Titel: Kabeldampfer „Stephan.“
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1903, Band 318/Miszelle 1 (S. 350)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj318/mi318mi22_1

Kabeldampfer „Stephan.“

Ein eigenartiges Spezialschiff, das erste seiner Art in Deutschland erstandene, ist vor kurzer Zeit seiner Bestimmung übergeben. Die Werft des „Vulkan“ in Stettin hat für die Nordeutschen Seekabelwerke in Nordenham a. d. Weser einen Kabeldampfer erbaut, der bei der Taufe vor dem Stapellauf den Namen „Stephan“ erhielt.

Sowohl in schiff- wie maschinenbaulicher Hinsicht verdient dieses Schiff besondere Beachtung. Die vier wasserdichten, zylindrischen Tanks, die über die ganze Höhe des Schiffsinneren reichen, und in denen der Dampfer 5000 t Tiefsee- und Küstenkabel aufzunehmen vermag, haben von hinten nach vorn gerechnet Durchmesser von 11,20 m, 13,00 m, 13,20 m und 11,00 m und bilden grosse Räume, durch die kein Längs- oder Querverband geführt werden durfte. Es waren daher erhebliche Schwierigkeiten zur Erhaltung der für die Festigkeit nötigen Verbände zu überwinden. Ebenso stellten die mannigfaltigen Sondereinrichtungen am Schiff selbst sowie bei den Haupt- und Hilfsmaschinen für das Kabellegen und Heben hohe Anforderungen an die Erbauerin. Von den zahlreichen Spezialmaschinen seien die beiden Kabelmaschinen hervorgehoben, von denen die vorne auf dem Hauptdeck stehende und über das Spardeck hinausragende Maschine zur Einnahme und Reparatur alter, im Betriebe stehender Kabel verwandt wird, während die hinten auf dem Spardeck angeordnete Kabelmaschine lediglich zum Legen neuer Kabel dient. Zum Aufnehmen von Kabeln ist das obere Ende des löffelförmigen, weitausfallenden Schiffbuges mit drei Kabelscheiben ausgerüstet, während das Heck nur eine solche Scheibe trägt, über die die zu legenden Kabel geleitet werden. Die aus Stahlguss bestehenden Kabelscheiben sind so montiert, dass sie auf den zugehörigen, festgelagerten Wellen laufen und jede Scheibe für sich ausgewechselt werden kann. Zwischen den einzelnen Scheiben sind gusseiserne Kappen angebracht, um zu verhüten, dass das von den Rollen gleitende Kabel zwischen sie gerät. Von den Kabeltanks werden die Kabel durch Kabelösen, –Leitungen und –Leitrollen zu diesen Rollen geführt. Zur Bestimmung der Spannung in den Kabeln dienen 2 Dynamometer, zur Messung der Länge des abgelaufenen Kabels ein Kontrollapparat, der die Länge eines mit dem Kabel gleichzeitig mitablaufenden, dünnen Drahtes misst. Das Kabel wird während des Legens dauernd auf seine Brauchbarkeit unter Leitung eines Kabelingenieurs vom technischen Personal untersucht. Der leitende Ingenieur hat dazu an Bord auf dem Spardeck ein mit den verschiedenartigsten und modernsten Messapparaten ausgestattetes Prüfungszimmer zu seiner Verfügung.

Da das Schiff beim Kabellegen oft längere Zeit auf hoher See bleiben muss, ist auf Wohnlichkeit mehr Bedacht genommen, als auf gewöhnlichen Frachtdampfern. Das kommt sowohl in den verhältnismässig hohen, luftigen Kabinen und Messen, wie in den Einrichtungen für die Unterbringung und Frischhaltung des Proviants u a. m. zum Ausdruck.

Das Schiff erhält ausgedehnte elektrische Innenbeleuchtung, elektrische Signallaternen und einen grossen Scheinwerfer. Den elektrischen Strom dazu liefern zwei im Maschinenraum aufgestellte Dynamomaschinen. Zu der aus 116 Köpfen bestehenden Besatzung gehören mehrere Elektro- und Kabelingenieure, sowie 12 Kabelleute. Von weiteren Sondereinrichtungen an Bord sind noch das ausgedehnte Maschinen- und Steuertelegraphennetz von den beiden Kabelwinden nach den Maschinen und dem Steuerraum, sowie zwei Kabelboote von 9,00 m Länge zu erwähnen.

Im übrigen ist der Kabeldampfer wie alle neueren grösseren Schiffe eingerichtet. Alle Hilfsmaschinen, wie Ankerspille, Steuerapparat, Ladewinden und Verholspille sind durch Dampf betrieben. Das Schiff hat zwei vertikale, dreifache Expansionsmaschinen mit Oberflächenkondensation von zusammen 2400 i. PS, die dem vollbeladenen Schiff eine Geschwindigkeit von 11 ½ Knoten erteilen. Ein Doppelkessel und zwei Einfachkessel von zusammen 706 qm Heizfläche liefern den Dampf für die gesamten Haupt- und Hilfsmaschinen.

Die Hauptabmessungen des aus bestem deutschen Siemens-Martin-Stahl nach den Vorschriften des Germanischen Lloyds als Spardeckdampfer gebauten Schiffes sind: „Grösste Länge 125,90 m, grösste Breite 14,63 m, Seitenhöhe bis zum Spardeck 9,99 m, Tiefgang bei voller Beladung 7,49 m.“

Die Wasserverdrängung beträgt bei diesem Tiefgang 9850 t im Seewasser, die Vermessung rund 4600 Registertons.

Die Norddeutschen Seekabelwerke besitzen bereits einen Kabeldampfer „von Podbielski“, der aber erheblich kleiner und in England erbaut worden ist. Die beiden Kabeldampfer werden zunächst das von ihrem Werk hergestellte 2000 km lange, neue deutsch-atlantische Kabel legen.

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