Titel: Von deutschen Fischereiverhältnissen in Nord- und Ostsee.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 3 (S. 516)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi32_3

Von deutschen Fischereiverhältnissen in Nord- und Ostsee.

Mit nicht unberechtigtem Stolz wird auf die stattlich sich aus dem Nichts entwickelnden, wachsenden Ziffern der deutschen Fischerei, speziell der Hochseefischerei hingewiesen. Eins ist immerhin unendlich mehr als Null, und es ist sicher mit Freuden zu begrüssen, dass wir weniger Geld als sonst in das Ausland für Fischereiprodukte senden oder vielmehr, dass wir mehr als früher Fischereiprodukte selbst zu liefern im stande sind, denn die Einfuhr von aussen und also auch die Ausfuhr von Geld für die Produkte ist keineswegs gefallen, sondern der Konsum hat zugenommen. So wurden beispielsweise im Jahre 1900 an Heringen eingeführt 1226614 t gegen 1179963 t, also gegen das Vorjahr, trotz der Hebung der deutschen Hochseefischerei, ein Plus von 46651 t, wozu 58000 t mehr Vorrat als 1899 kommen, somit das Gesamtplus an Heringseinfuhr sich auf über 100000 t stellt. Von dem Ertrag der Nordseefischerei, den man auf 150 bis 180 Millionen Mk. herausgerechnet hat, fällt auf England immer noch die Hälfte, mit Schottland aber über ⅔ des Gesamtertrages; so von 1898, in welchem Jahre der Wert 164 Millionen ergab, kamen auf England 85 Millionen, auf Schottland 28½ Millionen, zusammen113½ Millionen, und in den mageren Rest von 51,5 Millionen teilten sich die fünf benachbarten Staaten Holland mit 19, Frankreich 15,5, Deutschland 10, Norwegen 3,8, Belgien 3,6, Dänemark 1,6 Millionen, so dass Deutschland einen recht bescheidenen Platz mit 1/16 der Ausbeute des deutschen Meeres einnimmt. Mit gewiss anerkennenswerter Mühe sind die Fischereigesellschaften bestrebt, den Seefisch in Massen den Bewohnern des Binnenlandes anzupreisen und den weiten Kreisen die Vortrefflichkeit des Nahrungsmittels, sowie seine Billigkeit vor Augen zu führen. Eine Weiterentwickelung der Nordseefischerei ist zu erhoffen. Das konsumierende Hinterland, nicht zum wenigsten als wichtiger Faktor Berlin mit seinen Riesennachbarstädten, als Absatzgebiet ist vorhanden. Die schnelle Ablieferung und schneller Transport, somit frische Ankunft der Fische ist gesichert, und damit auch Absatz und Einnahme. Weiterhin aber bietet die Bevölkerung der Nordseeküsten, oder eigentlich die Nordseeküste selbst, eine gewisse Garantie dafür, dass es mit der Hochseefischerei vorwärts gehen wird. Es gibt dort noch eine zahlreiche Bevölkerung, die sich vom Fischfang ernährt.

Am 16. April meldeten Berliner Blätter: Der diesjährige Heringsfang in der Ostsee sei ganz ausserordentlich ergiebig. In Swinemünde sei es unmöglich gewesen den ganzen Fang zu verkaufen, Bootsladungen wären mit 3 Mk. bezahlt worden. So schlimm wird die Sache nun zwar kaum gewesen sein, und wenn wirklich ein Teil des Fanges nicht abzusetzen gewesen ist, so darf man den Fall als eine Einzelerscheinung betrachten. Aber er wirkt mit, darauf hinweisen zu können, dass es nicht nur genügt viel Fische zu fangen, sondern dass auch Anstalten getroffen werden müssen, den Teil des Fanges, der sich nicht sofort verkaufen lässt, durch Konservierungsmittel zu erhalten. Das geschieht in umfassender Weise durch Kälte, und so konserviert kommt der Nordseefisch nach Berlin. Aber dieses Verfahren hat den Nachteil, dass der einmal aufgetaute Eisfisch sehr schnell verdirbt, und daher würde die Anlage von solchen Konservierungsanstalten an der Fangstelle, von Salzereien, Räuchereien und Marinieranstalten, namentlich dann sehr empfehlenswert sein, die bei Bedarf ihre Thätigkeit vervielfachen können, wenn man durch Erfahrung den Durchschnittsabsatz der zu beschickenden Orte kennen gelernt hat und daher auf einen Absatz eines nicht erwarteten Fangüberschusses in frischem oder gefrorenem Zustande dort nicht rechnen darf.

Deutschland hat die Bäreninsel erworben, die sehr wohl als Stützpunkt für Eismeerfischerei, Wal- und Robbenjagd benutzt werden kann. Wenn man auch bisher wenig von Fischern und Jägern unter deutscher Flagge dort vernommen hat, so kann sich das noch ändern.

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