Titel: Die Neuanlage des Königlichen Materialprüfungsamtes in Gross-Lichterfelde, West.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1904, Band 319 (S. 588–591)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj319/ar319165

Die Neuanlage des Königlichen Materialprüfungsamtes in Gross-Lichterfelde, West.

Von K. Memmler, ständiger Mitarbeiter des Kgl. Materialprüfungsamtes.

(Fortsetzung von S. 564 d. Bd.)

Ueber die einzelnen Abteilungsbetriebe mit ihren Sondereinrichtungen sei folgendes berichtet.

Textabbildung Bd. 319, S. 588

Die Räume der Abteilung 1 für Metallprüfung sind, soweit sie im Hauptgebäude Hegen, aus dem Plan Fig. 15 zu ersehen. Ferner gehören zu der Abteilung 1 der Fallwerksschuppen E (Fig. 1, S. 506) und der Raum für Dauerversuche, welcher die Hälfte des Gebäudes W einnimmt.

Im Gebäude Ml (Fig. 15) liegen die Verwaltungsräume der Abteilung, Vorsteher-, Mitarbeiter- und Assistentenzimmer, sowie Technisches Bureau, Probeneingang und Belagprobenraum, Raum für Reibungsversuche mit Schmierölen und ein grosses Laboratorium für feine Messungen. In letzterem sollen noch zu beschaffende Präzisions-Prüfungsmaschinen Aufstellung finden; untergebracht sind daselbst bereits die feineren physikalischen, elektrischen und hydraulischen Messvorrichtungen, wie der Ritzhärteprüfer nach Martens2), ein grosser Zeiss scher Komperator, Zeisssche Mikroskopeund Dickenmesser, analytische und chemisch-technische Wagen, ein neuer Härteprüfer, der nach dem bekannten Brinellschen Grundsatze von Martens entworfen wurde (Fig. 16), ferner Glühöfen, Kältebäder, Pyrometer und das bereits erwähnte Stückrathsche Wagemanometer (bis 600 atm); in Aussicht genommen ist ferner für diesen Raum die Aufstellung eines Satzmanometers bis 1000 atm, falls die erwähnten Vorversuche mit dem Versuchsquecksilbermanometer befriedigen.

Textabbildung Bd. 319, S. 588

Zu dem Härteprüfer (Fig. 16) sei noch bemerkt, dass mit ihm die Eindrucktiefe von Stahlkugeln in die zu prüfenden Materialien als Vergleichs-Maasstab für die Härte festgestellt werden soll; das Versuchsstück wird durch die kleine hydraulische Presse a gegen die im oberen Widerlager b liegende Stahlkugel c gepresst. Entsprechend der Eindrucktiefe der Kugel in die Probe wird das Zeigerwerk e durch das auf der Probe ruhende Stück f betätigt. Die Belastung (Pressdruck mal Kolbenfläche) ist am Manometer d abzulesen.

Im Raum für Reibungsversuche mit Schmierölen sind drei Schmierölprobiermaschinen von Martens in der bekannten Ausführung3) der deutschen Waffen- und Munitionsfabriken in Karlsruhe aufgestellt, die durch besonderen Elektromotor betrieben werden. Die Transmissionen und das Motorfundament sind zur Schalldämpfung auf Korkunterlagen gestellt.

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Die eigentlichen Versuchsstätten der Abteilung liegen in den Hallen Mv. Im Raum 125, der von einem elektrisch betriebenen Laufkran mit 7,5 t Tragfähigkeit bestrichen wird, ist zunächst die von Charlottenburg überführte liegende hydraulische 500 Tonnen Prüfungsmaschine mit einigen unerheblichen Abänderungen wieder aufgebaut. Sie gestattet die Ausführung von Zugversuchen mit Probenlängen bis zu etwa 17 m und von Druckversuchen bis zu etwa 15 m.

Textabbildung Bd. 319, S. 589
Textabbildung Bd. 319, S. 589
Textabbildung Bd. 319, S. 589

Ebenfalls aus dem alten Betriebe überführt und im Raum No. 125 aufgestellt ist die von Becker, Reinickendorf, erbaute grosse Drehfestigkeitsmaschine (Fig. 17) für Drehmomente bis zu 10000 m/kg. Die Kraftmessvorrichtung, bestehend aus Hebel, Messdose und Manometer kann je nach der Länge des zu prüfenden Stückes auf den im Fussboden des Raumes verankerten U-Eisen angebrachtwerden. Um auch sehr lange Stücke bis zu 10 m Länge prüfen zu können, sind auch im Freien weitere Verankerungen angeordnet.

Am Nordende der Halle sind der bereits erwähnte Kontrolstabprüfer (s. Fig. 15), die Manometerkontrolstelle 15 sowie das Versuchsquecksilbermanometer untergebracht; ferner die aus Charlottenburg überführte Vorrichtung zur Prüfung von Torpedokesseln und eine neue Einrichtung zur Prüfung von stählernen Gasflaschen auf inneren Druck. Die Gasflaschen werden an die Druckleitung angeschlossen, in einen gusseisernen Behälter, der durch den Fussboden in den Kellerraum hineinragt, eingebaut und das Aussengefäss nach dem Füllen mit Wasser luftdicht verschlossen (Fig. 18). Der Innendruck in der Gasflasche wird durch Manometer gemessen, die Formänderungen der Flasche durch Bestimmung der Mengen des aus dem Aussengefäss verdrängten Wassers. Bei kleinen elastischen Formänderungen der Flasche treibt das verdrängte Wasser einen Quecksilbertropfen in einem Glaskapillarrohr vor sich her, dessen Bewegung auf einer darunterliegenden Skala abgelesen werden kann. Bei grösseren Formänderungen nach Ueberschreiten der Flussgrenze erfolgt die Messung mittels Pipetten.

Textabbildung Bd. 319, S. 589

In dem nebenanliegenden Raum No. 134, der gleichfalls von einem elektrisch betriebenen Laufkran mit 3 t Tragfähigkeit bestrichen wird, ist bei 16 die neu beschaffte, von A. Borsig in Tegel gelieferte, hydraulische |590| Rohrprüfungsmaschine aufgestellt, mit der Rohre bis zu 4 m Baulänge und bis zu 1,3 m Durchmesser auf inneren und äusseren Druck, sowie Brückenpfeiler, Konstruktionsteile, Schornsteinmauerwerkskörper auf Druck- und Knickfestigkeit mit Belastungen bis 600000 kg geprüft werden können. Die Maschine (s. Fig. 19) ist stehend angeordnet und in einer Grube von etwa 5 m Tiefe aufgestellt. Die obere Traverse, die als Abdichtplatte oder Druckplatte dienen kann, ist in Kugellagern drehbar an der linken Stützsäule so befestigt, dass sie beim Einbau der Probekörper, der mittelst des Kranes von oben her erfolgt, zur Seite gedreht werden kann. Als unteres Widerlager dient der hydraulische Zylinder, der durch geteilte Ringe in beliebiger Höhe an den beiden seitlichen Säulen festgelegt werden kann. Bei Prüfung von Rohren auf äusseren Druck werden die in der Zeichnung angedeuteten Stahlgussrohre um das Versuchsstück herum zwischen den beiden Widerlagern eingebaut. Alle Abdichtungen geschehen durch Gummimanschetten.

Textabbildung Bd. 319, S. 590
Textabbildung Bd. 319, S. 590
Textabbildung Bd. 319, S. 590

Im Raum 134 haben ferner Aufstellung gefunden: eine neue von der Maschinenbaugesellschaft Nürnberg gelieferte Werdermaschine No. 3 für 100000 kg Kraftleistung und zwei 50000 kg-Maschinen Bauart Martens, No. 6 a u. 6 b, von der gleichen Firma geliefert. Ferner drei von H. Ehrhardt-Düsseldorf gelieferte Pohlmeyermaschinen, zwei für 50000 kg No. 5 a u. 5 b, eine für 100000 kg Kraftleistung No. 4, eine 5 t Martens-Maschine,eine 1 t Rudeloff-Maschine, sowie Pressen für technologische Biegeproben. Die grösseren Maschinen haben gegenüber ihrer früheren Ausführung Aenderungen erfahren, deren Erwähnung im einzelnen an dieser Stelle indessen zu weit führen würde.

Bei der Umkonstruktion der Einspannvorrichtungen ist in erster Linie Einheitlichkeit und die Möglichkeit, die gleichen Teile in allen Maschinen verwenden zu können, angestrebt worden. Neubeschafft ist die von Rudeloff angegebene Vorrichtung zum Einspannen von Ketten zwischen zwei drehbaren Stützen (Fig. 20), ähnlich den feststehenden Widerlagern bei Kettenprobiermaschinen,

Zum Messen der Formänderungen dienen Zeiger- und Rollenapparate, sowie Spiegelapparate von Bauschinger und Martens, die Längenänderung von 0,0001 mm zu beobachten gestatten.

Textabbildung Bd. 319, S. 590

Der Martens-Kennedy-Apparat (Fig. 21) hat sich bei der Uebersetzung von 1 : 100 besonders geeignet erwiesen zur Bestimmung der Streckgrenze nach der Grösse der bleibenden Dehnung bei Material ohne ausgeprägtes Fliessen. Eingerichtet ist er für Stäbe von 10 mm Durchmesser.

Im Vorraum No. 138 sind zwei grosse Dampftrockenschränke zum Trocknen von Holzproben usw. sowie Glühöfen aufgestellt.

Die Einrichtungen des Fallwerksschuppen E sind von der Firma E. Becker, Reinickendorf, zum Teil von Charlottenburg überführt, zum Teil neu geliefert worden. Sie umfassen ein grosses Fallwerk zur Prüfung von Eisenbahn- und Konstruktionsmaterialien4) für Fallhöhen bis zu 10 m und Fallbären bis zu 1000 kg; ein Martens sches Fallwerk für Fallhöhen bis 5 m mit allen Hilfseinrichtungen |591| zur Ausführung von Schlagzug-, Scher-, Loch-Beulungsversuchen versehen, und zwei Schlagdauerversuchsmaschinen zur Ausführung von Dauerversuchen mit Seilen und zur Prüfung von Eisenbahnschottermaterialien nach dem Verfahren von Rudeloff5).

Die beiden erstgenannten Fallwerke haben neue von Becker konstruierte Windewerke mit elektrischem Antrieb erhalten.

Neu aufgestellt ist ferner ein nach Entwurf von Rudeloff gebauter Pendelhammer, Fig. 22. Er soll hauptsächlich zur Ausführung von Schlagbiegeversuchen mit eingekerbten Proben und mit Gusseisen benutzt werden. Die Proben werden hierzu in dem schweren, im Fussboden verankerten Schraubstock eingespannt und mit dem an einem leichten Holzgestänge befestigten Hammer geschlagen. Die Fallhöhe wird so gewählt, dass die Probe mit einem Schlage sicher zum Bruch kommt. Um hierbei die überschüssige, zum Bruch der Probe nicht aufgebrauchte Arbeit zu ermitteln, wird festgestellt, wie weit der Pendelhammer nach dem Bruch der Probe über die senkrechte Lage hinausgeht. Hierzu ist auf der Schwingungsachse des Hammers links ein Zeiger mit Reibung aufgeklemmt. Bei ruhig hängenden Hammer wird er gegen einen festen Anschlag gestellt; er steht dann über dem Nullpunkt der Kreisbogenteilung, zeigt also beim Anheben des Hammers dessen Ausschlag oder Hubhöhe an. Schwingt der Hammer über die Nullage hinaus, so wird der Zeiger durch den Anschlag um den Durchschlagswinkel auf der Schwingungsachse gedreht, so dass der Stellung des Zeigers nach dem Versuch der Durchschlagswinkel oder die überschüssige Arbeit abgelesen werden kann.

In dem Dauerversuchsraum werden eine Anzahl der alten Wöhlerschen Dauerversuchsmaschinen wieder aufgestellt werden. Daneben wird jedoch eine grosse aus Reichsmitteln beschaffte Anlage von zwanzig Dauerversuchsmaschinen Aufstellung finden, mit denen zunächst Dauerzug- und Druckversuche mit Material für Dampfrohre im erhitzten Zustande ausgeführt werden sollen.

Für den hydraulischen Betrieb dieser Maschinen dient ein besonderes, durch Elektromotor betriebenes Pumpwerk mit Gewichtsakkumulator für 200 atm Betriebsdruck. Die Messung der Zug- und Druckkräfte geschieht durch Messdosenach Seller scher Bauart, Fig. 23. Die Messdosenmanometer sind als Zeigermanometer ausgebildet; ihr Zeiger schliesst in der Null- und Höchstellung, die je nach der beabsichtigten Belastung eingestellt werden kann, einen elektrischen Strom, durch den die selbstätige Vor- und Umsteuerungen betätigt werden.

Die Maschinen sind ausserdem mit Zählwerken zur Hubzählung, mit Schreibmanometern zum Aufschreiben des Höchstdruckes sowie mit Stundendruckwerken, die selbsttätig Tag und Stunde des Betriebes aufdrucken, versehen.

Für die Erwärmung der Probestäbe sind elektrische Heizvorrichtungen vorgesehen. Die Oefen bestehen in drei von einander getrennten Abschnitten aus Porzellanröhren, die mit Platinbandspirale umwickelt und mit dickwandiger Chamotteisolierung umgeben sind. Die Wärme ist in jedem der drei Ofenabschnitte für sich regulierbar. Die Wärmemessung geschieht durch Le Chateliersche Pyrometer, die nacheinander auf die einzelnen Ofenabschnitte geschaltet werden können und die im mittleren Ofenabschnitte herrschende Wärme selbsttätig aufschreiben. Für später ist noch die Aufstellung von Dauerversuchseinrichtungen für Versuche mit fortwährendem Wechsel von Be- und Entlastung auf inneren Druck bei verschiedenen Wärmegraden mit Rohrabschnitten solcher Materialien, die für Dampfrohrleitungen Verwendung finden, geplant. Die Versuche sollen ebenfalls im Auftrage der Reichsverwaltung ausgeführt werden. Die nach Plänen von Rudeloff schon in Charlottenburg begonnenen Dauerversuche mit stark erwärmtem, von heissem Oel durchflossenen Kupferröhren unter Biegungsbeanspruchung sollen hier ebenfalls fortgesetzt werden. Die Rudeloffsche Einrichtung veranschaulicht Fig. 24. Die Proberohre a sind in beweglichen Lagern gelagert und an den Enden b durch Federn e auf Biegung beansprucht. Durch Schnurscheiben f werden sie ständig gedreht, so dass die Zug- und Druckspannungen wechseln. Das Durchfliessen des heissen Oeles nach c a d wird durch eine Heizvorlage nach Art der Warmwasserheizungen bewirkt.

Um der Abteilung für Metallprüfung auch die Möglichkeit zu bieten, wie bisher Festigkeitsversuche mit Konstruktionen (Treppen u. dergl.) im Freien auszuführen, sind die sämtlichen Betriebsmittel, wie Wasserleitung, Hochdruckleitung, Gas, Elektrizität in besonderem Stichkanal bis in die Mitte des Hofes zwischen Werkstattgebäude und Versuchshalle geführt.

(Forts. folgt).

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Martens. Materialienkunde Abs. 357 u. 358.

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Mitteilungen 1890 S. 1. Martens „Materialienkunde“ Abs. 556.

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Erbaut von Maschinenfabrik „Cyklop“ Berlin nach Entwurf von R. Cramer unter Berücksichtigung der Vorschriften des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen und des Internationalen Verbandes zur Vereinheitlichung des Prüfungsverfahrens.

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Mitteilungen aus den Königl. Techn. Versuchsanstalten. 1897. Heft 6, S. 279.

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