Titel: Die neuen deutschen Linienschiffe der „N“-Klasse.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1904, Band 319/Miszelle 1 (S. 764–766)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj319/mi319mi48_1

Die neuen deutschen Linienschiffe der „N“-Klasse.

Mit unserem neuen Linienschiff N, am 19. d. M. auf der Germania-Werft in Kiel vom Stapel gelassen und „Deutschland“ getauft, ist der Bau einer neuen Schlachtschiffsklasse begonnen, der als vervollkommneter „Braunschweig“1)-Typ bezeichnet werden kann und wieder für die ruhige, stetige Weiterentwicklung des deutschen Linienschiffsbaues seit der „Wittelsbach“-Klasse ein charakteristisches Beispiel bietet (vergl. Tabelle).

Die wesentlichsten Abweichungen, des in seinen Abmessungen mit der „Braunschweig“ übereinstimmenden neuen Typs sind der Fortfall der vier Türme für die Mittelartillerie, an deren Stelle vier 17 cm S.-K.2) in Einzelkasematten getreten sind, die teilweise Verstärkung und Erweiterung des Panzerschutzes und die Erhöhung der Antitorpedobootsartillerie von XII auf XXII 8,8 cm. S.-K., zu derengunsten die 3,7 cm Masch.-Kanonen und 8 mm Masch.-Gewehre bis auf je vier Stück vermindert sind.

Textabbildung Bd. 319, S. 764

Die Verbesserungen an der Panzerung sind folgende: Der Gürtelpanzer ist von 225 auf 240 mm, der auf diesen aufgesetzte Zitadellpanzer von 150 auf 205 mm und der darauf stehende Kasemattpanzer von 150 auf 170 mm verstärkt sowie auf eine grössere Länge ausgedehnt. Hierdurch wird einmal erreicht, |765| dass die einzelnen 17 cm Geschütze weiter auseinander stehen, daher ein Treffer die benachbarten Geschütze weniger leicht ausser Gefecht setzen kann, und zum anderen, dass ein grösserer Teil der Schiffsaussenfläche gepanzert ist, Was nach den Erfahrungen bei den letzten Seekämpfen in Ost-Asien als besonderer Vorteil anzusehen ist.

Das Mehr an Gewicht für die Panzerung dürfte sich zum Teil aus leichterer, rationellerer Bauart von Schiffskörper und Maschinenanlage, zum Teil aus der bei den vier Einzelkasematten gewonnenen Gewichtsersparnis ergeben haben.

Die gesamte Anordnung der Panzerung und die Aufstellung der Artillerie geht aus der hier wiedergegebenen, dem „Nauticus 1904“ entnommenen Skizze des neuen Linienschiffes hervor.

Im Vergleich zu den meisten ausländischen Schlachtschiffen, die sich jetzt im Bau befinden, nimmt auch der neueste deutsche Typ eine verhältnismässig bescheidene Stellung ein. Die grösseren Seemächte, wie England, die zur See ausserordentlich schnell mächtig gewordenen Vereinigten Staaten, Russland und auch Frankreich leisten sich Schlachtschiffe von beträchtlich grösserem Deplacement und können dadurch naturgemäss stärker armierte und besser gepanzerte Schiffe zu stände bringen als die kleineren deutschen; diese sind deshalb aber keine schlechten Schiffe, vielmehr ist bei ihnen das Deplacement mindestens ebenso gut ausgenutzt als bei den grösseren ausländischen Schiffen.

Einen eigenartigen Linienschiffs-Typ baut zurzeit Italien. Mit einem um fast 6001 kleineren Deplacement als die deutschen neuen Schiffe wird anscheinend versucht, Schlachtschiff und Panzerkreuzer in einem Schiffstyp zu vereinen. Das

Textabbildung Bd. 319, S. 765

|766| italienische Schiff hat die Mittelartillerie und Panzerung eines Schlachtschiffes und die Geschwindigkeit eines Panzerkreuzers. Für ein Linienschiff auffällig schwach ist die schwere Artillerie von nur zwei 30,5 cm S.-K. und der Panzerschutz der gesamten Drehtürme. In dem Schiffstyp ist fraglos viel geleistet worden, ob er aber alle in ihn gesetzte Erwartungen erfüllen wird, dürfte erst seine praktische Verwendung ergeben.

Eines ist den Schiffen aller angeführten Seemächte im Gegensatze zu dem neuesten deutschen gemein: das Weiterschreiten in der Erhöhung der Kaliber der Mittelartillerie. Die vorstehende Zusammenstellung der wichtigsten Angaben über die neueren Schlachtschiffe lässt das deutlich erkennen. Es erscheint danach die Annahme berechtigt, dass der nächste deutsche Linienschiffstyp auch eine Mittelartillerie grösseren Kalibers als 17 cm erhalten und dazu eine gewisse Deplacementssteigerung nötig werden wird, die jedoch nicht zu der gewaltigen Wasserverdrängung der englischen, russischen und amerikanischen Schlachtschiffe der Gegenwart zu führen braucht.

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s. D. p. J. 1903, 318, S. 159.

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S.-K. Schnellade-Kanone.

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↓ Unterwasser-Torpedo-Lancierrohr.

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↑ Ueberwasser-Torpedo-Lancierrohr.

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