Titel: Die Armierung der deutschen Linienschiffe neuen Typs.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 2 (S. 515–516)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi32_2

Die Armierung der deutschen Linienschiffe neuen Typs.

Die deutsche Marineleitung ging bei der Armierung der Linienschiffe von „Kaiser Friedrich III.“, abgelaufen am 1. Juli 1896 auf der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven, daselbst begonnen am 23. November 1894, in den Hauptgeschützen auf das Kaliber 24 cm herunter. Man nannte die Geschütze Schnelllader, da sie in der Minute etwa einen Schuss feuern können, und es waren zu der Zeit die schwersten Rohre, denen man diese Bezeichnung mit einigem Recht geben konnte. Dem Kaliber nach folgte der gleichfalls deutsche 21 cm Krupp mit etwas höherer Feuergeschwindigkeit, während der von Armstrong hergestellte 20,3 cm zu vier Schuss in der Minute angegeben wird (wohl etwas sehr hoch). Die 24 cm führen in der deutschen Marine in je vier Exemplaren fünf Linienschiffe, Klasse „Kaiser Friedrich III.“, die bis auf eins fertig sind, fünf Klasse „Witteisbach“, von denen bisher drei zu Wasser kamen, und der Panzerkreuzer „Fürst Bismarck“, dann in je zwei Exemplaren die in Ausrüstung befindlichen Panzerkreuzer „Prinz Heinrich“ und „Prinz Adalbert“. Der 21 cm Schnelllader ist in je zwei Rohren auf fünf geschützten Kreuzern der „Hertha“-Klasse installiert. Was den 20,3 cm Armstrong anbelangt, so war das erste Schiff, welches diese Geschützgattung erhielt, der Panzerkreuzer „Esmeralda“ der Marine Chiles, abgelaufen am 14. April 1896 bei Armstrong in Elswick, wobei es interessiert, dass die erste „Esmeralda“ der chilenischen Marine, gegenwärtig unter dem Namen „Izumi“, käuflich erworben, der Flotte Japans angehörend, der erste gute geschützte Kreuzer war, dessen Typ allgemeinen Anklang und Aufnahme fand. Auch die alte „Esmeralda“ stammt von Armstrong und lief 1883 vom Stapel. Der Panzerkreuzer „O'Higgins“ der chilenischen Flotte und der Panzerkreuzer „San Martin“ der argentinischen Flotte führen ebenfalls 20,3 cm Schnelllader und zwar in je vier Exemplaren, während „Esmeralda“ nur zwei hat. Ersterer lief bei Armstrong am 17. Mai 1897, letzterer bei Ansaldo, Sestriponente bei Genua bereits am 20. Mai 1896 ab. – Armstrong hat zu Puzzouli in Italien eine Art Filiale seiner Geschützfabrik errichtet. – Es schien, als ob Italien und Oesterreich-Ungarn in ähnlicher Weise wie Deutschland eine starke Herabsetzung der Kaliber der Hauptgeschütze der Linienschiffe durchzuführen beabsichtigten, denn Italien ging Mitte der 90er Jahre bei seinen neuen Schiffen über den 25 cm nicht hinaus, mit welchem. die Linienschiffe „Ammiraglio di St. Bon“ und „Emanuele Filiberto“, beide seit 1897 im Wasser, bestückt wurden, und Oesterreich gab seinen neuen Schiffen, Typ „Monarch“ und „Habsburg“, Rohre von 24 cm Kaliber. Aber nur Oesterreich ist bei dieser Richtung geblieben; Italien ist in seinen neuesten sechs Linienschiffen, Typ „Benedetto Brien“ und „Regina Elena“, wieder zum 30,5 cm übergegangen. Es wurde nun |516| zwar in der deutschen Fachpresse stets die völlige Zulänglichkeit der 24 cm Schnelllader in Bezug auf Durchschlagkraft sowie Ueberlegenheit in Feuergeschwindigkeit versichert, obwohl die neuesten Drahtrohre von Vickers Maxim auch nur eine Minute zur Abgabe eines Schusses gebrauchen, aber die deutsche Marineleitung hat sich doch entschlossen, das Kaliber zu verstärken und die Linienschiffe von „H“ ab erhalten 28 cm, auch als Schnelllader bezeichnet. Die Firma Krupp hat zwei Typen dieser Rohre, beide 40 Kaliber lang, gebaut, von denen das schwere bei 38,5 t Rohrgewicht mit 81,4 kg Ladung der leichten Stahlgranate von 270 kg 893 m Anfangsgeschwindigkeit, der schweren von 345 kg Gewicht noch 790 m Anfangsgeschwindigkeit gibt, was einer Totalenergie von 10970 mt entspricht und eine Durchschlagkraft von 83,6 cm Stahl garantiert. Als hervorragende Leistung der berühmten Fabrik ist besonders das ungemein geringe Rohrgewicht bei so grosser Leistung hervorzuheben. Das 28 cm Rohr L/40 C. 1889, mit welchem in je zwei Exemplaren die vier Panzer der „Brandenburg“-Klasse armiert sind, wiegen 43,3 t und haben nur 5738 mt Totalenergie, wenig mehr wie die Hälfte bei grösserem Gewicht, ein neuer Beweis des schnellen Fortschrittes im Geschützbau.

Es verlautet, dass auch die Mittelartillerie der neuen Linienschiffe anders kalibriert sein soll als bei den älteren. Letztere führen die formidable Kraft von achtzehn 15 cm Schnellladern, eine Bestückung, die von allen vorhandenen fertigen Linienschiffen nicht erreicht wird. Wohl aber wird sie von im Bau oder Ausrüstung befindlichen übertroffen, und das mag wohl zu dem Entschluss mit beigetragen haben, auch deutscherseits an Verstärkung zu denken. Die in Ausrüstung befindlichen Italiener „Benedetto Brien“ und „Regina Margherita“ erhalten vier 20,3 cm, zwölf 15,2 cm Schnelllader. Die im Bau befindlichen „Regina Elena“, „Vittorio Emanuele“ und die zu vergebenden „Roma“ und „Basilicata“, je zwölf 20,3 cm Schnelllader, und zwei soeben aufgelegte Engländer bekommen acht 19 cm, acht 15,2 cm Schnelllader. Deutscherseits soll die Absicht bestehen, den 15 cm durch den 17 cm zu ersetzen, aber es ist kein Hindernis vorhanden, auch auf den 19 cm überzugehen. Krupp hat eine Rohrkonstruktion 99 fertiggestellt, die der englischen weit überlegen ist. Der Krupp 19 cm L/50 C. 99 von 15,45 t Rohrgewicht ergibt mit 85 kg schwerer Granate, 33,32 kg Ladung eine Anfangsgeschwindigkeit von 1010 m per Sekunde, 4420 mt Energie vor der Mündung und 66,3 cm Durchschlagkraft gegen Stahl. Mit 107 kg Geschossgewicht wird noch 900 m Anfangsgeschwindigkeit erreicht.

Der englische 19 cm (7,5 Zöller) wiegt 17,3 t und feuert mit 914 m Mündungsgeschwindigkeit ein Geschoss von 90 kg Gewicht mit 3865 mt Energie. Diese Geschütze befinden sich im Staatsarsenal zu Woolwich im Bau, während die Firma Vickers Maxim einen 19 cm Schnelllader L/52 von 16,3 t Gewicht mit 890 m Anfangsgeschwindigkeit gebaut hat, der nur 3600 mt Arbeit erreicht. Englands Geschütze feuern nach wie vor mit Cordit, das allerdings die Rohre mehr angreift als Schwarz- oder Braunpulver. Eine Nachricht, welche Anfang Juli durch die gesamte Berliner Tagespresse ging, wonach Cordit nicht mehr zur Verwendung käme, beruht auf Irrtum. Es ist jedenfalls interessant zu konstatieren, dass die deutsche Marineleitung zu dem Resultat gekommen ist, dass sie mit der starken Kaliberherabsetzung auf die Dauer nicht durchkommt, trotz der grossen Durchschlagkraft, die allerdings nur in für das Geschütz idealsten Verhältnissen zu erwarten ist. Wenn die englischen Berichte die Feuerschnelligkeit ihrer 19 cm auf sechs Schuss in der Minute angeben, eine Schnelligkeit, welche wenig vom deutschen 15 cm übertroffen wird, so kann man in solche Nachrichten einige Zweifel setzen, eine solche Schnelligkeit ist auch gar nicht wünschenswert und geschieht jedenfalls auf Kosten der Treffsicherheit.

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