Titel: Ueber die Anwendung des flüssigen Brennstoffes „Liquid Fuel“ als Brennmaterial für Schiffe
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1903, Band 318/Miszelle 4 (S. 303)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj318/mi318mi19_4

Ueber die Anwendung des flüssigen Brennstoffes „Liquid Fuel“ als Brennmaterial für Schiffe

berichtet Dozent Giulio Morpurgo in der Oesterreichischen Chemiker-Zeitung Jahrg. V Nr. 24. Das „Liquid Fuel“ ist eine braune, dickflüssige ölartige Masse von petroleumartigem Geruch. Dieselbe wird aus den Rückständen gewisser Naphtasorten bezw. aus den letzten Fraktionen der Naphtadestillation durch Reinigung mittels gespannten Dampfes und Entfernung des darin enthaltenen Schwefels gewonnen. In dünner Lage ist Liquid fuel durchsichtig, Dichte bei 15° C 0.922–0.935, Entzündungstemperatur 80–95° C., Brennpunkt bei 110° C. Es entwickelt bei der Verbrennung ungefähr 10000 Kalorien. Die Verwendung der flüssigen Naphtarückstände als Brennmaterial für Dampfer ist schon alt, hat sich jedoch bisher hauptsächlich nur auf die Schiffe des Kaspischen Meeres erstreckt.

In neuester Zeit hat die Londoner Firma Samuel & Co. das Interesse auf diesen Brennstoff gelenkt. Die mit demselben als Heizmaterial angestellten Versuche haben sehr günstige Ergebnisse geliefert. Der hierbei benutzte Dampfer war anfänglich für Kohlenfeuerung eingerichtet und ist erst später für die Feuerung mit Liquid fuel umgebaut worden. Jedoch hat hierdurch die Dampfmaschine seihst keine Aenderungen erleiden müssen. Dieselbe ist mit dreifacher Expansion versehen und entwickelt 1541 effective und 299nominelle PS., die normale Geschwindigkeit ist 9–11 ½ Seemeilen in der Stunde. Im Kesselraume befinden sich drei Röhrenkessel, welche mit Liquid fuel geheizt werden. Ueber die ganze Anlage berichtet Verf. folgendes: Die Speisung geschieht selbsttätig mittels eigener Injektoren; die Anwendung der letzteren ist unbedingt notwendig, da der Brennstoff bei gewöhnlicher Temperatur nicht brennbar und ferner auch zu dickflüssig ist, um ohne Zerstäubung verbrannt zu werden. Die Zerstäubung wird mittels Dampf bewirkt, und zwar in einem doppelwandigen Injektor, der einerseits mit dem Brennstotfreservoir, andrerseits mit dem Dampfkessel in Verbindung steht. Eine Reihe gleicher Injektoren (10–12) sind an den Kesselwänden in der Weise angebracht, dass die Flammen unmittelbar die Kesselwände bestreichen. Die für die Zerstäubung nötige Dampfmenge entspricht laut Angabe 0.2 engl. Pounds in der Stunde und für je 1 PS, bei einem Drucke von 30 Pounds auf den Quadratzoll (2,1 kg/qcm). Die Verbrennung geht, wenn richtig geregelt, rauchlos vor sich.

Nach den Angaben des Verfassers besitzt diese Art Heizung eine ganze Reihe sehr grosser Vorteile. Schon die Zeit und Geld kostende, dabei wenig reinliche Uebernahme der Kohlen fällt gänzlich weg, während die Verladung von Liquid fuel sehr rasch und bequem durch Pumpen erfolgen kann. Da ferner Liquid fuel rauchlos verbrennt, so lässt sich auch in den Kesselräumen ständig eine ausserordentliche Reinlichkeit erzielen. Der bei Verwendung dieses Brennmaterials auftretende schwache Petroleumgeruch lässt sich bei guter Lüftung der Kesselräume vermeiden. Ferner wird durch die selbsttätig vor sich gehende Speisung der Herde der Betrieb sehr vereinfacht, Die Aufbewahrung des Liquid fuel ist sehr bequem. Dasselbe kann infolge seiner Konsistenz mittels Röhren leicht auf beliebige Entfernungen übertragen werden und können infolgedessen auch die Behälter im Gegensatz zur Kohlenfeuerung an irgend einer beliebigen Stelle des Schiffes untergebracht werden. Nicht zu unterschätzen ist ferner der Umstand, dass sich die Kosten bei Verwendung von Liquid fuel als Heizmaterial verbilligen. So verbrauchte das umgebaute Versuchsschiff bei einer Entwicklung von 1541 PS bei voller Ladung und 10 Seemeilen in der Stunde Fahrgeschwindigkeit, in 24 Stunden 20 ½ Tonnen, während früher zur gleichen Leistung 24–25 Tonnen englischer Ia Steinkohle nötig waren. Noch besser gestalteten sich die Verhältnisse bei solchen Schiffen, welche von vornherein zur Verfeuerung von Liquid fuel eingerichtet waren: dieselben verbrauchten nämlich bei der gleichen Leistung und in derselben Zeit nur 17–18 ½ Tonnen. Die „Shell Line“, deren Schiffe jetzt fast 1 durchweg Liquid fuel verfeuern, haben bereits hierdurch in ihrem Betriebe eine Ersparnis von 5–10% zu verzeichnen gehabt, Der Preis von Liquid fuel schwankt heute zwischen 30–35 Shillings für die Tonne.

Hcp.

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