Titel: Die Kettenschaltgetriebe am mechanischen Webstuhle.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1904, Band 319 (S. 585–587)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj319/ar319164

Die Kettenschaltgetriebe am mechanischen Webstuhle.

Von Prof. Siegm. Edelstein.

(Fortsetzung von S. 568 d. Bd.)

Technologische Würdigung und praktische Ausführung des zwangläufigen, stetig wirkenden Warenbaumregulators.

Der zwangläufige Warenbaumregulator kennzeichnet sich technologisch durch die Tatsache, dass er ohne Rücksicht auf die Kettenspannung oder Schussfadenstärke für jede volle Arbeitsphase des Webstuhles das gleiche Ausmass an Gewebe zur Aufwicklung bringt und sonach jedem Schussfaden den gleichen Raum zuweist, mithin die gleichstufige Schussanlage ergibt. In besonderen Fällen, wenn es sich z.B. um die Herstellung von schusslanzierten Geweben handelt, kann seine Schaltung auch in regelmässiger Folge unterbrochen werden, doch wird diese Unterbrechung durch eine besondere Anordnung des Stuhlgetriebes, etwa durch eine Platine der Jacquardmaschine, bewerkstelligt und von vornherein angeordnet, ohne dass etwa die Schussfadenstärke oder die Kettenspannung auf diesen Umstand Einfluss nehmen würden. Es geschieht dies bekanntlich zu dem Zwecke, um die Lanzierfäden über die Grundfäden zu bringen und auch in diesem Falle schreitet die Schaltung regelmässig in einem vorher bestimmten Ausmasse fort.

Das Ergebnis seiner Schaltung ist die gleichmässige Verteilung einer bestimmten Schussfadenanzahl auf die Längeneinheit des Gewebes, vorausgesetzt, dass die Kettenfadenspannung genügend gross gewählt ist, um ein Vorarbeiten der Ware nicht aufkommen zu lassen und die Schussfadenstärke mit der gewünschten Schussdichte im Einklänge steht. Ist diesen Bedingungen Genüge geleistet, dann ist es einleuchtend, dass die Schussdichte aus dem entsprechenden Triebwerke bestimmt bezw. ebenso die Einstellung des letzteren nach der verlangten Schussdichte vorgenommen werden kann. Handelt es sich um einen nach der Type Fig. 64 (S. 565) angeordneten Regulator, so wird zur Erzielung einer bestimmten Schussdichte ein entsprechendes Wechselrad w eingesetzt.

Die Berechnung der Zähnezahl dieses Wechselrades aus dem gegebenen Uebersetzungsverhältnisse des Triebwerkes, möge nachstehend angedeutet werden. Seien unter Zugrundelegung der angeführten Anordnung Fig. 64 B, T, t, w, S die Zähnezahlen der bezüglichen Räder, wäre ferner U der Umfang des Sandbaumes und s die f. d. Klinkenhub geschaltete Zähnezahl des Schaltrades, so ist für eine Umdrehung des Sandbaumes die Anzahl der Umdrehungen des Schaltrades gleich

und die entsprechende Anzahl der Schaltungen

hierbei werden U Längeneinheiten aufgewickelt, daher entfallen auf eine Längeneinheit n Schaltungen, wobei

. . . . . . 40)

wird.

Wird U in Zentimetern ausgedrückt, so ist n die auf Zentimeter bezogene Schussdichte, es entspricht n dem jeweilig gewählten Einheitsmasse für U.

Aus Gleichung 40 folgt ferner

. . . . . . 41)

In diesem Ausdrucke sind die Grössen B, T, t, U Konstante und es kann daher der Wert

gesetzt werden, einer Konstanten, welche man als Grundzahl des Regulators zu bezeichnen pflegt.

ist die reduzierte Zähnezahl des Schaltrades, die aus der bei einem Klinkenhube geschalteten Zähnezahl erhalten wird, und wie oben schon bemerkt, sich meist nur auf zwei bis drei Variationen beschränkt, indem s = 1,2 evtl. = 3 angenommen wird. Es entspricht daher der Ausdruck der für eine volle Umdrehung des Schaltrades tatsächlich durchzuführenden Schaltungen bezw. kompletten Ladenbewegungen, da der Schalthebel von der Ladenstelze aus betätigt wird und sonach auch der Anzahl der für einen vollen Umgang des Schaltrades erfolgenden Schusseintragungen. Wie erwähnt, pflegt man diese Grösse wenig oder auch gar nicht zu ändern und man kann dann auch für die Grösse

den Wert H setzen, so dass

. . . . 42)

Diese Grösse H ist für eine bestimmte Schartklinkeneinstellung konstant und wird als Hauptzahl des Regulators bezeichnet. Es ergeben sich dann die einfachen Beziehungen






43)

In der Praxis wird das derart ausgesprochen, dass man zur Bestimmung der Schussdichte oder des Wechselrades |586| zunächst die Hauptzahl des Regulators berechnet und dann diese durch die gegebene Schussdichte dividiert, wenn der Wechsel zu bestimmen ist und durch den Wechsel dividiert, wenn es sich um Aufsuchung der Schussdichte handelt. Die Hauptzahl selbst, technisch ausgedrückt, die Räderkonstante des Regulators ergibt sich aus den Zähnezahlen der angewendeten Triebwerksräder, ersichtlicherweise kann man sie aber auch bei einem in Tätigkeit befindlichen Webstuhle durch direktes Abzählen der Schussdichte bestimmen, indem man diese mit der Zähnezahl des angewendeten Wechselrades multipliziert.

Wird hierbei das Gewebe entspannt, so erscheint eine etwas grössere Schussdichte, infolge des Zusammengehens des Gewebes, und nimmt man diese zur Unterlage für die Berechnung der Hauptzahl, so fällt der Wert für diese letztere natürlicherweise etwas grösser aus, als der durch die Zähnezahlen direkt bestimmte.

Es ist selbstverständlich, dass nachdem die Schussdichte des entspannten Gewebes massgebend ist, die Feststellung der Hauptzahl in der zweitangedeuteten Weise den praktisch anwendbaren Wert derselben vorstellt; man bezeichnet ihn als die praktische Hauptzahl Hp. Lässt sich der Wert Hp nicht direkt bestimmen, so wird H um einen perzentuellen Zuschlag vergrössert, der erfahrungsgemäss angenommen wird. Es ist dann

H p = kH

wobei k > 1 etwa 1.01–1.05 ist, und mit diesem Werte Hp rechnet man das entsprechende Wechselrad.

Findet bei einer ähnlichen Type des Regulators die Auswechslung an einem der anderen Räder statt, so wird natürlicherweise der Gang der Berechnung im Prinzipe der gleiche bleiben, nur die Feststellung der bezüglichen Hauptzahl und ihre Beziehung zu Schussdichte und Wechsel wird eine entsprechende Aenderung aufweisen.

Bei Regulatoren nach Fig. 66 (S. 565) wird die Grösse der Schaltung durch die Verschiebung des Stangenbolzens z in dem Schlitzhebel T behufs Einstellung der Schussdichte vorgenommen. Es wird somit die Anzahl der Schaltungen geändert, welche zu einem vollen Umlaufe der Schaltwelle z1 benötigt werden oder entsprechend der oben angeführten Bezeichnung die reduzierte Zähnezahl des Schaltrades nach Bedarf gewählt. Sei diese , wobei S die effektive Zähnezahl des Schaltrades und s0 die für eine Schusseintragung geschaltete Anzahl der Zähne bedeuten, so lässt sich die Schussdichte aus den gegebenen Uebersetzungen einfach bestimmen.

Bezeichnen analog die Buchstaben B, s, z2, z1 die Zähnezahlen der entsprechenden Räder und ist U der in cm ausgedrückte Umfang des Sandbaumes, so wird für einen vollen Umgang desselben, also für U cm Ware die Schnecke x und mithin das auf ihrer Achse sitzende Kegelrad Umdrehungen machen, daher das Kegelrad z1

Umgänge vollführt. Das Schaltrad S empfängt zu diesem Zwecke

Schaltungen, entsprechend einer Aufwicklung von U cm Ware.

Für 1 cm Ware erhält man daher

. . . . . 44)

Hier sind die Grössen B, s, z2 z1 und U konstante und es ergibt sich

. . . . . 45)

wenn

. . . . . 46)

gesetzt wird.

Auch hier gelten bezüglich der praktischen Hauptzahl die gleichen Feststellungen, wie sie oben bei der Besprechung des Stirnradregulators erschlossen wurden und es ist wieder Hp = k . H zu setzen, wobei k > 1 wird.

Es wurde schon oben bemerkt, dass man bei dieser Type von Regulatoren für die Einstellung einer anderen Schaltung mitunter ein entsprechendes Schaltrad S einsetzt und dieses um die einfache Teilung schalten lässt. Das würde für die Gleichung bedeuten, dass s0 = 1 und 5 veränderlich ist. Wird nun das Triebwerk des weiteren so ausgeführt, dass auch Hp = 1 wird, so erhält man die praktisch sehr brauchbare Beziehung, dass die Schussdichte gleich der Zähnezahl des angewendeten Schaltrades wird. Selbstverständlich muss auch in diesem Falle der Hebelbolzen in der Kulisse T entsprechend eingestellt werden, um stets die Schaltung gerade um eine volle Zahnteilung zu erhalten. Die Beziehung zwischen Schaltgrösse bezw. Klinkenhub und Armlänge des Schalthebels T (Entfernung des Bolzens vom Drehpunkte des Hebels) ist hier eine einfache, direkt proportionale.

In technologischer Beziehung hat der behandelte Regulator keinen weiteren Einfluss; auf die Grösse der Kettenspannung, die er zwar durch den Warenabzug hervorruft, bleibt er im normalen Betriebsgange des Webstuhles ohne direkte Einwirkung.

Was die praktische Ausführung anbelangt, so sind nur verhältnismässig geringfügige Abänderungen der beiden Grundtypen zu finden; einzelne Konstruktionen sollen nachstehend angeführt werden.

In den Fig. 64 und 65 ist bereits ein Wechselradregulator von Platt Brothers dargestellt; eine andere Type aus der gleichen Fabrik zeigen die Fig. 72 und 73, die nach dem oben Gesagten ohne weiteres verständlich sind.

Textabbildung Bd. 319, S. 586
Textabbildung Bd. 319, S. 586

Ein gleichartiger Warenbaumregulator, ausgeführt von der sächs. Maschinenfabrik Richard Hartmann, ist nach dem Preisbuche der genannten Firma vereinfacht in Skizze (Fig. 74) und ein ebensolcher mit Wechselradanordnung und besonders angetriebenem Wickelbaume für die Ware in Skizze (Fig. 75) veranschaulicht.

Es wurde schon früher hervorgehoben, dass die Bewegung |587| des Warenbaumes bei indirektem Getriebe entweder durch ein separates Triebwerk oder durch die Mitnahme des Warenbaumes durch den Sandbaum stattfindet.

Die Fig. 75 zeigt eine Anordnung der ersteren Art, während die Fig. 64 und 65 die letztgenannte Einrichtung veranschaulichen.

Textabbildung Bd. 319, S. 587
Textabbildung Bd. 319, S. 587

Es ist selbstverständlich, dass bei der direkten Mitnahme des Warenbaumes durch den Sandbaum die Lagerung des Warenbaumes nachgiebig bezw. derart getroffen sein muss, dass der Warenbaum unter steter Anpressung an den Sandbaum sich von diesem in dem Maasse entfernen kann, in welchem er sich bewickelt. Es mögen hier zwei Ausführungsformen einer solchen Einrichtung angeführt werden.

Textabbildung Bd. 319, S. 587
Textabbildung Bd. 319, S. 587

In Fig. 76 ist die Anordnung gezeichnet, wie sie bei Hattersley-Stühlen anzutreffen ist.

An den Sandbaum Sb wird der Warenbaum Wb dadurch angepresst, dass der letztere zu jeder Seite auf eine lotrechte Zahnstange Z gelagert wird, die durch das Belastungsgewicht Q unter Vermittlung der Scheibe B und Zahnrädchen z in dem Bestreben, nach aufwärts zu steigen, erhalten wird. Zu diesem Behufe hängt das Gewicht an einem Riemen, der an der Scheibe B befestigt und über die an der Gestellwand gelagerte Rolle b geführt wird. In dem Maasse, in welchem sich der Warenbaum füllt,senkt er sich auch unter entsprechender Anhebung des Belastungsgewichtes.

Textabbildung Bd. 319, S. 587

Zu gleichem Zwecke wird bei Hodgson-Stühlen der Warenbaum beiderseits in einem Hebel H (Fig. 77) gelagert, der durch eine entsprechende Feder F so belastet wird, dass er den Warenbaum stets gegen den Sandbaum andrückt und der erstere beim Weiterschreiten der Wicklung die nötige Senkung vornehmen kann. Zum Zwecke der Freigebung des Gewebes bezw. des Warenbaumes kann Hebel H mittels des Handgriffes O in der Pfeilrichtung I hinuntergedrückt werden, wobei die Falle M die Festhaltung dieser Stellung durch Einschnapppen bei n besorgt. Durch Abziehen der Falle wird die Normalstellung des Warenbaumes wieder herbeigeführt.

Ausser den genannten Einrichtungen findet man noch mannigfache andere Konstruktionen zu gleichem Zwecke angewendet so die schon früher erwähnten Gleitflächen für die Zapfen des durch sein eigenes Gewicht an den Sandbaum sich anlegenden und solcherart direkt mitgenommenen Warenbaumes u.a.

Auch die eingangs erwähnten Getriebe für eine selbstständige Betätigung des Warenbaumes zeigen mannigfache Konstruktionen, die aber natürlicherweise immer derart durchgeführt sein müssen, dass die Gewebeaufwickelung nur nach Massgabe der vom Sandbaume dirigierten Ablieferung stattfindet.

Eine derartige Einrichtung, die zu einem indirekt wirkenden Regulator von Platt Brothers gehört, sei noch in Fig. 78 angeführt. Von dem durch den Regulator angetriebenen Sandbaume gelangt das Gewebe zu dem Warenbaume W, auf dessen Achse ein Schneckenrad aufsitzt. Die zugehörige Schnecke empfängt die Bewegung von dem auf ihrer Achse aufgekeilten Schaltrade S, und dieses wird durch die Klinke k betätigt. Diese Klinke ist an einem auf der Schneckenradachse lose sitzenden Hebel befestigt und wird durch einen Gewichtszug Q stets im Sinne der Warenaufwickelung zu senken gesucht. In dem Masse, in welchem Ware nachgeliefert wird, findet auch dieses Senken und dadurch ein Aufwickeln derselben statt; bei Erreichen ihrer Tiefstlage wird durch den am Ladenprügel P befestigten Hebel H ein neuerliches Hochstellen der Zugklinke erzielt und dadurch die stete Wirkungsfähigkeit des Schaltwerkes hervorgebracht.

(Fortsetzung folgt.)

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