptabteilungen auf, welche wieder in verschiedene Unterabteilungen geschieden und bestimmt sind, zur Unterbringung der verschiedenen Maschinen, der Torpedos, kurz aller jener Einrichtungen und Hilfsmittel zu dienen, welche die Gesamtausrüstung des Fahrzeuges bilden. Aber auch auf der Aussenseite des Bootes befindet sich ein aus Stahlblech ausgeführtes, von Stahlblechrippen getragenes Deck, das 10 m lang ist, und wo sich die Schiffsmannschaft aufhalten kann solange sich das Boot ober Wasser befindet. In der Mitte dieses Decks steht der Einsteigturm, durch den die Bemannung in das Innere des Schiffskörpers gelangt.

Textabbildung Bd. 316, S. 418

Während der Fahrt auf der Wasserfläche erfolgt der Schraubenantrieb mit Hilfe einer Gaskraftmaschine, für welche ein Vorrat komprimierten Kohlenleuchtgases in Stahlblechcylindern mitgeführt wird, der für einen mit der grössten Fahrgeschwindigkeit von 9 Knoten in der Stunde zurückgelegten Weg von 400 Seemeilen hinreichen soll. Die Gaskraftmaschine ist genau dieselbe, wie sie Holland bei seinem Unterseeboote anwendet, und gestattet zweierlei Ausnutzungen, nämlich entweder mit 300 Umdrehungen in der Minute, in welchem Falle ihre Leistungsfähigkeit 160 PS beträgt, oder mit 320 Umdrehungen in der Minute, wobei sich 190 PS Leistungsfähigkeit ergeben. Fährt das Boot unterseeisch, so wird der Schraubenantrieb von einem Elektromotor besorgt, der kräftig genug ist, um dem Fahrzeug eine höchste Fahrgeschwindigkeit von 7 Knoten in der Stunde zu erteilen. Der Elektromotor erhält den erforderlichen Strom |419| von einer Akkumulatorenbatterie, die ihrerseits genügend leistungsfähig ist, um die vorgedachte Geschwindigkeit von 7 Knoten für eine vierstündige Fahrt zu sichern. Eine besonders zweckmässig angeordnete Kuppelungsvorrichtung macht es möglich, ohne jegliche Störung oder Weitschweifigkeit, sozusagen augenblicklich, die Schiffsschraubenspindel mit der Gaskraftmaschine oder mit dem Elektromotor zu verbinden, d.h. die Betriebsweisen des Fahrzeuges zu wechseln. Zur inneren Ausstattung des Bootes gehören natürlich auch die Verteilungsschalter für den elektrischen Motor und das Beleuchtungsnetz nebst den verschiedenen Mess-, Anzeige- und Kontrollapparaten, dann vier Kompressoren für atmosphärische Luft, ferner cylindrische Stahlblechgefässe als Vorratbehälter für Pressluft, ein vielverzweigtes Röhrennetz für die Pressluftleitungen u.s.w.

Behufs Unter- oder Auftauchens geschieht die erforderliche Ballastierung des Bootes genau nach der Holland'schen Methode, die sich erprobtermassen in bewegter See ebenso rasch und sicher durchführen lässt, wie in ruhigen Gewässern. Durch geeignete Anwendung der verschiedenen, auf einem gemeinsamen Wandgestelle angebrachten Stellhebel des Pressluftröhrensystems und sonstiger Rohrhähne und Wechsel ist der Kapitän des Bootes in stand gesetzt, das Gewicht des Fahrzeuges innerhalb weiter Grenzen ganz nach Belieben und Bedürfnis zu regeln und auf diese Weise namentlich die Tiefe des Untertauchens, ebenso wie das dauernde Verweilen in einer und derselben Tiefe lediglich durch wenige Handgriffe zu bestimmen, oder auch bei besonderen Vorkommnissen, durch welche das Boot Gewichtsänderungen erleidet, den zur Wahrung der Schiffslage erforderlichen Belastungsausgleich unverzüglich zu bewerkstelligen. Um den Gewichtsverlust, der beim Lancieren eines Torpedos eintritt und sonach einen unstatthaften plötzlichen Auftrieb des Bootes nach sich ziehen würde, unschädlich zu machen, ist überdem eine eigene mechanische Vorrichtung vorhanden, welche jenen Hebel, der zum Zwecke des Belastungsausgleiches sonst von der Hand des Kapitäns eingestellt wird, im richtigen Augenblicke selbstthätig wirksam macht.

Es ist bereits seinerzeit an dieser Stelle von den überraschend günstigen Erfolgen Erwähnung gemacht worden, welche Ingenieur Holland in Amerika mit seinem Unterseeboot erzielte. Der amerikanische Admiral Hitshborn, Direktor der Regierungswerften der Vereinigten Staaten, von dem die obgedachten Versuche geleitet und überwacht worden sind, fasst sein diesfälliges Erkenntnis nachstehend zusammen: Dieses Boot hat nachgewiesen, dass es in vollkommen senkrechter Richtung nieder- oder emportauchen kann, und dass man es unter Wasser ohne Schwierigkeit zu zwingen vermag, sei es stillstehend, sei es während der Fahrt, bis auf wenige Fuss genau in der gewünschten Tiefe zu verbleiben. Das Untertauchen geschieht rasch. Das Boot erfüllt sowohl unterseeisch als auch auf dem Wasser alle nautischen Bedingungen und leidet in beiden Lagen nicht nennenswerter an wagerechten Schwankungen als irgend andere, gut gebaute Schiffe. Die Freiheit der Bewegung des Untertauchens und des Emporsteigens erscheint lediglich durch den fehlenden Ausblick beschränkt. Die innere Ausstattung des Bootes darf als genügend bequem u. sicher gelten, zum mindesten soweit es die wenigen Tage oder Stunden betrifft, innerhalb welchen dasselbe berufen ist, Dienst zu thun und lediglich mit seinen eigenen Hilfsquellen auszulangen.

Zweifellos liess sich das englische Marineministerium erst durch dieses massgebende günstige Urteil endgültig bestimmen, mit der Bestellung Holland'scher Unterseeboote vorzugehen, doch hat dieser Schritt innerhalb der englischen Admiralität selbst mancherlei Anfechtungen erfahren. Namentlich ist es Admiral O'Neil, der unterseeische Kriegsboote überhaupt nicht gelten lassen will, und dieselben sogar für völkerrechtswidrig ansieht; andere kaum weniger gewichtige Stimmen sprechen zwar den Unterseebooten Wert und Berechtigung als Kriegsfahrzeuge nicht ab, halten es aber noch nicht an der Zeit, dass deshalb gleichfünf Boote desselben Typs angeschafft werden müssten. Alle diese mehr oder minder begründeten Gegenbestrebungen sind jedoch an den ausschlaggebenden Stellen ohne wirksamen Eindruck geblieben, sondern damit zurückgewiesen worden, dass es notwendig sei, die Leistungsfähigkeit der Unterseeboote auch vom Standpunkte der Schiffstaktik zu prüfen, wozu Einzelexemplare natürlich nicht ausreichen. Bei den bisher bekannt gewordenen Versuchen wurde das Unterseeboot vorwiegend nur vom Standpunkte der Küsten- und Hafenverteidigung in Betracht gezogen und geprüft; es sei für England wichtig, nunmehr des weiteren festzustellen, in welchem Masse diese Gattung Fahrzeuge auch für den Angriffskrieg herangezogen werden könne. Die sofortige Errichtung eines ganzen Geschwaders von Unterseebooten erscheine übrigens für alle Fälle schon aus dem Grunde gerechtfertigt, da das benachbarte Frankreich ein solches Geschwader bereits besitzt und noch immer auf weitere Vermehrung der Zahl seiner unterseeischen Boote bedacht ist.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: