Titel: Dampfturbine von 11000 PS.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1904, Band 319/Miszelle 2 (S. 430–431)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj319/mi319mi27_2

Dampfturbine von 11000 PS.

Amerika, das Land der „unbegrenzten Möglichkeiten“, scheint sich den Ruhm nicht streitig machen zu lassen, die grössten und stärksten Kraftmaschinen zu besitzen. Nicht allein mit Wasser-, auch mit Dampfturbinen ist man dort bestrebt, „zu sammeln, unerschlafft, im kleinsten Punkte die höchste Kraft“.

Nachdem die Parsons-Turbine sich in Amerika einmal eingeführt hatte, ging die Entwicklung dieser Dampfturbine, sowohl hinsichtlich der Form wie der Kraftleistung, sehr schnell vor sich.1) Die Westinghouse-Company hat sich die Fabrikationsrechte dieser Type für die Vereinigten Staaten gesichert; die von dieser Firma vor etwa fünf oder sechs Jahren gebauten Dampfturbinen zum Antrieb von 400 Kilowatt Wechselstrom-Generatoren leisteten 600 PS. Die Vorteile der Dampfturbinen die sich beim Betrieb dieser ersten Maschinen ergeben hatten, waren so augenfällig, dass die Firma nicht zögerte, die Leistungsfähigkeit zu steigern und Motoren für 7500 PS nominale Leistung auszuführen.

Die neuerdings im Bau befindlichen 11000 PS grossen Dampfturbinen, die in mehreren Exemplaren für verschiedenartige Verhältnisse konstruiert werden, sollen in der Kraftleistung den grossen Dampfmaschinen ebenbürtig sein und diesen gegenüber |431| noch die Vorteile gedrängter Anordnung bei gefälliger Konstruktion vereinigen.

Diese 11000 PS-Dampfturbinen (Fig. 1) sind für die Kraftzentrale der neuen Pennsylvania-Tunnel-Eisenbahn von Jersey City nach Long Island bestimmt und sollen die Kraft für die elektrischen Lokomotiven der grossen Züge liefern, die aus dem Westen zur Endstation führen; gleichzeitig dienen diese Dampfturbinen zum Betriebe der von derselben Station aus betriebenen Vorstadtbahn.

Textabbildung Bd. 319, S. 431

Für die Kraftstation der gegenwärtig in Ausführung begriffenen Philadelphia Rapid Transit-Subway-Linie werden ebenfalls drei vollständige Einheiten von 500 Kilowatt gebaut. Acht weitere Turbinen mit zusammen 88000 PS sollen die Londoner Untergrundbahn versorgen, während drei Rotoren zu je 5000 PS für das Strassenbahnnetz daselbst in Arbeit sind.

Alle diese Turbinen haben einen wirksamen Dampfdruck von 174 Pfund a. d. Quadr.-Zoll (12,2 Atm.) bei 100–175 ° Ueberhitzung und arbeiten mit dem der Parsons-Westinghouse Dampfturbine eigenen hohen Vacuum.

Besonders treten bei diesen grossen Einheiten die Vorteile der Raumersparnis an Bodenfläche hervor; trotz der höchsten Leistung von 11000 PS beträgt der beanspruchte Raum nur 13 3'' × 27'8'' (4,04 × 8,43 m); auf 1 Quadr.-Zoll Bodenfläche käme somit eine Leistung von 30 PS, wenn die höchste Belastung von 11000 PS der Rechnung zugrunde gelegt wird. Die Ersparnis an Raum hat auch eine solche an Bewegungsgetrieben zur Folge; Parsons Dampfturbinen erfordern nur den vierten Teil des Raumes einer modernen, aufrechten, direkt gekuppelten Kolbendampfmaschine von gleicher effektiver Leistung. Bei Einheitenvon 1000 elektrischen PS verhält sich der beanspruchte Raum wie 1 : 10.

Die Maschine arbeitet mit der für eine Dampfturbine niederen Geschwindigkeit von 750 Umdrehungen in der Minute. Auf der einfachen, in zwei Teilen gegossenen und durch Schrumpfringe verbundenen Bodenplatte sind die Lagerböcke, das Generator-Gehäuse und der Turbinenkörper aufgesetzt; eigenartig ist, dass keine hin- und hergehenden Teile vorhanden sind, die das Gleichgewicht der Maschine stören, ferner, dass die Bodenplatte selbst nicht durch Bolzen usw. befestigt ist, sondern dass deren Unbeweglichkeit lediglich von ihrem Gewicht abhängt.

Wie die Bodenplatte, ist auch das Gehäuse in zwei Teilen gegossen. Die Welle hat an den Lagerstellen 15'' (381 mm) Durchmesser. Auf dieser sitzt das Laufrad mit der grossen Anzahl Schaufeln.

Der Dampf wird allmählich durch ein selbsttätiges, schnellschliessendes Drosselventil, einen Filter und das Haupteinlassventil zugeleitet. Soll die Leistung um 50 v. H. der Belastung vergrössert werden, so wird der Dampf zur zweiten Etage der Turbine geleitet. Das Hauptventil steht mit einem kleinen Steuerventil in Verbindung, auf das der Regulator einwirkt.

Mittels Schnecke treibt die Turbinenwelle auf eine wagerechte Querwelle, die auf eine Oelpumpe wirkt, die das Oel zu sämtlichen Lagern liefert.

Wenn diese grossen Turbinen dieselben Ergebnisse liefern, wie die vorausgegangenen kleineren Einheiten, ist mit Sicherheit anzunehmen, dass der Dampfmaschine in der Dampfturbine eine ganz gewaltige Rivalin erwachsen ist, die bei elektrischen Kraftstationen rasch sich das Feld erobern wird.

(Ktm.)

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Aus: „Scientific American“ vom 19. März 1904.

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