Titel: Vom Holzschiffbau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 2 (S. 434–435)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi27_2

Vom Holzschiffbau.

Eisen- und Stahlschiffbau haben die alten Holzkonstruktionen anscheinend völlig aus der Schiffbauindustrie verdrängt. Es mutet fremdartig an, wenn man ältere Werke über Schiffbau zur Hand nimmt und die dort vorhandenen, früher allgemein durchgeführten und als bewährt anerkannten Aufzeichnungen durchgeht. In Preussen-Deutschlandist die schöne, gedeckte Korvette „Elisabeth“, in Danzig gebaut, noch nicht aus der Erinnerung geschwunden, und wenn heute die „Grille“, die jetzt ihre wohlgezählten 44 Jahre nach ihrem Stapellauf bei Normand, Havre, zählt, im Dock liegt, freut sich jeder, der elegante Schiffsformen gern sieht, der feinen Linien der noch jetzt im Dienst stehenden alten Königsjacht. In den Kriegsmarinen hat der Eisenbau, dem bald der Stahlbau folgte, sehr rasch das Holz als Konstruktionsmaterial verschwinden lassen. Die „Holzpanzer“ sind zwar noch in den Flottenlisten einiger Marinen zu finden, aber als aktionsfähige Schiffe kommen sie ernstlich nicht in Betracht, und dasselbe gilt von dem Material für Schulzwecke, für welchen Bedarf man übrigens wohl, nach englischem Vorbild, bald nicht mehr alte Kasten, sondern moderne Schiffe und Fahrzeuge einstellen wird. Die Kriegsmarine, wenn sie leistungsfähig sein und nicht, wie beispielsweise die der Türkei, Chinas und Spaniens, im entscheidenden Augenblicke völlig versagen soll, musste seit der Erfindung der Paixhans-Geschütze und ihrer Explosionsgeschosse sehr bald daran denken, Holz als Baumaterial bei Schiffen möglichst wenig zu verwenden, und als die Brisanzstoffe als Füllung der Geschosse seit etwa zwei Jahrzehnten ihre Wirksamkeit in immer intensiverer Weise zeigten, war die Beseitigung aller brennbaren Stoffe von Bord der Schiffe, die zum Kampf gebaut waren, geboten. Holz macht Wohnlichkeit! Daher war es natürlich, auf Mittel zu sinnen, Holz unverbrennbar zu machen, wenngleich man die Splitterwirkung nur abzuschwächen bemüht war, da es unmöglich schien, auch diesen Nachteil zu beseitigen. Die Frage des unverbrennbaren Holzes will man in Amerika gelöst haben, und die neuesten im Bau befindlichen Schlachtschiffe sollen dieses angeblich unverbrennbare Holz erhalten, doch dürfte die Frage ebensowenig gelöst sein, wie die des wasserdicht imprägnierten Gewebes. In England versucht man zum erstenmal an dem Panzerkreuzer „Crecy“, begonnen am 17. Oktober 1898 in Portsmouth, abgelaufen im April 1901, feuersicheres Holz, doch diese Präparate haben ernste Proben nicht bestanden, und im allgemeinen strebt man in den Kriegsmarinen danach, bei den für den Kampf bestimmten Schiffen Holz nach Möglichkeit zu verbannen.

In der Handelsmarine liegen die Verhältnisse anders. Holz macht wohnlich, also – wird es zur Inneneinrichtung der grossen Passagier dampf er und Jachten in umfassender Weise verwendet. Ferner bauen nach wie vor eine Anzahl kleinerer Werften hölzerne Segler sowohl als Küstenfahrer wie als Fischerfahrzeuge. Als Konstruktionsmaterial scheidet aber auch in der Handelsschiffahrt Holz in dem Masse etwa aus, wie der Dampfer den Segler verdrängt, wobei zu bemerken, dass der moderne Segler mit grossem Raumgehalt, wie ihn in Deutschland die Firmen Rigmers und Laisz besitzen, und der in „Potosi“ letzterer Reederei an Grösse unübertroffen ist, aus Stahl konstruiert wird. Es wird das grössere Holzschiff mehr und mehr eine Seltenheit auf den Meeren, und wenn auch die Hauptursache in dem starken Auftreten des Dampfers und in der enorm gewachsenen Leistungsfähigkeit der Eisen- und Stahlindustrie, gefunden werden muss, so ist ein weiterer Grund der, dass es an geeignetem und genügend billigem Bauholz fehlt – in Europa nämlich. Wo das vorhanden ist, verschwindet der Holzbau noch lange nicht, das beweisen schlagend die Amerikaner der Vereinigten Staaten. Dort sind im verflossenen Jahre neben 198000 Bruttotonnen Eisen-und Stahlschiffen an den Ozeanen und 143000 Bruttotonnen an den grossen Seen Holzschiffe von 107000 Bruttotonnen gebaut worden, das will heissen, halb so viel wie im genannten Jahre im Deutschen Reich Handelsschiffe überhaupt gebaut wurden, woselbst – nach dem Präses der „Institution of Naval Architects“, Earl of Glascow – Handelsschiffe von 204000 Bruttotonnen entstanden sind. Es handelt sich drüben dabei durchaus nicht um den Bau kleiner Fahrzeuge, denn unter den Bauten des Vorjahres sind ganz gewaltige Segler vertreten, so die „Prätoria“ von 350 Fuss (engl.) Länge, 45 Fuss 6 Zoll Breite, 27 Fuss Tiefe, die 5000 t Erz oder 175000 Scheffel Weizen laden soll und im Juli zu West-Bay-City, Michigan, zu Wasser gebracht wurde. Von ähnlichen Abmessungen ist der sechsmastige Schoner „Eleanor A. Percy“, 323 Fuss 6 Zoll Länge, 50 Fuss Breite, 29 Fuss 9 Zoll Tiefe, 3402 Bruttotonnengehalt, der zu Bath im Staate Maine ablief. Zu Bath sind schon vordem zahlreiche grosse Holzschiffe gebaut worden, so der Ende 1892 abgelaufene „Roanoke“ von 100,8 m Länge, 15 m Breite, 8,23 m Tiefgang. Das Schiff, dessen Grosstopp 60,95 m über Deck liegt, war der fünfte Viermaster der Handelsflotte unter dem Sternenbanner, seine Vorgänger, ebenfalls zu Bath gebaut, hiessen „Ocean King“, „Susquehannah“, „Shenardoah“ und „Rappahannoch“, welch letzterer in See verbrannte. „Roanoke“ führte die ungeheure Segelfläche von |435| 16700 qm. Es ist sehr wohl die Annahme berechtigt, dass sich diese grossen Holzsegler geschäftlich rentieren, da schwerlich bei den Amerikanern andernfalls so viele solche Schiffe entstehen würden. Da weiterhin die Löhne in den Vereinigten Staaten hoch sind, so muss der Grund der Herstellung darin gesucht werden, dass billiges und vortreffliches Bauholz zum Holzschiffbau auffordert, und so ist es in der That. Hätte man in Europa, wie einst, gutes und billiges, zum Schiffbau geeignetes Holz, so würde der Holzsegler nicht so schnell mit den Handelsflotten verschwinden, wenn er auch niemals mehr in Konkurrenz mit dem Stahl- und Eisendampfer auf den grossen Meeren treten wird. Als eine ganz besondere Holzkonstruktion sei noch der am 21. März bei der Dundee Shipbuilders Company abgelaufenen „Discovery“ erwähnt, durchweg aus Holz konstruiert, das erste in England direkt für Forschungszwecke gebaute Schiff, bestimmt für die Südpolexpedition. Es deplaciert bei 172 Fuss Länge, 33 Fuss Breite, 16 Fuss Tiefgang 1750 t, hat eine Maschine von 450 Pferdekräften und läuft 8 Meilen. Die Spanten sind Eichenholz, die Aussenhaut besteht aus je einer Lage Eichenholz und Greenheart; der Bug ist mit Stahlplatten aussen verstärkt.

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