Titel: Zuschrift an die Redaktion.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1904, Band 319/Miszelle 2 (S. 720)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj319/mi319mi45_2

Zuschrift an die Redaktion.

(Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion).

Ueber die Beschaffenheit eines Baches, welches für Studierende des Eisenhüttenwesens geeignet ist.1)

In der Kritik über die erste Lieferung des dritten Bandes meines „Ausführlichen Handbuches der Eisenhüttenkunde“ sagt mein verehrter Kollege, Herr Prof. B. Osann in Clausthal: „Für Studierende ist das Werk nicht geeignet“.

Es würde, wenn dieses Urteil wahr wäre, das Werk einen seiner beiden Hauptzwecke, einerseits dem Studierenden als Leitfaden, andererseits dem praktischen Eisenhüttenmann als Nachschlagebuch zu dienen, verfehlen; es sei deshalb erlaubt, ein Wort gegen diese Kritik zu sprechen, welches hoffentlich dazu beiträgt, dass die Studierenden nicht nur des Eisenhüttenfaches, sondern der gesamten Technik das Werk in gleichem Umfange, wie bisher,2) auch ferner zu ihrem Vorteile benutzen.

Ein guter Lehrer der Eisenhüttenkunde, der sein Fach beherrscht, brauchte überhaupt seinen Zuhörern kein gedrucktes Werk zu empfehlen, wenn zwei Dinge zuträfen, erstens, dass seine Zuhörer stets regelmässig erschienen, zweitens, dass er soviel Vorlesungsstunden zu Gebote hätte, um das Feld erschöpfend zu behandeln. Mit Recht verlangen zwar gegenwärtig die praktischen Eisenhüttenleute nicht nur eine Vertiefung, sondern auch eine grössere Ausdehnung des Studiums in den Hilfswissenschaften, namentlich der Chemie, der physikalischen Chemie und den praktischen Arbeiten im chemischen und im mechanischen Laboratorium; trotzdem haben sie sich in ihren Vorschlägen auf eine für einen ausführlichen oder erschöpfenden Vortrag aller Zweige des Eisenhüttenwesens durchaus unzureichende Stundenzahl beschränkt und ganz mit Recht, sonst würde das Studium nicht vier, sondern acht Jahre erfordern. Das ist nicht Aufgabe der Hochschule. Hier soll der Studierende einen Einblick und einen Ueberblick über das ganze Gebiet erhalten, welcher ihn befähigt, das Gelernte später nach allen Richtungen hin anzuwenden.

Ich möchte hier allerdings bemerken, dass ich ein Gegner der Dressur bin, welche z.B. den Maschinenbauer in ein eng begrenztes Gebiet einzwängen will, um ihn als anscheinend vollendeten Konstrukteur aus der Hochschule hervorgehen zu sehen; ich bin daher ebenso dagegen, den Eisenhüttenmann etwa nur als Hochofen-, als Walzwerks-, als Bessemer- oder Martinbetriebsbeamten auszubilden. Er soll vielmehr auf der Hochschule alle Zweige kennen und die Theorie beherrschen lernen, die Praxis findet sich von selbst in der Praxis.

Unter den in Deutschland herausgegebenen Schriften werden, abgesehen von Zeitschriften, meines Wissens drei auf Hochschulen von den Studierenden bevorzugt. Dies sind: 1. mein „Grundriss der Eisenhüttenkunde“ (4. Auflage), 2. Ledeburs „Handbuch der Eisenhüttenkunde“ (4. Auflage), 3. mein „Ausführliches Handbuch der Eisenhüttenkunde“ (2. Auflage).

Sehen wir, wie sich diese drei Werke unterscheiden und welchen Nutzen sie für den Studierenden schaffen:

Mein Grundriss soll nicht mehr als ein Leitfaden beim Unterricht sein; in ihm sind keine Beweise geführt, keine Literaturquellen angezogen, keine Berechnungen, keine Tabellen enthalten.Der Studierende, der daraus, ohne die Vorlesungen zu hören, sein ganzes Wissen schöpfen wollte, würde schwerlich nur das erlernen, was zum Bestehen einer Prüfung nötig ist. Dagegen soll der Studierende die Kapitel, über die, wie er weiss, in der nächsten Vorlesung vorgetragen wird, vorher durchlesen, dann in der Vorlesung, die ich stets vollkommen frei, nicht nach Konzept oder dergl. halte, sich nur Notizen machen, sonst aber dem Worte des Lehrers sein Ohr leihen, endlich nach der Vorlesung diese Notizen an der Hand des Grundrisses ausarbeiten und dann seinen Lehrer um das, was er nicht ganz begriffen hat, fragen.

Das zweite Werk, das vorzügliche Lehrbuch meines Kollegen in Freiberg, des Herrn Prof. Ledebur, ist weit umfassender. Der Studierende, der irrigerweise nicht auf das lebendige Wort seines Professors den nötigen Wert legt, kann daraus auch ohne Kolleg alles für ihn vor dem Austritt aus der Hochschule Nötige lernen, wenn er die vortrefflich angeordneten Kapitel über die einschlägige Literatur nicht nur ansieht, sondern diese Literatur auch nachschlägt. Allein das erfordert viel Zeit und zur Ausübung einer Kritik ist er ohne Hilfe seines Professors ebenfalls nicht imstande. Ich trage niemals Bedenken, meinen Zuhörern auf Anfrage auch dieses Werk zu empfehlen, wenngleich natürlich die Disposition nicht der meiner eigenen Vorlesungen angepasst ist und ich aus diesem Grunde meinen Grundriss bevorzuge.

Und doch reicht auch dieses Werk nicht für den Studierenden aus, sobald er sich selbst überlassen ist, sich für eine leitende Stelle im Eisenhüttenfach ausbilden will oder eine grössere Prüfungsarbeit auszuführen hat, wie sie doch jedes Eisenhütteningenieur-Diplomexamen erfordert, sowohl als Melde-, wie als aufgegebene Arbeit. Dann tritt die Notwendigkeit an ihn heran, zuerst gründlich das durchzustudieren, was bisher über den betr. Gegenstand gearbeitet worden ist. Ich hoffe, er findet in meinem ausführlichen Lehrbuche das, und dabei noch am Schlusse jedes Kapitels eine Kritik, welche ihn befähigt, sich ein eigenes Urteil zu bilden, falls ihn dazu nicht schon das Hören der Vorlesungen befähigt hat.

Hier findet er auch die Anleitung zur Ausführung von Analysen und Berechnungen aller Art, welche er naturgemäss nur zum kleinen Teil in der Eisenprobierkunst, in den Uebungen im Entwerfen usw. erlernen kann.

Man hat dem Werke wohl den Vorwurf gemacht, dass es zu weit in Altes zurückgeht. Ich glaube das nicht. Es ist z.B. kein Verfahren geeigneter, die Theorie der Frischprozesse zu lehren, als das Herdfrischen. Neulich bin ich in England gewesen und habe einen ganzen Eisendistrikt gefunden, in dem (bis auf einen im Bau befindlichen Hochofen) alle Hochöfen mit offener Gicht und Gasentziehung durch Pfortsche Zylinder arbeiteten. Man darf daher nicht nur das Neueste und Modernste behandeln.

Dies sind meine Erfahrungen in der langen Zeit von 82 Semestern, in denen ich Eisenhüttenkunde vorgetragen habe, und ich hoffe, dass diese Worte einerseits die studierende Jugend dazu anleiten werden, nach wie vor mein umfangreiches Werk zu benutzen, welches ich mit der stets freundlichen Unterstützung meines Herrn Verlegers noch zu vollenden hoffe, andererseits Herrn Osann, der erst die Erfahrung weniger Lehrsemester für sich hat, anregen werden, ebenfalls an der Hand dieses Werkes die Studierenden für das praktische Leben vorzubereiten.

Im September 1904.

Professor Dr. H. Wedding

Geh. Bergrat.

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Vergl. Bücherschau, 1904, 319, S. 544.

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Die vielfachen Exemplare dieses Buches in den Bibliotheken der technischen Lehranstalten Berlins sind fast unausgesetzt sämtlich in den Händen der Studierenden.

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