Titel: Das Bauwesen und die Feuerungsanlagen auf der Deutschen Städte-Ausstellung zu Dresden.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1904, Band 319 (S. 72–78)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj319/ar319020

Das Bauwesen und die Feuerungsanlagen auf der Deutschen Städte-Ausstellung in Dresden.

Von Dr. Gustav Rauter.

(Fortsetzung von S. 61 d. Bd.)

In engem Zusammenhange mit der Frage der Wasserversorgung steht diejenige der Beseitigung der Abwässer, auf welchem Gebiete gleichfalls auf der Ausstellung viel geboten wurde. So hatte H. Liebold in Dresden-A. seine Fäkalienkläranlage nach Patent 103823 und 117597, System Lehmann und Neumeyer, ausgestellt. Dies System beruht auf einer mechanischen Trennung der verschiedenen Bestandteile der Abwässer, verbunden mit der Wirkung der Selbstreinigung oder der sogenannten biologischen Reinigung. Hiernach werden für eine Kläreinrichtung, die die Fäkalien einer Wohnungsanlage aufzunehmen hat, zwei oder mehrere Kessel verwendet. Der erstere, kleinere stellt den sogenannten Vorklärer dar, während der zweite oder dritte, seiner Tätigkeit entsprechend, Hauptklärer genannt wird. Die Klärung geht folgendermassen vor sich: Das von den Klosetts kommende Rohr taucht in den Vorklärer bis kurz über den Boden ein, durch welche Anordnung die spezifisch schwersten Stoffeam Boden liegen bleiben. Im übrigen Vorklärerinhalt vollzieht sich ständig eine Scheidung der Sink- und Schwebestoffe; erstere sinken zu Boden und letztere bilden an der Oberfläche des Kessels eine weiche Masse. Gleichzeitig mit dieser mechanischen Sedimentation beginnt die Tätigkeit aerober und anaerober Kleinlebewesen. Diese spalten die in den Abgängen enthaltenen komplexen organischen Verbindungen, bis ihnen der Stickstoff vollständig entzogen ist. Hier hört aber auch die Lebenstätigkeit der aeroben Mikroorganismen auf, während die anaeroben Mikroorganismen ohne ihn bestehen können. Zwischen den obersten und untersten Schichten des Klärinhaltes wird sich dann eine schwach trübe Flüssigkeit bilden, die mehr oder weniger noch von organischen Teilen durchsetzt ist.

Durch ein heberartiges Rohr, das bis ungefähr in die Mitte des Vorklärers eintaucht, wird diese Flüssigkeit nun in den Hauptklärer übergeführt und zwar wieder so, |73| dass das Eintauchrohr kurz über dem Boden mündet, während das Ausgangsrohr bis zur Mitte des Klärinhaltes reicht. Im Hauptklärer vollzieht sich derselbe Prozess wie im Vorklärer; Sink- und Schwebestoffe werden geschieden, und die aeroben Mikroorganismen sorgen für den weiteren Zerfall durch faulige oder Sumpfgasgährung. Durch die Spaltung des Fäces werden Gase frei, die die Klärer nicht absorbieren. Ueber dem Klärinhalt befindet sich nun ein leerer Raum, in welchem sich diese Gase, Schwefelwasserstoff und Ammoniak, sammeln können, und von wo sie mittels eines sogenannten Vergasers (!) abgeführt werden. Letzterer ist ein kleiner gusseiserner Kessel, der zu zwei Drittel seines Inhaltes mit Glyzerin gefüllt ist. Das Gasrohr von den beiden Klärkesseln taucht ein Stück in das Glyzerin ein, und die Gase treten durch diese Füllung in den oberen Raum des Kessels und können von hier aus in ein übergehendes Rohr oder ins Freie geführt werden, Explosionen und Vergiftungen durch diese Gase sind daher vollständig ausgeschlossen; die Gasentwicklung beträgt im Monat höchstens 20 Liter. Die Kontrolle der Kessel zur Entfernung der angesetzten Masse erfolgt durchschnittlich alle 2 bis 3 Jahre.

Ein Gutachten des Hygienischen Instituts der Universität zu München äussert sich nach Untersuchung von Abwässerproben, die einer derartigen Anlage entnommen waren, wie folgt: Auf Grund dieser Befunde stehe ich (Prof. Büchner) nicht an, zu erklären, dass Abwässer von der Beschaffenheit der vorstehend bezeichneten und untersuchten Proben, welche offenbar einen Zersetzungsprozess durchgemacht haben, unbedenklich in Seen, Flüsse, stehende Wässer, Bäche usw. eingeleitet werden können, vorausgesetzt, dass deren Wassermenge nicht allzu gering ist, und dass ferner nicht besondere Verhältnisse gegeben sind, welche im besonderen Falle die Einleitung verbieten oder bedenklich erscheinen lassen. In der Regel aber wird man von Abwässern einen höheren Grad von Reinheit, als er in den vorliegenden Proben gegeben ist, nicht verlangen können. Ferner auch zeigten die untersuchten Abwässer eine solche Beschaffenheit, dass sie dem weiteren Prozess der oxydativen Selbstreinigung keinerlei Schwierigkeiten entgegensetzten und daher unbedenklich auch auf Rieselfelder geleitet werden können.

Ein Gutachten der städtischen Lebensmittel-Untersuchungsanstalt zu Konstanz gibt ferner eine Analyse von Abwässern, die nach diesem System gereinigt worden waren, und die einem städtischen Schulhaus in Zürich entstammten. Diese Analyse ergab folgende Zahlen:

Chlor Spuren
Ammoniak 2,50 mg/l
Salpetrige Säure keine
Salpetersäure keine
Sauerstoffverbrauch 9,20
Trockenrückstand 195,00
Glührückstand 115,00
Glühverlust 80,00
Keimzahl I. 279,000 im ccm
Keimzahl II. 270,000 „

Nach Ansicht der genannten Untersuchungsanstalt liefert demnach das System Lehmann und Neumeyer ohne Desinfektion und Anwendung künstlicher Klärmittel nach jeder Richtung hin weit günstigere Ergebnisse, als andere damit in Vergleich gestellte Systeme.

Auch die Allgemeine Städtereinigungs-Gesellschaft in Wiesbaden führt ihre biologischen Abwässerreinigungsanlagen vor. Hierbei wird das Schmutzwasser durch einen Verteilungsschacht zunächst in einen sogenannten Fällraum eingeleitet, von wo es dann in einen Ausgleichbehälter gelangt und darauf nach den Oxydationsfiltern abgelassen wird. Schliesslich kommt es noch auf einNachfilter, von dem es klar und geruchlos heraustritt, ohne dass es weiter in Fäulnis übergehen kann.

Die Firma Gebr. Körting in Körtingsdorf bei Hannover führte ihr sogenanntes Saugsielverfahren vor, das sich schon seit längerer Zeit auf ihren grossen Werken in Hannover in praktischem Betriebe befindet, auf denen über 2000 Personen verkehren. Dies Verfahren hat den Zweck, die Fäkalstoffe und Hausgebrauchswässer von grösseren Ansiedlungen an eine Zentralstelle zusammen zu fördern, von der aus sie bequem beseitigt werden können. Es arbeitet unter Zuhilfenahme von Luftleere und ist einfach, geruchlos und sicher in seiner Wirkung. Der Hauptteil der Anlage ist ein Fallrohrkasten nach Patent 137276, deren an jeder Abortanlage einer angeordnet ist, und der mit einer Vakuumleitung derart in Verbindung steht, dass die in ihn hineingelangenden Fäkalien abgesaugt werden, ohne dass Luft nachdringen kann.

Textabbildung Bd. 319, S. 73

Der Fallrohrkasten wird in zwei Ausführungsformen nach Fig. 20 oder nach Fig. 21 angeordnet.

Beide Ausführungsformen besitzen einen doppelten Wasserverschluss. Durch die Oeffnung E treten die Fäkalien und Hauswässer ein und füllen zunächst den Raum S und K, hernach, bei G ein Sieb durchstreichend, auch den grösseren Raum H und das Rohr K1. Durch angebrachte Luftventile V, V1 ist dafür gesorgt, dass die Füllung der einzelnen Räume glatt von statten geht. Im Fallrohrkasten, nach Fig. 21, ist der Raum H durch einen Schwimmer verschliessbar.

Die Arbeitsweise ist folgende: Im Rohre A, das die Fallrohrkästen mit der Sammelstelle verbindet, wird Luftleere hergestellt, worauf sofort der Inhalt der Kästen, der Saugwirkung folgend, in das Rohr A steigt und nach der tiefer gelegenen Sammelstelle abfliesst. Dabei haben sich die Luftventile V, V1 geschlossen. Der entweichende Inhalt des Kastens wird durch Luft ersetzt, die durch das Fallrohr E aus der Abortanlage nachströmt. Die Luft bewirkt, wenn sie um die Kante M herumströmt, ein lebhaftes Wirbeln des Kasteninhaltes und damit ein Zerreiben der dickeren Fäkalstoffe, Papierreste und dergl., so dass die Masse bis auf etwa böswillig oder leichtfertig den Fäkalstoffen zugesetzte Teile das Sieb G durchdringen und mit vollständiger Sicherheit vor Verstopfungen die Rohrleitung durchströmen kann.

Die Kästen nach Fig. 20 werden gebraucht, wenn |74| man nur wenige Kästen mit einer Anlage vereinigt, die nach Fig. 21 sind für umfangreichere Anlagen bestimmt. Der Schwimmer (Fig. 21) verhindert nach Entleeren des Kastens das Nachdringen der Luft in die Absaugeleitung, so dass sich die einzelnen angeschlossenen Kästen, je nach ihrer Höhenlage, selbsttätig hintereinander entleeren. Die Geschwindigkeit, mit der unter Luftleere die Förderung zur Sammelstelle vor sich geht, ist sehr gross. Die Rohrweite ist so gewählt, dass die Masse sich sozusagen pfropfenähnlich nach der Sammelstelle bewegt; es entsteht in den Röhren keine sogenannte Sielhaut, so dass nicht einmal erforderlich ist, die Rohre mit Wasserspülung zu reinigen; ja es ist nicht einmal nötig, wenn auch mitunter empfehlenswert, dass die Aborte und Becken Wasserspülung erhalten. Das Verfahren bildet also eine vollkommene Trennkanalisation.

Textabbildung Bd. 319, S. 74

An einem bequem gelegenen Platze wird die hierzu gehörige Sammelstelle für die Abfallstoffe angelegt. Sie besteht aus einem luftdicht hergestellten, schmiedeeisernen Behälter, der mit den Fallrohrkästen durch Rohrleitungen verbunden ist. Wird nun in jenem Luftleere erzeugt und die Rohrleitung nach den Fallrohrkästen geöffnet, so strömen die Fäkalmassen dem Behälter zu.

Die Stadt Halle a. d. Saale reinigt die Abwässer eines ihrer sechs Kanalsysteme, die nachher in die Saale einfliessen sollen, durch Zusatz eines Fällungsmittels, wodurch ein Niederschlag entsteht, der schwerer ist als die vorhandenen Stoffe und diese mit niederreisst. Die Abwässer gelangen zunächst in einen Vorbrunnen, der die spezifisch schweren Teile, wie Sand oder dergl., schon im voraus beseitigt, und dann in einen Messapparat, mit dem ihre Menge genau festgestellt werden soll, um die nötige Menge von Chemikalien richtig bemessen zu können. In einem 7½ m tiefen, sich nach unten verengernden Klärbrunnen setzen sich hierauf die durch die Fällmittel erzeugten Niederschläge ab. Die Kanalwässer sind dann genügend gereinigt, während der Schlamm mittels einer Filterpresse einigermassen getrocknet wird und danach der Landwirtschaft übergeben werden kann.

In der Stadt Kiel befolgt man das System, die Fäkalien in Eimern zu sammeln, die etwa zweimal wöchentlich gewechselt werden. Die Eimer werden entleert, gereinigtund desinfiziert, worauf sie, mit etwas Torfmull beschickt, wieder in den Betrieb zurückgelangen. Ihr Inhalt wird angesäuert, mit Dampf erwärmt und eingedickt, und hierauf getrocknet. Die so erzeugte Poudrette wird an einen Grossabnehmer verkauft. Die Rentabilität der Anlage wird als günstig angegeben, namentlich auch mit Rücksicht auf den Umstand, dass die Anlage vorerst nur zur Hälfte ausgenutzt ist und bei voller Ausnutzung ohne wesentliche Erhöhung der Betriebskosten bedeutend mehr zu leisten imstande sein wird.

Interessant war die Ausstellung einer Klärschlamm-Vergasungsanlage nach dem System der Gasmotorenfabrik Deutz. Nach diesem System werden die zu reinigenden Kanalwässer zunächst nach Rothe und Degener mit einem dünnen Brei von fein gemahlener Braunkohle versetzt, worauf eine zur raschen Fällung der noch suspendierten Humusstoffe genügende Menge an gelösten Salzen zugegeben wird. Der so erhaltene Schlamm wird nun vergast und dient zur Ingangsetzung eines Gasmotors1). Eine Wasser- und Abwässerreinigungs- und Erhärtungsanlage nach Schlichter führt die Zementwarenfabrik Dyckerhoff & Widmann in Biebrich a. Rhein vor. Näheres darüber ist bereits in D. p. J., 1903, 318, 142, mitgeteilt worden.

Unter den zur Schau gebrachten Baustoffen nahm den weitesten Raum unstreitig der Beton in seinen verschiedensten Verwendungsarten ein. Hier ist in erster Linie der geschmackvolle Pavillon der Firma Rudolf Wolle in Leipzig zu erwähnen. Dieser Pavillon (Fig. 22) ist in seinem wesentlichen Teile in Hennebique-Konstruktion ausgeführt. Er enthält einen Ausstellungsraum mit einer 7 m frei gespannten, geraden Decke. Ueber diesem Raume befindet sich eine von 6 Säulen getragene Plattform mit einem rings herumlaufenden, weit ausladendem Umgange, der namentlich dadurch den Eindruck grosser Kühnheit hervorruft, dass sich auf einer seiner äusseren Ecken eine Belastung aus Eisenbarren im Gewichte von 2000 kg aufgebracht befindet. An der einen Seite des Baues führt eine freitragende, dreiarmige Treppe, ebenfalls in Hennebique-Bauweise konstruiert, auf diese Plattform hinauf.

Ein amtliches Zeugnis des Dresdener Tiefbauamtes enthält folgende Angaben: „Der Balkon hat 1,65 m Ausladung, seine Platte wird an jedem Ende von 2 Konsolen in je 3 m Abstand gestützt und kragt im mittleren Teile auf 7 m Länge um die volle Breite frei aus. Die Belastung erfolgte auf der Südseite durch Aufbringen von Sandsäcken bis zu 500 kg auf den qm bei gleichmässiger Verteilung. Die Durchbiegung des Balkons unter dieser Last betrug an den Enden der 4 Konsolen je 0,1 mm und in der Mitte des freitragenden Mittelteiles 2,3 mm. Bei der Wiederbeseitigung der Last gingen die Konsolen in ihre frühere Höhenlage zurück, dagegen behielt die Mitte des Balkons eine Durchbiegung von 0,8 mm. Die freitragende Treppe ist aus drei Armen gebildet, 1,5 m breit und schliesst zwei Podeste von je 2 qm Fläche ein. Die Horizontalprojektion der Treppe beträgt einschliesslich der Podeste 15 qm. Der untere Arm und Podest sind einseitig am Gebäude eingespannt, dagegen tragen sich die beiden oberen Arme mit zwischenliegendem Podest völlig frei. Die Durchbiegungen waren bei einer Belastung von 500 kg/qm Grundfläche am unteren Podest fast gleich |75| Null, am oberen wurden sie zu 0,5 und 1 mm gemessen. Bleibende Durchbiegungen nach der Wiederbeseitigung der Last waren nicht zu bemerken.“

Vor diesem Pavillon befand sich eine Brücke in Möllerscher Bauweise. Hierbei besteht der Druckgurt aus einer Betonplatte, die nach den Auflagern zu voutenartig verstärkt ist. Der Möllersche Gurtträger ist seinem Wesen nach ein freiaufliegender armierter Balken, der nur lotrechten Druck, also keinen Seitenschub auf die Widerlager ausübt. Letztere brauchen deshalb nur sehr geringe Stärke zu erhalten, was gegenüber Wölbbrücken mit ihren starken Widerlagern, namentlich bei schlechtem Untergrund einen wesentlichen Vorzug bedeutet. Im allgemeinen genügen bei der Möllerschen Brücke die etwa vorhandenen Ufermauern vollständig als Widerlager. Die Konstruktion kann mit festem oder beweglichem Auflager hergestellt werden. An Konstruktionshöhe genügt im äussersten Fall 1/20 der Spannweite. Ausser für Strassen- und Eisenbahnbrücken eignet sich die Bauweise besonders auch für weitgespannte, schwerbelastete Decken. Die ausgestellte Brücke ist, da Fahrverkehr im vorliegenden Falle nicht in Frage kommt, für Menschengedränge mit 400 kg/qm berechnet. Die Druckbeanspruchung im Beton beträgt 20 kg/qcm. Die Zugbeanspruchung im Eisengurt 1000 kg/qcm. Die Niete werden auf Abscherung mit 600 kg/qcm beansprucht. Die Brücke wurde am 23. April 1903 betoniert und am 19. Mai 1903, also 26 Tage nach Fertigstellung, einer amtlichen Probebelastung unterzogen, deren Ergebnis aus dem nachfolgenden Zeugnis des städtischen Tiefbauamtes zu Dresden ersichtlich ist:

Textabbildung Bd. 319, S. 75

„Die von der Firma Rud. Wolle, Leipzig, in der Deutschen Städteausstellung an der Probestrasse zwischen den Strassenquerschnitten von Breslau und Dresden erbaute Brücke, System Möller, für Fussverkehr, wurde heute einer Probebelastung unterzogen. Sie hat 14 m Spannweite und 1,8 m Breite und wurde auf ihrer ganzen Grundfläche nahezu gleichmässig mit Sandsäcken belastet, deren Gesamtgewicht rund 12600 kg, also 500 kg auf je 1 qm Grundfläche betrug. Darüber hinaus wurde in der Mitte der Brücke noch eine weitere Last von 50 kg aufgebracht und ausserdem durch die während der Probe erfolgenden Niederschläge das Gewicht der Säcke noch vergrössert. Die Durchbiegung der Brücke unter dieser Last wurde in der Mitte der beiden Traggurte mittels zehnfacher Hebelübersetzung gemessen und bei dem östlichen Gurt zu 1,15 mm, bei dem westlichen zu 1,2 mm ermittelt. Bei der Wiederbeseitigung der Last ging die Brückenmitte fast ganz wieder in ihre ursprünglicheHöhenlage zurück, denn es verblieben als bleibende Durchbiegung nur 0,10 bezw. 0,15 mm.“

Ferner führt die Firma noch vor Wolles Konsoldecke, Dies ist eine Eisenbetondecke, die zwischen Trägern oder frei über Mauern hinweg mit voutenförmigem Anschluss an die Träger oder Mauern hergestellt wird. Sie hatte in dem ausgestellten Modell 4 m Spannweite, wird aber bis zu 10 m ausgeführt. In ihrer Konstruktion unterscheidet sie sich wesentlich von der Koenenschen Voutenplatte, indem bei ihr nicht eine in der Mitte durchhängende Eiseneinlage benutzt ist, sondern zwei übereinanderliegende, wagerechte und durch Bänder verbundene Eiseneinlagen vorhanden sind.

Auch die Bauweise nach Rabitz hat hier eine Vertretung gefunden, indem der über dem beschriebenen Ausstellungspavillon sich erhebende dekorative Aufbau in dieser hergestellt ist.

Innerhalb dieses Aufbaues befand sich das Modell eines Wölbedaches in Monierbauweise (Fig. 24). Das vorliegende Modell hat 5 m Spannweite und 5 cm Scheitelstärke. Derartige Dächer werden von der Firma bis 25 m Spannweite ausgeführt und erhalten eine Pfeilhöhe von 1/8 bis 1/6. Das Dach wird nach Fertigstellung der Zementierung noch mit Asphalt- oder Dachpixpappe überzogen oder auch nur mit einem Dachpixanstrich versehen. Wo Dünste oder Dämpfe in Frage kommen, wie bei Färbereien und dergleichen, wird zur Verhütung des Abtropfens eine Isolierung aus Korkplatten, Strohlehm oder Gipsdielen mit doppelter Pappeindeckung aufgebracht. Natürlich muss ausserdem durch Ventilation für Abzug der Dünste gesorgt werden. Aussparungen jeder Grösse für Lüftungsaufsätze, Oberlichte usw. lassen sich ohne Schwierigkeit im Gewölbe vornehmen.

Die gleichfalls ausgestellte Konstruktion, die unter dem Namen Victoria-Decke ausgeführt wird und eine scheitrechte Ziegeldecke mit Eiseneinlage darstellt, ist bereits bei anderer Gelegenheit besprochen worden. (D. p. J. 1902, 317, 193).

Ferner waren hier noch Zement-Macadam-Platten vorgeführt, die den Vorzug vor Zementmaccadam besitzen, dass sie bei fabrikmässiger Herstellung weit sorgfältiger ausgeführt werden können, als dieser. Die Platten kommen also in vollständig erhärtetem Zustande an die Baustrecke und werden hier auf gut drainierter Betonunterlage oder mit Klarschlag abgeglichener, festgewalzter Packlagerbettung in einer dünnen Schicht feinen Sandes verlegt. Die Stossfugen werden durch elastischen Asphaltkitt |76| aneinandergeklebt und dicht mit solchem ausgefüllt. Die Strasse ist dann sofort befahrbar, zeigt gleichmässige doch nicht gefährlich glatte Oberfläche und gewährleistet gleichmässige Abnutzung. Die Sandunterbettung wirkt als elastisches Polster und schalldämpfend. Bei etwaigen Strassenaufbrüchen lassen sich die Platten ohne Betriebsstörung herausnehmen. Auch für die Ausbesserung von in einer Fläche hergestellten Zementmaccadam-Strassen lassen sich die Platten mit Vorteil verwenden.

Textabbildung Bd. 319, S. 76
Textabbildung Bd. 319, S. 76

Aus dem gleichen Material sind Wolles Fusswegplatten hergestellt, die an der Oberfläche mit sich kreuzenden Rillen versehen sind.

Schliesslich wollen wir noch die von der gleichen Firma ansgestellten Zement-Kabelröhren (Fig. 25) erwähnen, insbesondere auch die nach patentiertem System ausgeführten Kabelpanzer. Letztere werden in der Weise hergestellt, dass plastischer Zementbeton in sackartige Gewebestoffe, z.B. leichte Jutesäcke, eingefüllt und die gefüllten Säcke der Länge nach über dem verlegten Kabel ausgelegt und breitgeschlagen werden. Vorher wird ein Streifen Asphaltpappe über das Kabel gelegt zu dem Zwecke, nachteilige Berührungen des Betonpolstersmit dem Kabel zu verhindern. Pappe und Säcke sind an den Stosstellen derartig übereinandergedeckt, dass nicht nur ein durchaus sicherer Fugenverschluss erzielt wird, sondern auch die Möglichkeit gegeben ist, die Kabelpanzerung nach ihrer Erhärtung stückweise als halbe Röhren abzuheben. Die Kabelpanzerung schmiegt sich plastisch allen Krümmungen des Kabels an. Das Verfüllen der Gräben kann sofort nach der Verlegung der Betonsäcke erfolgen. Die Erhärtung des Betons geht im feuchten Erdboden in bester Weise von statten.

Die Vereinigte Maschinenfabrik in Augsburg, Werk Gustavsburg bei Mainz, führte eine belastete Bimsbetondecke von 6 m Spannweite vor (Fig. 26a), deren Konstruktion ein Mittelding zwischen der Koenenschen Voutenplatte und einem Möllerschen Träger bildet, indem die zwischen I-Träger in der Mitte durchhängenden Eiseneinlagen aus Bandeisen mit aufgenieteten L-förmigen Winkeleisen bestehen (Fig. 26b). Eine derartige Decke ist z.B. über dem Personenbahnhof Dresden-Neustadt mit einer Grundfläche von mehr als 10000 qm ausgeführt worden. Das Gewicht der Bimsbetondecke von 60 mm Stärke beträgt 80 kg/qm. Auch zu Zwischendecken ist |77| diese Konstruktion viel verwendet worden und hat nach Angaben der Firma bei Belastungsversuchen grosse Beanspruchungen gut ausgehalten.

Die Firma Johann Odorico in Dresden-N. wendet gleichfalls, wie Rudolf Wolle, das System Hennebique für ihre Konstruktionen an. Sie hatte Abbildungen verschiedener danach gebauter Brücken- und Deckenkonstruktionen und das Modell eines grösseren, in Stampfbeton ausgeführten Hochwasserbehälters für die Stadt Mainz vorgeführt.

Textabbildung Bd. 319, S. 77

Dyckerhoff & Widmann in Biebrich, stellten ausser ihren bereits erwähnten Erzeugnissen noch Kunststeine, sowie zahlreiche Modelle und Abbildungen von ihnen ausgeführter Betonbauten aus.

Textabbildung Bd. 319, S. 77

Auch Windschild & Langelott in Cossebaude bei Dresden gaben Modelle von ausgeführten Arbeiten, wie von Brücken in Stampfbeton, sowie auch in Bruchsteinmauerwerk, ferner von Wasserbehältern und zahlreichen sonstigen Arbeiten in Stampfbeton.

Heinrich Schneider in Dresden-Striesen stellte ein von ihm erfundenes Bausystem Schneider in einem danach erbauten Häuschen aus. Bei dieser Bauweise wird die tragende Baukonstruktion in Fachwerk ausgeführt, aber nicht ausgemauert, sondern beiderseitig mit einer besonderen Masse verkleidet. Hierzu werden nicht einzelne Bautafeln verwendet, sondern das Ganze, ebenso wie auch die Verkleidung der Decken, wird auf dem Bau selbst hergestellt, indem eine Mischung aus Mörtel, Flugasche und Gips auf ein ausgespanntes, verzinktes Drahtgewebe aufgetragen wird. Statt der Gipsmischung wird in solchenFällen, wo besonders auf Feuchtigkeit Rücksicht genommen werden muss, eine Aschenbetonmischung verwendet. Durch diese Konstruktion der Umfassungswände entstehen in derem Innern isolierende Hohlräume, in denen sich eine ruhende Luftschicht befindet, die das Gebäude gegen die äusseren Wärmeschwankungen gut schützen. Die Bauweise ist in Dresden polizeilich genehmigt und nicht nur von Privaten, sondern auch von der Technischen Hochschule bei den gegenwärtig dort aufgeführten Erweiterungsbauten verwendet.

Karl Voltz, in Strassburg i. E., gibt einige Proben seines sogenannten Bausystems „Voltz“, das eine leichte Betonkonstruktion ohne Eiseneinlage darstellt, über die indessen nähere Angaben nicht zu erhalten waren.

Heinrich Knab, Steinfels bei Parksteinhütten i. Bayern, zeigt einen hübschen Aufbau, der mit einem von ihm erfundenen, farbigen Putzmaterial überzogen ist, das er „Lithin“ nennt. Ueber dessen Zusammensetzung war nichts zu erfahren, als dass es ein hydraulisches Kalksilikat und ein von schädlichen Salzen freier, farbiger Trockenmörtel sei. Der Mörtel soll sehr haltbar sein und namentlich zur Verwendung in solchen Fällen dienen, wo man die Farben von natürlichen Steinen in Putz nachahmen will.

Die Firma Christoph & Unmack zu Niesky führt ihre Döckerschen Baracken vor, die in ihrer Anwendung lange nicht mehr auf das Gebiet der sogenannten transportablen Lazarettbaracken beschränkt sind, sondern sich nach und nach auch als Schulbauten, zur Unterbringung von Arbeitern, für Versammlungsräume, Landhäuser usw. an zahlreichen Orten eingebürgert haben. Auch die Deutsche Barackenbau-Gesellschaft zu Berlin stellt von ihr gebaute, transportable Häuser aus. Im übrigen haben wir über die Erzeugnisse dieser beiden Firmen bereits bei früheren Gelegenheiten berichtet (D. p. J. 1902, 317, 223 u. 658).

Korksteinfabrikate zu Isolierzwecken, sowohl für Ummantelung von Dampfleitungen, wie auch zur Herstellung von Wänden zum Schütze gegen Hitze und Kälte, stellten Grünzweg & Hartmann in Ludwigshafen, sowie die Deutsch-Oesterreichischen Kork- und Isolierwerke zu Dresden aus. Ueber die Erzeugnisse dieser Firmen wird in Kürze gelegentlich eines Aufsatzes über feuersichere Bauweisen noch besonders berichtet werden, weshalb hier nicht weiter darauf eingegangen werden soll.

Textabbildung Bd. 319, S. 77

Die Majolikafabrik von Gebrüder Meinhold zu Schweinsburg an der Pleisse, stellt Wandplatten in schöner blauer Farbe für Aussendekoration aus, mit denen einzelne Flächen an einem, im übrigen in Zement ausgeführten Pavillon verkleidet sind. Diese Fliesen sind um so besser in ihrer Farbenwirkung, als sie nicht vollkommen gleichmässig abgetönt sind. Vielmehr ist bei ihrer Herstellung die Technik der verlaufenden Glasuren in Anwendung gebracht, so dass die erzielte Färbung von jeder Eintönigkeit frei bleibt. Es ist bekanntlich ein Hauptübelstand unserer Verblendsteinziegel, dass die sie herstellenden Werke immer noch auf dem ganz ungerechtfertigten Standpunkte stehen, dass die an einen Bau anzuliefernden Ziegel alle |78| ganz genau gleichfarbig und gleich stark im Ton gehalten sein müssen, so dass die damit hergestellten Flächen erschreckend eintönig werden. Meistens begeht man hierbei noch den zweiten Fehler, die Fugen zwischen den einzelnen Steinen möglichst eng zu halten. Von diesem Bestreben nach Gleichtönigkeit hat sich die genannte Firma glücklicherweise von vornherein fern gehalten. Hoffentlich wird aber auch in nicht zu kurzer Zeit die Verblendziegelfabrikation selber gleichfalls von diesemStreben zurückgekommen zu sein, das gerade sie selbst am allerempfindlichsten schädigt. Denn während bei ungleichmässig gefärbten Mauerflächen nicht nur die Wirkung auf das Auge bedeutend erfreulicher ist, als wenn sie ganz glatt wären, so schafft das Streben nach Gleichmässigkeit auch eine grosse Menge von Ausschussware, während andernfalls alle irgendwie in der Farbe abweichend ausgefallenen Stücke ohne weiteres verwendet werden können.

(Fortsetzung folgt.)

|74|

Siehe D. p. J. 1903, 318, 708.

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