Titel: Eingesandt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1904, Band 319/Miszelle 1 (S. 608)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj319/mi319mi38_1

Eingesandt.

Deutsches Tropen-Automobil.

Wegen Mangel an geeigneten Transportmitteln beschränkt sich heute der Verkehr in unseren tropischen Produktions- und Handelskolonien in Afrika fast ausschliesslich auf die Küstengebiete, während gerade nach dem Innern hin die Produktionsmöglichkeit des zuverlässigeren Regentrockencharakters und der Bodenverhältnisse halber zunimmt. Der gesamte Import und Export der deutschen Schutzgebiete beträgt heute etwa 250 Millionen Kilogramm im Werte von etwa 100 Millionen Mark.

In primitivster Weise vollzieht sich bisher der Transport auf den Köpfen der Neger, deren Arbeitskraft dadurch der produktiven Landwirtschaft verloren geht. Die Verwendung von Zugvieh ist wegen der zwischen Küste und dem weiteren Hinterlande vielfach vorkommenden Viehseuchen (Tsetsekrankheit und Texasfieber) vorläufig ausgeschlossen. Als Treibkraft für Fahrzeuge kommt also nur Dampfkraft oder Explosionsantrieb in Betracht. Für die Erschliessung von Deutsch-Ostafrika, Togo und Kamerun, die allein einen Flächeninhalt von über 1.500.000 Quadratkilometer umfassen, sind erst 80 Kilometer Eisenbahnen in Betrieb und weitere 380 Kilometer in diesem Jahre vom Reichstag bewilligt.

Die Zufahrt zu den Erschliessungsbahnen, namentlich aber die weitere wirtschaftliche Erschliessung der Kolonien drängt auf die Anlage eines planmässigen Automobilverkehrs hin. Die Ausfuhr beträchtlicher Mengen von Rohstoffen wie Baumwolle und sonstige Faserstoffe (Konsum Deutschlands rund 400 Millionen Mark), Palmkerne, Palmöl und sonstige Oelfrüchte (Konsum Deutschlands rund 200 Millionen Mark), Kautschuk, Nutzhölzer, Mineralien und ebenso der Plantagenprodukte, wie Kakao, Kaffee usw. hängt naturgemäss von einem billigen Transport nach der Küste ab. Die Konkurrenzfähigkeit von Stapelartikeln wie Baumwolle usw. auf dem Weltmarkte ist bei einer Berechnung mit dem Transport auf den Köpfen der Eingeborenen (durchschnittlich 1 M. f. d. Tonnenkilometer) gegenüber dem Eisenbahntransport (auf afrikanischen Bahnen durchschnittlich 30 Pfg. f. d. Tonnenkilometer) oder einem Automobiltransport so gut wie ausgeschlossen.

Neben der Bedeutung einer wenigstens teilweisen Unabhängigkeit hinsichtlich des Bezugs nationalwichtiger Rohstoffe und Produkte vom Auslande, fällt für das Mutterland der Absatz von heimischen Industrieerzeugnissen im Austausch mit den Ausfuhrprodukten ins Gewicht. Der höhere Wert der Einfuhrartikel würde dem Automobilverkehr besonders lohnende Frachten sichern.

Die offenkundige Rückständigkeit unserer Kolonien hinsichtlich des Transports und Verkehrs und die günstigen Aussichten des volkstümlichen Baumwollunternehmens in Ost- und Westafrika haben das Kolonialwirtschaftliche Komitee veranlasst:

die „goldene Medaille für Kolonial-Maschinenbau“

für ein deutsches Tropenautomobil auszusetzen.

Das deutsche Tropenautomobil soll den folgenden Anforderungen entsprechen:

Eigengewicht des Automobils bis zu 2000 kg, Tragfähigkeit des Wagens 2000 kg, Geschwindigkeit 5 km bezw. 8 km bezw. 12 km in der Stunde, je nach den Wegeverhältnissen, Ueberwindung von Steigungen von 1: 8. Zuverlässiges Fahren auf Wegen, die in Deutschland als gewöhnliche Landwege bezeichnet werden. Solideste Konstruktion. Gegen das heisse Tropenklima wenigst empfindlicher Motor. Einfachster Betrieb und Bedienung.

Die Kosten für Herstellung des Fahrzeuges, sowie Reparaturen während der Versuche und für den Führer trägt die Fabrik, dagegen übernimmt das Komitee den Schiffstransport von Hamburg nach der Kolonie Ostafrika oder Togo und evtl. zurück. Die Prüfung des Fahrzeuges erfolgt in der Kolonie durch eine von dem Komitee ernannte Kommission unter dem Vorsitz des Kaiserlichen Gouverneurs.

Die Anmeldung von Firmen, welche sich an dem Wettbewerb zu beteiligen beabsichtigen, nimmt das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee, Berlin, Unter den Linden 40r bis zum 1. Oktober 1904, entgegen.

Die Erschliessung unserer Kolonien durch geeignete Transportmittel ist nicht nur für die Kolonien selbst, sondern namentlich auch für den deutschen Handel und für die deutsche Industrie von ausschlaggebender Bedeutung. Gleichzeitig wird durch das Preisausschreiben unserer hochentwickelten Automobilindustrie Gelegenheit geboten, mit den Industrien der älteren Kolonialmächte zu konkurrieren, die, wie Belgien ebenfalls mit der Lösung Tropenautomobilfrage beschäftigt sind. Der Erfindung eines zuverlässigen Tropenautomobils ist ein volkswirtschaftliches und kolonialwirtschaftliches Verdienst von höchster Bedeutung beizumessen; sie würde der deutschen Industrie nicht nur in den deutschen Schutzgebieten, sondern voraussichtlich auch in allen Tropenländern ein neues grosses und lohnendes Absatzgebiet eröffnen.

Berlin, 26. August 1904.

Kolonial-Wirtschaftliches Komitee.

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