Titel: Kesselsteinvernichter und Kesselspeisewasser.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1903, Band 318/Miszelle 2 (S. 333–334)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj318/mi318mi21_2

Kesselsteinvernichter und Kesselspeisewasser.

Die grosse Anzahl der jährlich umgesetzten Universalmittel gegen Kesselsteinbildung und die fast täglich auftauchenden neuen

Kesselsteinvernichter sind der beste Beweis dafür, welche weitgehendeUnkenntnis, selbst in technischen Kreisen, noch heute über die Bildung und das Wesen des Kesselsteines herrscht. Es kann nicht häufig genug darauf hingewiesen werden, dass fast alle sogenannten Universalkesselsteinmittel, Kesselsteinvernichter, oder wie sie sonst noch genannt werden mögen, im günstigsten Falle an und für sich zwar unschädlich sind, ihrem Zweck aber absolut nicht entsprechen, in den meisten Fällen dagegen direkt schädlich wirken und wohl in allen Fällen viel zu teuer bezahlt werden.

So bringt die Zeitschrift für Spiritusindustrie folgende Mitteilung Garniers und der feuertechnischen Abteilung des Instituts für Gährungsgewerbe über einen von der Firma J. Martin-Berlin bezogenen Kesselsteinvernichter: „Das frische Mittel stellte eine gelatinöse, klebrige, braungefärbte Masse dar, welche sich im Walser mit tief brauner Farbe auflöst: beim Schütteln der braunen Flüssigkeit macht sich an ihrer Oberfläche starke Schaumbildung bemerkbar.“ Die weitere Untersuchung beschränkte sich auf den Nachweis der Hauptbestandteile. „Das Mittel besteht hiernach aus 42,22 v. H. Wasser, die übrigen Bestandteile sind organischen Ursprungs. Neben Katechu, das in grosser Menge vorhanden ist, enthält die Masse noch Seifenkraut (Saponin) und Pflanzenschleim. Der wirksame Bestandteil des Mittels ist Gerbsäure. Diese kann bei geringem Zusatz derart auf das Kesselwasser einwirken, dass sie die beim Kochen ausgeschiedenen Mineralsubstanzen in Form eines nicht festhaltenden Schaumes niederschlägt. Grössere Mengen Gerbsäure wirken dagegen verunreinigend auf das Speisewasser ein, indem sie die Ausscheidungen vermehren.“

Ein weiteres neues Kesselsteingegenmittel, Ferrol genannt, ist in den Mitteilungen aus der Praxis des Dampfkessel- und Dampfmaschinen-Betriebes von der Grossherzogl. Bad. Chem. Techn. Prüfungs- und Versuchs-Anstalt in Karlsruhe begutachtet worden. Hiernach ist das Mittel eine dunkelbraune, wässerige, trübe, sauer reagierende und nach rohem Holzteer und Petroleum riechende Flüssigkeit, auf welcher eine Oelschicht schwimmt. Aber auch dieses Mittel erfüllt nicht seinen Zweck, sondern bewirkt im Gegenteil eine grobe Verunreinigung des Kesselinhaltes.

Die Zusammensetzung der beiden obigen neuen Kesselsteingegenmittel muss also allein schon jedem, der sich überhaupt klar ist über die Entstehung des Kesselsteines aus dem Kesselspeisewasser, zeigen, wie wertlos dieselben als solche sind. Bezüglich der Bildung des Kesselsteines und der Verhütung desselben greifen wir hier zum Teil auf einen Aufsatz „Kesselspeisewasser“ der „Allgemeinen Zeitschrift für Bierbrauerei und Malzfabrikation“ zurück.

Ein Kesselspeisewasser soll keine grösseren Mengen von freier und halbgebundener Kohlensäure, von Sauerstoff, von Ammoniaksalzen und dem durch Wasserdämpfe unter Abgabe von Salzsäure teilweise zerlegbaren Chlormagnesium enthalten, da hierdurch das Rosten der Dampfkessel gefördert wird. Vor allen Dingen sind aber solche Wässer zu vermeiden, welche zufolge ihrer chemischen Zusammensetzung feste Ablagerungen am Kesselblech, den sogenannten Kesselstein, bilden und hierdurch zerstörend auf die Kesselbleche selbst wirken. Da jedoch wohl in den allerwenigsten Fällen die zu verwendenden Speisewässer mehr oder weniger frei von jenen Bestandteilen sind, so ist in der Regel auch eine Reinigung derselben nötig. Es handelt sich nun hier in erster Linie darum, den Gips unschädlich zu machen, was am geeignetsten durch Zusatz einer bestimmten Menge Soda geschieht, welche Menge sich nach dem jeweiligen Gehalt des Kesselspeisewassers an Gips richtet. Das Calciumsulfat zersetzt sich mit Soda nach folgender Gleichung:

CaSO4 + Na2CO3 = CaCO3 + Na2SO4.

Der kohlensaure Kalk, welcher sich in Form eines lockeren Schlammes abscheidet, lässt sich leicht entfernen, das schwefelsaure Natron dagegen scheidet sich nur dann ab und wird nur dann zu einem Kesselsteinbildner, wenn die Konzentration im Kessel eine allzustarke wird. In ähnlicher Weise lässt sich die Fällung der übrigen Calcium- und Magnesiumverbindungen unter gleichzeitiger Umbildung in die entsprechenden leicht löslichen Natriumsalze erzielen. Das für das Natriumsulfat gesagte gilt auch für den im Wasser mit am häufigsten vorkommenden kohlensauren Kalk und das Magnesiumkarbonat, vorausgesetzt jedoch, dass dieselben nicht neben grösseren Gipsmengen bezw. nicht selbst in allzugrosser Menge vorkommen. Sind jedoch Calcium- und Magnesiumkarbonat in grösserer Menge vorhanden, so fällt man entweder dieselben vermittels gelöschtes Kalkes unter Vermeidung eines Ueberschusses von Aetzkalk, oder man kocht das Wasser eine halbe Stunde lang und entfernt dann den hierdurch gewonnenen Niederschlag. Treten dagegen neben Calciumkarbonat auch noch gleichzeitig grösse oder gar grössere Mengen Gips auf, so empfiehlt sich die Verwendung von Aetznatron. Dasselbe bildet nämlich zunächst mit der Kohlensäure des doppeltkohlensauren Kalkes Soda, wobei der |334| einfachkohlensaure Kalk sich abscheidet, und die Soda zersetzt dann den Gips.

Ca Ca3CO2 + No2O = CaCO3 + Na2CO3

Na2 CO3 + CaSO4 = Na2SO4 + CoCO3.

Zum Schluss sei noch kurz auf die Anforderungen hingewiesen, welche die verschiedenen Zweige der Industrie an die zu verarbeitenden Wässer stellen. (Fach Fischer, Chem. Technologie und Kubel-Tiemann, Wasseranalyse).

Das Betriebswasser für Gärungsgewerbe soll frei sein von etwaigen anderen Gärungserregern, durch welche sekundäre Fermentationen veranlasst werden könnten, sowie von fremdartigen, organischen Substanzen, bei deren durch die vorhandenen Gärungserreger bewirkten Zerfall unliebsame Produkte entstehen könnten. In der Zuckerfabrikation sind möglichst Wässer zu verwenden, welche frei sind oder doch wenigstens nur geringe Mengen von Sulfaten, Nitraten sowie Alkalikarbonaten enthalten, da diese in hohem Grade melassebildend wirken. Die Wässer für Stärke- und Papierfabrikation sowie für Färbereien. Druckereien und Bleichereien sollen wenig organische Ausscheidungen oder Pflanzenreste (hauptsächlich wichtig für die Stärkefabrikation) und nur geringe Mengen von Eisenverbindungen enthalten.

Dr. Hcp.

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