Titel: Apparat zur selbsttätigen Auslösung der Eisenbahnbremsen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1903, Band 318/Miszelle 5 (S. 527)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj318/mi318mi33_5

Apparat zur selbsttätigen Auslösung der Eisenbahnbremsen.

Der „Revue Industrielle“ entnehmen wir folgende Beschreibung eines Apparates, der von Seile erfunden ist und von der Firma Ganz & Co. gebaut und vertrieben wird. Er bezweckt die Anstellung der durchgehenden, selbsttätigen Bremse beliebiger Bauart an einem Fahrzeuge, welches durch aussergewöhnliche Stösse getroffen wird, sei es, dass diese von schlechter Gleislage oder einem sonstigen Schaden am Fahrzeug – Federbruch – herrühren. Der Apparat vervollständigt die Luftdruck- oder Luftsaugebremsen in sinnreich erdachter Weise. Wenngleich die durchgehenden Bremsen bei mannichfachen Anlässen selbsttätig wirken, worauf ihre hohe Betriebssicherheit beruht, so lehrt doch die Erfahrung, dass es eine grosse Menge von Schäden gibt, die nicht sofort selbsttätig die Bremse zur Wirkung bringen, und oft genug bemerken sowohl die Fahrbeamten wie auch die Reisenden die Gefahr zu spät, sodass dann grösseres Unglück kaum noch zu verhüten ist. In Erwägung dieser Gesichtspunkte und in Anbetracht der Verkehrsdichte und der hohen Fahrgeschwindigkeit der Züge, die die Gefahr mittelbar erhöhen, hat Seile die Anordnung getroffen, dass aussergewöhnlich starke, senkrechte Stösse, welche die Achse bei Entgleisungen, oder bei Schäden am Fahrzeug selbst treffen, nutzbar gemacht werden, um ein Ventil der Bremsluftleitung zu öffnen, wodurch bekanntlich sowohl die Luftdruck- als auch Luftsaugebremsen in Tätigkeit treten. Das Prinzip des Apparates ist einfach: Die Achsbüchse mit dem Federbund befindet sich während der Fahrt in fortwährender relativer Bewegung zum Wagenlängsträger; wird diese Bewegung eine ungewöhnlich grosse, so ist dies ein Zeichen für eine Störung irgend welcher Art, die den Anlass zum Bremsen geben soll. Zu diesem Zweck machen – siehe die Abbildung – zwei auf einem senkrecht angeordneten, mit Skala versehenen Lineal feststellbare Knaggen die Bewegungen der Achsbuchse mit. Im Ruhezustande befindet sich genau in der Mitte zwischen beiden Knaggen das Ende eines Hebels, der das Ventil der Bremsluftleitung betätigt und in dieser Ruhelage bleiversiegelt ist. Findet eine ungewöhnlich grosse Bewegung der Achse nach oben oder unten statt, so nehmen die Knaggen den Hebel mit, wodurch das Ventil geöffnet und die Bremse angezogen wird.

Textabbildung Bd. 318, S. 527

Der Apparat wurde dem Versuch unterworfen. Im Werkstättenhof der Firma Ganz & Co. wurde ein Wagen, der mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Stunde fuhr, zum Entgleisen gebracht: Der Apparat wirkte sofort und brachte den Wagen innerhalb 7 m zum Stehen. Auf Grund dieses gelungenen Versuchs Wurde der Apparat bei einem Personenwagen der ungarischen Eisenbahnen auf der Strecke Budapest-Györ eingebaut. Die Knaggen waren auf ein Spiel von 70 mm eingestellt: Eine unbeabsichtigte Wirkung des Apparates trat nicht ein, deren Befürchtung Wohl hauptsächlich Ursache des einmonatlichen Versuchs war.

Die Aufgabe, die dieser Apparat in so einfacher Weise löst, ist schon mehrmals in umständlicherer Weise behandelt worden, sodass die Konstruktiones kaum zu Versuchen aufforderten. Der Seilesche Apparat erscheint uns der Beachtung wert, da in ihm ein wesentlicher Beitrag zur Eisenbahnbetriebssicherheit zu erblicken ist. Es ist nur wünschenswert, dass die Eisenbahnverwaltungen mit ihm eingehende Versuche anstellen, um so mehr, als deren kosten nur sehr geringe sind.

Hans A. Martens.

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