Titel: Fabrikschornsteine aus armiertem Cementguss.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 2 (S. 500)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi31_2

Fabrikschornsteine aus armiertem Cementguss.

Vor kurzem gelang es der Anwendung von armiertem Cementguss, nun auch auf einem Gebiet Geltung in Amerika zu gewinnen, auf welchem man in Europa, wie es scheint, vorläufig noch nicht den Mut zu praktischen Versuchen gefunden hat. Laut einer Mitteilung der Railroad-Gazette sind nämlich zur Zeit bereits zwei ganz bedeutende Fabrikessen in der bezeichneten Bauweise ausgeführt worden, von denen die ältere, in Bayonne (Nord-Indiania) errichtete, welche nicht weniger als 45,75 m Höhe und doch nur eine mittlere Rohrwandstärke von 0,305 m besitzt, schon wiederholten heftigen Stürmen ohne jeglichen ersichtlichen Nachteil und ohne jede Spur bedenklicher Erscheinungen standgehalten hat. Ein zweiter, ähnlicher, jedoch um fast 8 m niedrigerer Schornstein wurde erst kürzlich in Elizabethport (New-Jersey) hergestellt, und in beiden Fällen war es die Ransome-Concrete-Company, welche die betreffenden Bauten entworfen und durchgeführt hatte. Hinsichtlich der zuletzt angeführten Herstellung eines Fabrikschornsteins in Elizabethport bringt unsere oben angezogene Quelle einige nähere Mitteilungen, die allerdings nach manchen Richtungen lückenhaft, aber trotzdem interessant genug erscheint, um nachstehend im wesentlichsten wiedergegeben zu werden.

Der in Rede stehende Schornstein (Fig. 1 und 2) ist 38 m hoch und sein bis zur Mündung hinauf rein cylindrischer Querschnitt besitzt durchwegs einen Durchmesser von 2,57 m. Das Gesamtgewicht beträgt 260 t und erzeugt an der Basis einen Druck von 10,30 kg pro 1 qcm; der Winddruck berechnet sich mit 98 kg pro 1 qm. Für die Fundierung müssen die örtlichen Verhältnisse ganz besonders günstig gewesen sein und wahrscheinlich handelt es sich dabei um Felsboden o. dgl., obwohl unsere Quelle hierüber nichts Näheres angibt. Man hatte es sich nämlich bei Herstellung des Fundamentes damit genügen lassen, den gewachsenen Boden einfach glatt abzurichten und

Textabbildung Bd. 316, S. 500
Textabbildung Bd. 316, S. 500
Textabbildung Bd. 316, S. 500
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sodann einen 760 mm hohen Betonklotz K darauf zu giessen, als ein einziges Stück, das zu unterst auf 20 mm Höhe einen Cylinder von 6 m Durchmesser bildet, weiter oben hingegen bis zur Schornsteinbasis als Kegel zusammenläuft, und ganz allein, etwa wie der Fuss eines Lampenständers, den Essenschaft zutragen und zu halten hat. Der Betonklotz K ist armiert durch eine Anzahl Flacheisenkränze verschiedenen Durchmessers und eines Hauptkranzes, der den die Basis des Fundamentes bildenden Cylinder umschlingt. Zwischen diesen Kränzen und mit denselben durch Blechbügel verbunden oder an denselben mittels Drahtbünden befestigt, sind eine grosse Zahl strahlenförmig angeordneter Eisenstäbe eingelegt, wie sie bei b in Fig. 2 angedeutet erscheinen, welche im unteren Cylinderfuss die wagerechte Lage erhalten haben, im kegelförmigen Oberteil des Fundamentes aber zur Mantelfläche parallel gestellt wurden. Für diese letztangeführten, sowie überhaupt für alle, sei es im Fundament, sei es im Schaft, in Verwendung genommenen Armierungsstücke, welche vollkommen von Cement umgössen werden, hatte man grundsätzlich nur gezopftes Stangeneisen, nämlich Quadrateisen benutzt, welches durch eigene Maschinen zu Spiralen, wie sie die Nebenfig. 1b ersichtlich macht, gedreht wird, und sich in dieser Form für den Cementbau bekanntlich als ganz besonders leistungsfähig erweist. Die besagten radialen Rippen des Fundamentes, sowie acht Rippen, welche gleichmässig im Schornsteinmantel verteilt der ganzen Höhe entlang bis zum Abschlusskranze der Mündung emporgehen, bestehen aus gewundenen Quadrateisen von 19 mm Seitenlänge.

Nach Fertigstellung des oben geschilderten Fundamentes wurde der Ausbau des Schaftes mit Hilfe eines Gusskastens (Fig. 3 und 4) hergestellt, der aus zwei Cylindern besteht, in welche noch acht Rippen als Kern eingesetzt wurden, so dass der Gusskörper der Schornsteinwand den in Fig. 2 gekennzeichneten Querschnitt erhielt. Die acht Hohlräume hatten natürlich den Zweck, das Gewicht des Mauerwerkes zu verringern. In den auszugiessenden Raum wurden in vertikalen Abständen von je 0,75 m wagerechte Ringe aus stehendem Flacheisen (Nebenfig. 1 c) eingelegt, und zwar einer an der Innenfläche der Wand und ein zweiter an der Aussenseite der Wand, während in den Rippen die schon weiter oben erwähnten Anker emporgingen, die aus Stücken von 1,5 m Länge zusammengesetzt wurden, welche man wie die Glieder einer Messkette durch Oesen und Haken aneinander befestigte. Diese bis zur Spitze des Schornsteines emporgehenden Anker wurden vor dem Entstehen des Mauerwerkes Schichte für Schichte mit den vorbesagten inneren und äusseren Wandringen durch Bügel aus schwächerem, gezopften Quadrateisen in Verbindung gebracht; in gleicher Weise wurde auch jeder äusserer Ring an jedem höher und tiefer liegenden inneren Ring durch 16 gleich weit voneinander abstehende, radial angeordnete Verbindungsbügel befestigt. Die Fertigstellung der auf diese Weise armierten Schornsteinwand in einer Höhe von 1,5 m bildete eine Tagesarbeit. Nächsten Tages beseitigte man die Riegel und Keile des Gusskastens, lüftete die acht Schraubenmuttern n des Kastens, welche während der vortägigen Arbeit ganz am untersten Ende ihrer Spindel sassen, um 1,5 m, und erhöhte sodann das im Inneren des Schornsteines aufgestellte, aus den vier Ständern m bestehende Untergerüst des Gusskastens samt den beiden darüber liegenden Querträgern A ebenfalls um 1,5 m, wodurch die letzteren und die Muttern n die in Fig. 3 dargestellte Lage erhielten. Nunmehr wurden die acht Muttern n ganz gleichzeitig und gleichmässig angezogen, bis sie ihre ursprüngliche Lage an tiefster Stelle der Spindel wieder erreicht hatten, wodurch also auch der Gusskasten um 1,5 m höher gezogen wurde und für eine neuerliche Tagesarbeit Raum bot. Von dem frischen Mauerwerk blieben hierbei, da die Gesamthöhe des Gusskastens 3,655 m betrug, stets noch 2,15 m im Schütze des Gusskastens und eine volle Blosslegung erfolgte lediglich hinsichtlich des untersten 0,845 hohen Teiles der drittletzten Tagesschichte, deren oberer 0,655 hoher Teil erst am vierten Tage frei wurde. Die Zufuhr der Materialien geschah ausschliesslich im Inneren des Schlotes durch die Thür P des Rauchkanals.

Noch bleibt zu erwähnen, dass jede Tagesarbeit, d.h. jedes 1,5 m hohe Stück des Schornsteinschaftes am äusseren Rande durch zwei aufeinander gelegte wagerechte Schichten gepresster Cementziegel von dunkelroter Farbe abgeglichen wurde, die zufolge ihres Kontrastes mit dem Tone des übrigen Gusskörpers einiges Leben in die Aussenseite des Schaftes gebracht haben und überhaupt nur zum Zweck der architektonischen Verschönerung zur Verwendung kamen. Die Kapitale, welche als Abkrönung der Schornsteinmündung dienen, sind bloss aus Gips und nach gewöhnlicher Befestigungsart dieser Zierwerke an der Cementwand angebracht. Der zur ganzen Bauausführung benutzte Cementguss bestand aus einer mit Hilfe von Mörtel -maschinen sorgsam hergestellten Mischung von 1 Teil Portlandcement, 3 Teilen Kiessand und 5 Teilen aus dem Strombett des Hudsons gewonnenen gebrannten Kalkschlamm nebst dem erforderlichen Wasser.

K.

Arnold Bergsträsser Verlagsbuchhandlung (A. Kröner) Stuttgart.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft ebendaselbst.

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