Titel: Wilson und Bennett's Schutzvorrichtung für Strassenbahnwagen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1901, Band 316/Miszelle 3 (S. 819–820)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj316/mi316mi51_3

Wilson und Bennett's Schutzvorrichtung für Strassenbahnwagen.

Zu den verhältnismässig so wenigen, beweglichen Schutzvorrichtungen für Strassenbahnwagen, welche bisher noch nicht das Gegenteil ihrer Zweckdienlichkeit nachgewiesen, sondern vielmehr wiederholt bei Unfällen sich bewährt haben, gehört angeblich auch das in Fig. 1 dargestellte Wilson und Bennet'sche Fangnetz. Die Abbildung stellt die ohne Zweifel den Vorzug grosser Einfachheit besitzende Schutzvorrichtung in jener Lage dar, in welcher sie sich während ihrer Thätigkeit befindet; für gewöhnlich ist jedoch das Gitter a senkrecht nach abwärts und das Netz c1 mit seinem Rahmen schräg nach aufwärts gerichtet. Aus der Zeichnung lässt sich leicht ersehen, dass die Einrichtung aus zwei Hauptteilen besteht, die von den Achsen x1x2 und y1y2 getragen werden, die ihrerseits in je zwei am Wagengestelle befestigten Lagerbügeln l1 und l2, bezw. l'1 und l'2 hängen. Die ebengenannten Drehachsen liegen natürlich senkrecht zur Längsachse des Fahrgeleises, d.h. parallel zu den Radachsen des Fahrzeuges; sie sind untereinander mit Hilfe der festsitzenden Speichen v und v1 und durch die Gelenkstange b derart verbunden, dass eine Verschiebung der Stange b im Sinne des Pfeiles p1 das aus Rundeisenstäben gebildete, auf x1x2 festsitzende Gitter a hochsteht und den mit den Netzen c1 und c2 ausgefüllten, auf y1 und y2 festsitzenden Schutzrahmen nach abwärts kippt. Die Endstellung dieser Drehung ist die in der Abbildung dargestellte, wobei der Netzrahmen mit dem untersten Teil fast unmittelbar auf den Fahrschienen liegt und im Geleise auf den beiden Rollen h1 und h2 läuft. Bei dieser Stellung des Schutznetzes wird dasselbe, falls der Wagen ein im Geleise befindliches Hindernis überfahren würde, den betreffenden Gegenstand nicht unter den Wagen gelangen lassen, sondern erfassen und weiter mit sich nehmen. Wird die Stange b in der Richtung des Pfeiles p2 bewegt, so stellt sich der untere Teil c1 des Schutzrahmens schräg nach aufwärts, während sich gleichzeitig a nach abwärts senkt. In der Endstellung dieser Drehrichtung hängt a senkrecht nach abwärts, wobei zwischen dem unteren Rand des Gitters und den Schienen aus Rücksicht für die Schwankungen des Wagens immer noch einige Centimeter Raum offen bleiben. Dies ist, wie schon erwähnt, die gewöhnliche Lage der Teile, aus der sie erst im Bedarfsfalle gebracht werden, und zwar entweder selbstthätig oder durch den Wagenlenker.

Textabbildung Bd. 316, S. 819

Die selbstthätige Wirksammachung tritt ein, wenn der Wagen während seines Laufes ein vom Führer übersehenes oder zu spät wahrgenommenes Hindernis überfährt, wobei letzteres das Gitter a zur Seite drückt, wodurch dank der Uebertragung vbv1 gleichzeitig das Fangnetz nach abwärts kippt und der überfahrene Gegenstand in dasselbe gelangen kann. Sollte der Wagenlenker eines solchen Vorfalls nicht schon durch sonstige Begleitumstände gewahr geworden sein, so macht ihm derselbe die Vorrichtung selbst sofort erkennbar, indem bei der Drehung des Gitters a bezw. der Achse x1x2 auch das auf letzterer festsitzende Gelenksknie d sich mitdreht und eine in der Ständersäule e gelagerte Stange f nach abwärts zieht. Da sich die Säule e unmittelbar vor den Augen des Wagenlenkers am Führerstande befindet, so kann das Niedergehen der mit einem Handgriff versehenen Stange f wohl an und für sich kaum unbemerkbar bleiben; doch ist zur Verschärfung noch eine Abfallscheibe g vorhanden, welche eine Kröpfung der Stange f auslöst, sobald diese sich nach abwärts bewegt. Der Führer hat daraufhin unverzüglich seine Massnahmen zu treffen, um den Wagen anzuhalten. Kommt der Führer selber in die Lage die Schutzvorrichtung anzuwenden, so drückt er einfach den Handgriff |820| der Stange f soweit nach abwärts, dass die Auslösung der Abfallscheibe g erfolgt, in welchem Augenblicke das Fangnetz auch schon jene Lage erhalten hat, welche Fig. 1 kennzeichnet. Die Rückstellung der Schutzvorrichtung erfolgt einfach dadurch, dass der Wagenführer die Stange f wieder so weit hochzieht, bis die Feder der Abfallscheibe g einschnappt.

Hinsichtlich dieser Wilson und Bennett'schen Anordnung lässt sich in der That nicht in Abrede stellen, dass sie alle Eignung besitzt, namentlich beim Ueberfahren von Personen gute Dienste zu leisten, wenn sie seitens des Wagenführers mit Ueberlegung benützt und rechtzeitig angewendet wird. Was jedoch die selbstthätige Wirksamkeit anbelangt, so kann das gelegentlich einer Besprechung dieses Gegenstandes in der Revue industrielle über das Wilson und Bennett'sche Sicherheitsnetz zum Ausdruck gebrachte, optimistische Urteil kaum ohne Vorbehalt hingenommen werden, denn die erst kürzlich hier des näheren beleuchtete, gefährliche Möglichkeit (vgl. S. 703), dass beispielsweise eine vom Wagen niedergestossene Person mit einer Hand oder einem Fusse zwischen den Geleiseboden und den Fangnetzrahmen gelangt, bevor der letztere seine tiefste Lage erreicht hat, erscheint keineswegs ausgeschlossen. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit dafür bei der in Rede stehenden Vorrichtung weniger naheliegend als bei den meisten ähnlichen Anordnungen.

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