Titel: Kammeröfen zur Gaserzeugung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1903, Band 318/Miszelle 4 (S. 719)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj318/mi318mi45_4

Kammeröfen zur Gaserzeugung.

Die weitaus grösste Verbreitung für die Herstellung von Leuchtgas aus Steinkohlen haben zur Zeit die sogenannten Münchner Oefen „System Bunte-Schilling.“ Dieselben sind für Gasheizung mit Regeneration eingerichtet. Der Ofen besteht aus einem steinernen Gewölbe, in dem je nach der Grösse 5 – 9 Retorten, Chamotteröhren von mehr oder weniger eliptischen Querschnitt, etwa 60 cm breit und 40 cm hoch und 2-3 m lang wagerecht eingelagert sind. In diese Retorten werden die Kohlen, etwa 200-300 kg für die Retorte, entweder mit Hand oder mit Lademaschinen eingebracht, wo sie in 5-6 Stunden entgast sind und worauf der anfallende Koks aus den Retorten ebenfalls von Hand oder mit maschinellen Hilfsmitteln entfernt wird. Das zum Heizen nötige Gas wird in dem „Generator“ erzeugt, einem gemauerten Schacht, in dem glühender Koks durch von unten durch den Rost eintretende Luft, deren Menge zur völligen Verbrennung des Kokses zur Kohlensäure nicht ausreicht, zu Kohlenoxyd verbrannt wird. Das so gebildete Kohlenoxyd tritt durch Schlitze aus dem Generator in das Ofengewölbe ein und wird hier mit Hilfe von „Sekundärluft“ zu Kohlensäure verbrannt. Die Verbrennungsgase, die den Ofen sehr heiss verlassen, durchstreichen, ehe sie in den Kamin eintreten, unter dem Ofen angebrachte gemauerte Kanäle, die Regeneration, an deren Wände sie einen grossen Teil ihrer Wärme abgeben. Wand an Wand mit diesen Kanälen gehen die für die Verbrennungsluft, die in entgegengesetzter Richtung eintritt und so in recht hocherhitztem Zustande, etwa 400° C. in den Verbrennungsraum gelangt, wodurch eine hohe Verbrennungstemperatur erreicht wird. Die Nachteile dieser konstruktiv sehrgut durchgebildeten Oefen bestehen zunächst darin, dass zu ihrer Bedienung ein erheblicher Aufwand von menschlicher Arbeit nötig ist, was zur Zeit von Strikes recht verhängnisvoll werden kann. Fernerhin ist die Menge der Kohlen, die eine Retorte aufzunehmen vermag, verhältnismässig gering und ausserdem der Verlust an Gas und Wärme, der durch das Offenhalten der Retorten während des Chargierens und Entleerens eintritt, nicht unbeträchtlich. Diesen Uebelständen suchten die Oefen mit geneigten Retorten entgegenzuwirken. Hierbei sind die Retorten unter einem gewissen Winkel, etwa 40°, zur Ebene geneigt. Die Füllung der Retorte erfolgt von oben durch einen Trichter, während der Koks unten nach Wegnahme des Verschlusses selbsttätig herausrutscht. Hiermit ist schon eine ganz wesentliche Vereinfachung des Betriebes erzielt, doch reicht diese bei noch weitem nicht an die heran, die in der Schwesterindustrie der Steinkohlengaserzeugung, der Destillationskokerei, durch Verwendung von Kammern von 5-6 tons Fassungsvermögen zur Destillation der Kohlen erzielt wird. Es sind allerdings bei diesem Vergleiche die grundsätzlichen Unterschiede im Betriebe beider Industrien nicht ausser acht zu lassen.

Ueber Versuche, die die Verwendung von Kammeröfen zur Leuchtgasfabrikation und damit eine erhebliche Vereinfachung herbeiführen sollen, berichtet Ries-München in „Schillings Journal für Gasbeleuchtung und Wasserversorgung“ No. 32, 1903, S. 640-642. Die Versuche wurden auf der Münchner Gasanstalt angestellt und zwar wurde ein 8 Ofen, Münchner System, unter Beibehaltung des Regenerativsystems und des Generators so umgebaut, dass an Stelle der Retorten 3 Kammern traten, deren Abmessungen so gewählt wurden, dass sie die von einem 8 Ofen in 16 Stunden verarbeitete Kohlenmenge zu fassen vermochten, d.h. in jeder Kammer 1,3 tons. Die aus gewöhnlichen Handziegeln hergestellten Kammern waren unter 35° geneigt und erweiterten sich nach unten und vorn, um Festklemmen des Koksprismas bei der Entleerung zu vermeiden. Die Beschickung der Kammern erfolgte von oben mit Hilfe eines Trichters. Die obere Oeffnung der Kammer war mit einem Mortonverschluss versehen, während der Verschluss für die untere Oeffnung eine mit Schild versehene gusseiserne Tür bildete. Die Beheizung des Ofens erfolgte mit Hufe eines gewöhnlichen Generators mit Regeneration und zwar derart, dass die Brenner zwischen den Kammern angeordnet waren und nur die Seitenwände, nicht aber die Decken beheizten. Die Versuche lehrten, dass die Heizanlage des 8 Ofens auch für den Kammerofen völlig ausreichte. Messungen zwischen den Kammern ergaben Temperaturen von 1100-1300° C. Die Wärme war in den Kammern sehr gleichmässig verteilt und die Ausnutzung des Brennmaterials ebenso günstig, wie im Retortenofen. Der Verlauf der Vergasung zeigte grosse Analogien mit dem der in Retorten. Das bei Anwendung von Saarkohlen erzielte Gas kam quantitativ dem bei Retortenbetrieb gewonnenen gleich, während es qualitativ, bezüglich des Leuchtwertes und Heizwertes geringer war, was durch den geringeren Gehalt an schweren Kohlenwasserstoffen und Methan seine Erklärung findet. Immerhin war das Gas recht wohl brauchbar. Das Ausbringen von Nebenprodukten kam dem mit Retortenbetrieb gleich, nur war der Koks, der in grösseren Stücken anfiel, wesentlich besser und näherte sich dem Hüttenkoks. Einen wesentlichen Vorteil bietet die Verwendung von Kammeröfen dadurch, dass damit eine ganz erhebliche Arbeitsersparnis und Vereinfachung des Betriebs erzielt wird.

Dr. Hgr.

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