Titel: Mögliche Betriebsgefährdungen durch die Streckenblockung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 1 (S. 818–819)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi51_1

Mögliche Betriebsgefährdungen durch die Streckenblockung.

Bei allen Vorzügen, welche die Streckenblockung Siemens und Halske zwei- oder vierfeldriger Form gegenüber der freien Signalbedienung und dem Zugmeldeverfahren mittels des Morse-Schreibers darbietet, birgt die Streckenblockung durch die Möglichkeit, einen Zug unbeabsichtigt und unerlaubt zurückmelden zu können, eine grosse Betriebsgefahr in sich durch einen Umstand, dem bislang noch keine Beachtung geschenkt worden ist.

Bei allen Blockstationen, bei denen die Blocktasten ohne die Mitwirkung des Zuges bedient werden können, besteht die Gefahr, dass, wenn für beide Geleise ein Zug vorgemeldet und danach für beide Züge das Fahrsignal gestellt worden ist, der Wärter aus Unachtsamkeit nach erfolgter Vorüberfahrteines Zuges das nicht zutreffende Signal auf Halt stellt und gewohnheitsgemäss nun auch gleich blockiert, er meldet die Strecke also frei, obwohl der hierfür gültige Zug sich noch in der Blockstrecke befindet.

Auf Strecken mit dichter Zugfolge tritt nun sofort die Gefahr ein, dass ein nachfolgender Zug auf den vor der Blockstation zum Halten gekommenen Zug auffährt.

Die Mehrzahl aller bis jetzt im Betriebe befindlichen Streckenblocklinien sind nicht für die Mitwirkung des Zuges, also mit Schienenkontakten und elektrischen Blocktastensperren ausgerüstet, welche zusammen einschliesslich der Anwendung isolierter Schienenstrecken derart wirken, dass ein zutreffendes Streckenblockfeld und somit die Blocktaste nicht eher bedient werden kann, als bis die letzte Zugachse die Blockstrecke verlassen hat. Damit diese Einrichtung keine Wirkung ausübt bei |819| Haltstellung des Signals, wird die Schienenkontaktleitung durch einen Signalhebelkontakt geführt, der nur bei Fahrtstellung geschlossen wird.

Die Streckenblockung, nach der bezeichneten Anordnung eingerichtet, gewährt eine möglichst grosse Betriebssicherheit; nehmen wir indessen an, dass die Schienenkontaktanlage so gut wie alle sonstigen elektrischen Anlagen gelegentlich den Dienst versagen, dass dann auch hier eine vorzeitige, nicht gewollte Freigabe der Strecke jederzeit erfolgen kann, so müssen wir zugeben, dass das Morse-Meldeverfahren bei freien Signalen insoweit dem Blockmeldeverfahren gegenüber einen Vorzug darbietet, weil hierbei ein etwa falsch gestelltes Signal ohne weiteres richtig gestellt werden kann, was bei einem einmal blockierten Signal zur Unmöglichkeit gehört.

Bevor ein Unfall unter den hervorgehobenen Umständen eintreten kann, wird der Wärter stets früh genug und spätestens durch das Herannahen des zum Halten kommenden Zuges auf sein Versehen aufmerksam gemacht werden, so dass derselbe noch Zeit genug finden würde, das irrtümlich auf Halt gestellte Signal wieder auf Fahrt zu stellen, wenn er in der Lage wäre, die Signalkurbel des bereits blockierten Signals frei zu machen.

Dass derartige menschlich entschuldbare, wenn auch strafbare Versehen zumal bei Finsternis oder bei starkem Nebel schon öfter vorgekommen sind, ohne dass zufällig ein nachfolgender Zug in den Bereich der gefährdeten Blockstrecke gelangte, kann man von vielen Blockwärtern bestätigt erhalten.

Um solchen Betriebsgefahren von unabsehbaren Folgen vorzubeugen, ist es in erster Linie unbedingt notwendig, dass wenigstens die Block werke der Blockstationen in ihrer Bedienbarkeit für die Mitwirkung der letzten Zugachse vervollständigt werden.

Um jedoch auch im Falle des Versagens der Schienenkontaktanlage (Kurzschluss am Schienenkontakt u.s.w.) und nach vorgekommener falscher Blockung, also im Notfalle dem Wärter ein Mittel in die Hand zu geben, seine Signalkurbel bezw. seinen Signalhebel frei zu machen, ist es erwünscht, dass die Blockwerke mit einer Tastenvorrichtung versehen werden, mittels der es möglich ist, ein falsch blockiertes Signal zu jeder Zeit frei zu blocken. Am zweckmässigsten würde sich dies dadurch erreichen lassen, dass die bezügliche Vorrichtung auf den Boden des Blockgehäuses in dem Raum zwischen den Riegelstangen angebracht würde und dass diese für den Wärter nur durch eine verglaste Oeffnung, etwa wie diejenige des Blockfensters, zu erreichen wäre. Dieses Fenster müsste fest verschraubt und ein Eingriff zur Nottaste nur durch Zerschlagen der Glasscheibe möglich sein.

Essen a. d. Ruhr.

Stosberg.

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