Titel: Künstlicher Zug durch Winddruck.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1903, Band 318/Miszelle 3 (S. 623–624)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj318/mi318mi39_3
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Künstlicher Zug durch Winddruck.

Eine recht erhebliche Anzahl von industriellen Feuerungen kann einen stärkeren Luftzug, als ihn Schornsteine zu liefern vermögen, nicht entbehren, wenn sie den an sie gestellten Anforderungen genügen soll. Die Praxis bedient sich zweier Mittel, die einen höheren Luftzug durch die Feuerung bewirken, entweder man drückt mit Hilfe von Dampfstrahlen oder Ventilatoren Luft unter den Rost, oder aber man saugt die Verbrennungsprodukte mit Hilfe ähnlicher Mittel ab und befördert so ein rascheres Nachströmen der Luft in den Verbrennungsraum. Beide Wege, die so nach den besonderen Umständen angewandt werden, haben das gemeinsam, dass ein Teil des durch den lebhafteren Luftzug im Kessel mehr erzeugten Dampfes dazu verwendet werden muss, eben diesen Luftzug herbeizuführen, sodass nur ein Teil des mehr erzeugten Dampfes einen wirklichen Gewinn darstellt. Immerhin sind trotzdem diese Verfahren zur Erhöhung des Luftzuges sehr rationell, da der dazu verwandte Dampf bei weitem durch viel bessere und vollständigere Verbrennung des Brennmaterials auf dem Roste aufgewogen wird. –

Ueber ein Verfahren, welches denselben Zweck verfolgt und erreicht, ohne aber einen Teil des mehrerzeugten Dampfes für sich in Anspruch zu nehmen, finden sich Angaben in Glasers Annalen für Gewerbe und Bauwesen No. 600 und No. 616“ Es ist dies das besonders in Holland eingeführte „System Voet, welches sich den Winddruck nutzbar macht. Das Verfahren ist eben so sinnreich wie einfach. Der unter dem Rost befindliche Raum ist gegen das Kesselhaus hermetisch abgeschlossen und steht mit einer oder mehreren Röhren, die das Dach des Heizraumes senkrecht durchbrechen, in Verbindung. Die Röhren sind oben mit leicht drehbaren Kappen versehen,. deren senkrechte, kreisförmige Oeffnungen sich mittels langer Schwänze in die Richtung des Windes einstellen. Durch diese Oeffnungen wird die Verbrennungsluft durch den Druck des Windes unter den Rost geführt. In den Röhren sind Klappen angebracht, die eine bequeme Regelung des Luftdruckes unter dem Roste gestatten. – Versuche die von der Werft Conrad in Haarlem mit einigen kleinen Dampfern, die mit System Voet versehen wurden, ausgeführt sind, ergaben recht erhebliche Ersparnissean Brennmaterial, die sich im Mittel auf 23 v. H. beliefen und denen nur die geringen Anlagekosten gegenüberstehen.

Besonders lehrreich sind indessen offizielle Heizversuche der Niederländischen Elektrischen Trambahngesellschaft in Haarlem.

Zu den Versuchen wurden zwei Lancashirekessel von je 60 qm Heizfläche und 2,15 qm Rostfläche verwandt mit 10,25 Atm. Dampfdruck. Beide Kessel erhielten ein gemeinschaftliches Luftzuführungsrohr von 0,75 m lichter Weite, welches vor ihrer Frontmauer angebracht, senkrecht nach oben durch das Dach des Kesselhauses geführt und mit einem Windfang versehen wurde. Die beiden Aschengruben eines jeden Kessels sind durch eiserne Kästen mit einander verbunden, in die das Luftzufuhrrohr mündet. Die Kästen sind so angebracht, dass sie sich bequem entfernen lassen und den Ablasshahn ebenso wie das Mannloch freilassen. In den folgenden Tabellen sind die Ergebnisse niedergelegt, die bei einigen Heiz versuchen erhalten wurden, bei denen sowohl mit, als als auch ohne System Voet gearbeitet wurde.

Im Betrieb Kessel I und Kessel II

Textabbildung Bd. 318, S. 624

Trotz des sehr schwachen Windes während der Dauer des Versuches ist die Ersparnis an Brennmaterial erheblich. Die in der folgenden Tabelle gegebenen Versuche, die bei normalem Winde ausgeführt wurden, zeigen indessen, dass sich noch grössere Ersparnisse erzielen lassen.

I
Versuch
ohne
System Voet
II
Versuch
mit
System Voet
Versuchsdauer 10 Std. 10 Std.
Anzahl der Kessel 2 2
Dampfspannung im Mittel 10 Atm. 10 Atm.
Kohlenverbrauch 1752 kg 1450 kg
kg Kohlen für 1 Kilowatt 2,29 1,82
Kohlenersparnis 20,59 v. H.

Dr. Hgr.

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