Titel: Das maschinen-technische Unterrichtswesen auf der Jubiläums-Landesausstellung in Nürnberg 1906.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1906, Band 321 (S. 769–772)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj321/ar321222

Das maschinen-technische Unterrichtswesen auf der Jubiläums-Landesausstellung in Nürnberg 1906.

Von Karl Drews, Ingenieur.

Einen besonders anziehenden Punkt der diesjährigen Landesausstellung in Nürnberg bildete die Unterrichtsausstellung im Gebäude des Bayrischen Staates.

Diese Ausstellung bezweckte, einen Ueberblick über das unter der Leitung der staatlichen Unterrichtsverwaltung stehende oder von ihr beaufsichtigte und unterstützte technische, realistische, gewerbliche und kunstgewerbliche Unterrichtswesen zu geben. Privatunternehmungen mit geschäftlichem Charakter waren nicht vertreten.

Die Ausstellung umfasste 16 Gruppen, die in 32 mehr oder minder grossen Räumen recht übersichtlich untergebracht waren.

Ein Sonderkatalog mit Grundrissplan erleichterte wesentlich die Besichtigung.

Von dem reichhaltigen ausgestellten Material soll hier in Hinblick auf die Mehrzahl der Leser dieser Zeitschrift nur dasjenige der maschinen-technischen Schulen besprochen werden.

Als Aussteller kommen dann in Betracht die Maschinenbauabteilung der technischen Hochschule in München, die vier Industrieschulen, mehrere Maschinenbauschulen, die Fachschulen für Handwerker und die Fortbildungsschulen.

Von den Schulen mit gleicher Organisation hatte immer nur eine den Typus des Lehrganges vollständig dargestellt; die anderen waren nur mit Einzelleistungen vertreten.

Besonders hergestellte Paradeleistungen waren streng untersagt.

1. Die Technische Hochschule in München.

Die Abteilungen für Maschinenbau und Elektrotechnik hatten eine reichhaltige Lehrmittelsammlung von Modellen und Photographien, Laboratoriumsapparate, und zur Illustrierung der konstruktiven und zeichnerischen Tätigkeit der Studierenden eine Anzahl von Skizzen und Studienzeichnungen aus den verschiedenen Gebieten des Maschinenbaues ausgestellt.

Der interessantere Teil dieser Ausstellung war zweifellos die Lehrmittelsammlung.

Diese enthielt eine grosse Anzahl sehr schön ausgeführter Modelle von Maschinenteilen, Arbeits-, Wasserkraft- und Dampfmaschinen teils in Naturgrösse, teils in verkleinertem Masstabe; einige im betriebsfähigem Zustande. Zu den Lehrmitteln gehörten auch verschiedene photographische Bilder in grossem Format von Maschinenteilen, z.B. Riderschieber in verschiedenen Ansichten.

Das mechanisch-technische Laboratorium hatte gleichfalls eine Reihe von Gegenständen, die sich auf Materialprüfungen und deren Methoden bezogen, ausgestellt.

Die Tätigkeit der Studierenden war, wie dies ja nicht anders möglich ist, durch Konstruktionszeichnungen und Skizzen (teils diese selbst in Mappen, teils deren Photographien unter Glasrahmen) veranschaulicht.

Von diesen Zeichnungen auf die Leistungen der einzelnen Studierenden schliessen zu wollen, wäre etwas gewagt; denn wie weit hier Vorbilder benutzt worden sind, lässt sich ja nicht nachweisen. Allerdings könnte der aufmerksame und sachkundige Beschauer auch von der Wahl der Vorbilder, von der richtigen Verwendung schon ausgeführter Konstruktionseinzelheiten für den vorliegenden Zweck auf die Urteilsfähigkeit und das technische Verständnis des betr. Studierenden schliessen.

Auf Seite 19 des Sonderkataloges wird darauf hingewiesen, dass die Studierenden bei ihren Konstruktionsübungen Anregung besser durch Modelle und Photographien ausgeführter Konstruktionen als durch Zeichnungen empfangen; weil in letzterem Falle leicht die Selbstständigkeit des Entwurfes leidet.

Dass eine solche Gefahr vielfach vorliegt, weiss ja ein jeder aus seiner eigenen Studienzeit; dies konnte man z.B. auch an einem der ausgelegten Blätter aus dem Lasthebezeugbau nachweisen, wo eine Sperradbremse ohne wesentliche Aenderungen aus den ebenfalls ausgelegten Skizzenbüchern des akademischen Ingenieurvereins entnommen war. Einige Studierende hatten sich auch im Bau von Dampfturbinen versucht. Interessant war ferner die Gegenüberstellung der Zeichnungen und Skizzen aus dem ersten Studienjahre bezüglich der Vorbildung der Studierenden, ob Gymnasium, Realgymnasium oder Industrieschule.

Dass durchschnittlich der Industrieschüler dem Gymnasiasten weit überlegen ist, kann natürlich nicht Wunder nehmen.

Aber jene Gegenüberstellung zeigt auch, dass der Absolvent eines Realgymnasiums demjenigen eines humanistischen Gymnasiums hinsichtlich der zeichnerischen Fertigkeit und des Raumvorstellungsvermögens immer noch überlegen ist.

Wer so recht Einblick darin haben wollte, wie viel noch für die Entwicklung des nicht nur für den Ingenieur, sondern auch für jeden Menschen so überaus wichtigen Anschauungsvermögens auf unseren Gymnasien zu tun bleibt, der brauchte nur die Mappe mit den Handskizzen der von einem Gymnasium kommenden Studierenden |770| durchzusehen. Es waren teilweise böse, sehr böse Sachen darunter.

2. Die Industrieschulen.

Da Schulen dieser Art nur noch in Bayern bestehen und ihre jetzige Organisation wohl in absehbarer Zeit verschwinden wird, um einer zweckmässigeren Platz zu machen, so erscheint ein näheres Eingehen auf die Eigenart, die Ziele und Leistungen dieser Anstalten auch im Rahmen dieses Berichtes wohl gerechtfertigt.

Die Industrieschulen sind Mittelschulen mit maschinen-, bau- und chemisch-technischen Abteilungen.

Sie unterscheiden sich nun von ähnlichen ausserbayrischen technischen Mittelschulen darin, dass ihr Lehrziel ein doppeltes ist. Sie bereiten nämlich ihre Schüler erstens in zwei Jahreskursen zur technischen Hochschule, zweitens in drei Jahreskursen unmittelbar für den Eintritt in die Praxis vor. Dieses ist so zu verstehen, dass dem Schüler die Wahl bleibt, nach zweijährigem Schulbesuch die Anstalt zu verlassen und zur Hochschule zu gehen, oder noch ein weiteres Jahr auf der Anstalt zu verbleiben.

Dieses dritte Jahr ist dann dem eigentlichen Fachstudium gewidmet.

Die Aufnahme erfolgt auf Grund des Reifezeugnisses einer sechsklassigen Realschule oder auf Grund einer entsprechenden Aufnahmeprüfung.

Die Berechtigung zum Studium an einer technischen Hochschule wird durch Ablegung einer Reifeprüfung erworben.

Die Schüler des dritten Jahreskursus können ebenfalls eine sogenannte Absolutorialprüfung ablegen.

Mit den Anstalten sind Lehrwerkstätten verbunden, deren Besuch für die Schüler der maschinentechnischen Abteilung obligatorisch ist.

Sie enthalten die hauptsächlichsten Metall- und Holzbearbeitungsmaschinen, eine Schmiede, eine Modellschreinerei und eine Giesserei.

Was bietet nun die Industrieschule ihren Schülern und welches ist deren Besitz an positiven Kenntnissen, wenn sie die Anstalt verlassen?

Wir müssen nach dem doppelten Lehrziel zwei Gattungen von Abiturienten unterscheiden: 1. die nach zweijährigem Kursus zur Hochschule übertreten, 2. die nach dreijährigem Kursus unmittelbar in die Privatpraxis eintreten.

Beide Ziele der Schule sind gleichwertig; nicht etwa, dass die vorbereitende Bildung für die technische Hochschule Hauptziel und die Vorbereitung für die Praxis Nebenziel ist, wenngleich die Anzahl der Schüler des dritten Kursus an den vier Industrieschulen zusammen im letzten Jahre nur 28 betrug, wovon auf die Nürnberger Schule allein 14 entfallen.

Dieses sowie das Folgende gilt nur für die maschinentechnische Abteilung; bei der bautechnischen Abteilung der Nürnberger Schule betrug im Schuljahre 1904/1905 die Schülerzahl im dritten Kursus 5 gegen 18 im zweiten Kursus.

Bei der Betrachtung des Lehrplanes müssen wir die Tätigkeit der Schüler in der mechanischen Werkstätte ausschliessen, da diese nur als ein Anhängsel, als ein Verlegenheitsprodukt betrachtet werden muss.

Der Unterricht in den beiden ersten Jahren ist in der Hauptsache allgemein bildender Natur, indem die Industrieschule nach dem Wortlaut ihres Programms den Zweck hat, die erziehliche Aufgabe der Realschule fortzusetzen.

An sprachlichen Fächern weist der Lehrplan auf: Deutsch, Französisch, Englisch. Dazu kommt noch Geschichte und Religion.

Die Stundenzahl für diese Fächer gegen diejenige für die naturwissenschaftlich-mathematischen und zeichnerischen scheint mir im grossen ganzen dem Zweck der Schule entsprechend richtig abgewogen zu sein.

Im ersten Jahre verhalten sie sich wie 12 : 19, im zweiten wie 1 : 2. Im dritten Jahre fallen natürlich die sprachlich-historischen Fächer ganz fort.

Dem eigentlichen Fachstudium auf der Hochschule ist durch den Unterricht in den Maschinenteilen und im Maschinenzeichnen vorgegriffen, wozu man auch wohl die Mechanik rechnen kann.

Dass eine solche Vorbildung für das Studium der technischen Wissenschaften wohl geeignet erscheint, kann ohne weiteres zugegeben werden.

Im Hinblick auf ihr erstes Lehrziel schliessen sich die Industrieschulen den anderen allgemeinbildenden Unterrichtsanstalten an; ein Vergleich mit den technischen Mittelschulen ist hier nicht angebracht.

Erst mit dem dritten Jahreskursus treten sie aus dem Rahmen allgemein bildender Anstalten heraus und ergreifen die Aufgaben der eigentlichen Fachschule.

Der Industrieschule als Mittelschule mit dreijährigem Kursus entspricht in Preussen die höhere Maschinenbauschule mit zweijährigem Kursus.

Denken wir uns die gesamte Unterrichtsdauer auf ein Semester zusammengedrängt, so erhalten wir für die Anzahl der Wochenstunden in den einzelnen Fächern an beiden Schulen folgende Zahlen:


Fach
Wöchentl. Stundenzahl
Preuss. höh.
Maschinen-
bauschule

Industrie-
schule
Mathematik 18 18
Physik u. physikalisches Praktikum 6 11
Chemie 4 0
Mechanik 17 6
Darstellende Geometrie 10 7
Elektrotechnik 9 22
Maschinenteile 11 8
Maschinenkunde 20 16
Zeichnen von Maschinenteilen 18 26
„ „ Werkzeugmaschinen 4 0
Konstruktionsübungen aus dem Gebiet
der Maschinenkunde

16

14
Bauzeichnen 6 5
Technologie einschl. Werkzeugma-
schinen und Hüttenkunde

12

6
Baukonstruktionslehre 6 2
Maschinentechnisches Laboratorium 8 4

Man sieht aus dieser Zusammenstellung, dass beide Anstalten bestrebt sind, ihren Schülern zum Eintritt in die Praxis ziemlich das gleiche technische Wissen, die gleiche fachliche Schulbildung zu geben.

Der Industrieschüler ist dem Schüler einer Maschinenbauschule hinsichtlich der sprachlichen Kenntnisse überlegen; er steht diesem aber weit nach in der praktischen Werkstattätigkeit, und das ist ein sehr schwerwiegender Mangel.

Die sprachlichen Kenntnisse kann man sich sehr wohl ausserhalb der Schule zum Teil schneller und besser erwerben. Die praktische Werkstattätigkeit nachzuholen, dürfte schon schwerer sein.

Die Lehrwerkstätten der Industrieschule bieten dafür weder in qualitativer noch in quantitativer Hinsicht auch nur annähernd einen Ersatz.

Von dem Schüler einer höheren Maschinenbauschule wird bei seinem Eintritt eine zwei- bis dreijährige Werkstattpraxis verlangt.

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Nehmen wir jährlich 300 Arbeitstage zu je 8 Stunden an, so gibt das 4800–7200 Arbeitsstunden.

Der Schüler einer Industrieschule arbeitet in den ersten beiden Jahren vier Stunden, im dritten Jahr sechs Stunden wöchentlich in den Schulwerkstätten. Da die jährlichen Ferien ungefähr 12 Wochen betragen, so hat der Schüler in den drei Jahren etwa 560 Arbeitsstunden auf seine praktische Ausbildung verwandt.

Aber diese Unzulänglichkeit der praktischen Tätigkeit besteht nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Beziehung. Lehrwerkstätten können niemals dem angehenden Ingenieur die Fabrikwerkstätte ersetzen.

Der Zweck der praktischen Tätigkeit ist für diesen ein ganz anderer als für den Handarbeiter; für den Handarbeiter ist die manuelle Fertigkeit die Hauptsache, und diese kann er sich sehr wohl in einer Lehrwerkstätte erwerben.

Für den Ingenieur oder Techniker tritt die manuelle Fertigkeit in hohem Masse zurück gegen höhere Gesichtspunkte wie allgemeine Kenntnis der Arbeitsmethoden, der Arbeitsvorgänge, der vorteilhaften Benutzung von Werkzeugmaschinen, der zur Verwendung kommenden Materialien usw.; alles Dinge, deren Kenntnis seine spätere schaffende Tätigkeit erst fruchtbar machen.

In den Lehrwerkstätten lernt der Eleve nur handwerksmässige Arbeitsmethoden, in den Werkstätten der Industrie aber fabrikmässige kennen.

Wohl muss der Eleve, wenn er seine Aufgabe recht erfasst, tüchtig mit zugreifen; „kid gloves are perfect nonconductors of technical knowledge“, sagte einst sehr hübsch ein hervorragender Ingenieur; aber die Hauptsache bleibt doch, dass jener sich an den Dunstkreis der Fabrikwerkstätte gewöhnt, sich gewöhnt, ein Ding nicht nur überhaupt herzustellen, sondern auch in der kürzesten Zeit und mit den geringsten Kosten herzustellen. Hier schon soll er die eminent wirtschaftliche Seite seiner späteren Tätigkeit erkennen; je fester er hier Wurzel schlägt, um so fruchtbarer wird sein späteres Schaffen sein. Lehrwerkstätten erfüllen diesen Zweck in keiner Weise. Ihr Nutzen steht in keinem Vergleich zu den Kosten, die sie dem Staat verursachen; sie sind nur ein Surrogat für die Fabrikwerkstätte.

Wohl steht es dem Abiturienten einer Industrieschule frei, vor dem Eintritt in die Praxis noch eine Zeitlang in einer Fabrikwerkstätte zu arbeiten. Aber ob dies viele tun werden, wage ich sehr in Zweifel zu ziehen; man müsste nicht den Widerwillen vieler unserer jungen Leute gegen körperliche Arbeit kennen. Zudem wird eine solche Beschäftigung von Jahr zu Jahr kostspieliger für die beteiligten Eltern. Alles in allem ist demnach die fachliche Ausbildung eines Abiturienten einer staatlichen Maschinenbauschule eben infolge der viel längeren Werkstattätigkeit eine bessere und zweckmässigere als diejenige eines Abiturienten einer Industrieschule. Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass die Ausbildung des ersteren vier Jahre gegen drei Jahre bei dem letzteren dauert.

Einen sehr grossen Vorteil besitzt indes die Industrieschule in der einheitlichen und zweckentsprechenden Vorbildung ihrer Schüler, ein Vorteil, der nicht in letzter Linie den Lehrern zugute kommt.

Wenden wir uns nun zu der Ausstellung der Industrieschulen.

Von den vier bestehenden Anstalten dieser Art gab die Nürnberger durch die ausgestellten Lehrer- und Schülerarbeiten, Modelle, Apparate usw. ein wohlabgerundetes Bild ihres Lehrganges, ihrer Lehrmittel und, soweit dies im Rahmen einer Ausstellung möglich ist, auch ein Bild ihrer Leistungen.

Jeder Jahreskursus hatte eine Anzahl von Zeichnungen ausgestellt.

Die Blätter des ersten Kursus enthielten Werkstattzeichnungen nach Modellen.

Mit der Auswahl der als Vorlage dienenden Modelle für diese Stufe kann man sich nur teilweise einverstanden erklären.

Ich halte wenigstens einen Proellschen Regulator, einen Dampfzylinder mit Steuerung u.a.m. in dem ersten Unterrichtsjahr, wo doch lediglich die zeichnerischen Fähigkeiten entwickelt, das richtige, sich eng an den Arbeitsvorgang anschliessende Einschreiben der Masse gelernt werden soll, für ungeeignet als Aufnahmeobjekte.

Der Schüler soll doch den Gegenstand, den er zeichnet, auch verstehen, über den Zweck jedes einzelnen Teiles der Konstruktion im klaren sein. Mit dem Sehen allein ist es noch nicht getan; der Schüler soll von vornherein schon wissen, was er an dem Gegenstand sehen muss, wenn die an und für sich mechanische Messarbeit bei einer Modellaufnahme sich zu einer geistigen Arbeit erheben soll.

Jeder Lehrer wird die Erfahrung gemacht haben, dass, wenn zehn Schüler ein und dasselbe Modell aufnehmen, die Aufnahmeskizzen auch zehn nach Formgebung und Abmessungen verschiedene Gegenstände aufweisen. Das Verständnis für das, was der Schüler an einem Gegenstande sehen muss, muss erst geweckt werden; das geschieht aber besser an einfachen als an vielfach zusammengesetzten Modellen.

Ob dieses Verständnis schon bei den Schülern, die die beiden obengenannten Blätter gezeichnet haben, vorhanden war, möchte ich füglich bezweifeln, zumal sie erst am Beginn ihrer praktischen Werkstattätigkeit standen.

Bei Verzahnungen ist stets ein besonders scharfes und genaues Zeichnen erforderlich.

Darauf schien mir bei einzelnen Blättern nicht die genügende Sorgfalt gelegt zu sein, denn an einigen Stellen musste den Zahnflanken Gewalt angetan werden, um nicht miteinander in Kollision zu kommen.

Der zweite Jahreskursus hatte Zeichnungen von Maschinenteilen ausgelegt von denen man wohl annehmen kann, dass einzelnes von den Schülern nach Angaben des Lehrers oder nach einem Vorbilde selbständig konstruiert worden ist. Auch dem Bereiche der Elektrotecknik waren einige Blätter entnommen, z.B. Bürstenhalter, Schalter, Messinstrumente usw.

Am meisten interessierten natürlich die Arbeiten des dritten Kursus, die uns, wenn nicht immer über das Können, so doch über die konstruktive und zeichnerische Tätigkeit der Schüler vor ihrem Eintritt in die Praxis Aufschluss gaben.

Bei der Beurteilung der Zeichnungen des dritten Kursus muss man stets das Lehrziel der Industrieschule als Fachschule im Auge behalten. Dieses ist die Fachausbildung von Technikern für die mittleren Stellen der Praxis. Von diesen wird in erster Linie verlangt, dass sie Einzelteile von Maschinen sachgemäss berechnen und entwerfen können.

Damit ist auch dem Konstruktionsunterricht an der Industrie- wie an jeder technischen Mittelschule Weg und Ziel gegeben.

Keine pompösen Entwürfe ganzer Maschinen oder gar Maschinenanlagen, keine Bilderstellerei! Dazu ist die Zeit viel zu knapp bemessen und zu kostbar.

Entsprechend den ihnen in der Praxis zufallenden Aufgaben sollten die Schüler hauptsächlich die Detaillierung von Maschinen durchführen. Saubere Zeichnung, richtige Formgebung, gewissenhafte und zweckmässige Masseintragung, sichere Rechnung und nicht zuletzt flottes Arbeiten sind die Tugenden, die der Industrielle in erster Linie an seinen technischen Hilfskräften zu schätzen weiss nicht „grosse Ideen“.

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Wer da weiss, wieviel Arbeit und Aerger das Fehlen dieser Eigenschaften bei seinen Hilfskräften dem Vorgesetzten bereitet, der wird es verstehen, wenn diese über die ungenügende Vorbildung des Nachwuchses klagen. Wohl ist es wünschenswert, dass der Schüler auch eine oder zwei vollständige Maschinen entwirft, nur ist die Auswahl so zu treffen, dass sich das meiste an ihnen rechnerisch festlegen lässt, dass solche Maschinen, die an die praktische Erfahrung des Konstrukteurs besonders grosse Ansprüche stellen, davon ausgeschlossen sind.

Einzylinderdampfmaschinen, Kolbenpumpen, Lasthebemaschinen eignen sich hierzu am besten, schon deshalb weil die meisten Einzelteile derselben den Schülern aus dem Unterricht in dej Maschinenelementen bekannt sind. Selbstverständlich müssen alle Details vorher sorgfältig durchkonstruiert werden, wenn die Gesamtanordnung mehr als eine zeichnerische Uebung sein soll.

Ungeeignet für diesen Zweck sind Gasmaschinen, Dampf- und Wasserturbinen, Zentrifugalpumpen u.a.m. Bei diesen spielt die Erfahrung und das lang geübte Konstruktionsgefühl für richtige Abmessungen und Formgebung eine viel zu grosse Rolle als dass der Schüler – und auch in den meisten Fällen der Lehrer – mit Bewusstsein die Aufgabe durchführen könnte.

Der Fachmann wird sich durch solche Arbeiten an einer technischen Mittelschule nicht blenden lassen; er wird sie vielmehr mit sehr skeptischen Augen betrachten. Der Schulfachmann namentlich wird über solche Blender lächeln; ihm ist die gut und bis aufs kleinste genau durchgeführte Werkstattzeichnung eines Dampfzylinders, Kurbelwellenlagers, einer Seiltrommel usw. ein weit höherer Gradmesser für die Leistungsfähigkeit beider, des Schülers und auch des Lehrers, als der grosstuerische Entwurf einer Turbine oder dergl.

Nimmt man nun den hier skizzierten Standpunkt ein, so konnten die ausgestellten Konstruktionszeichnungen des dritten Jahreskursus nur teilweise befriedigen, denn ich kann mir nicht denken, dass z.B. die Zentrifugalpumpe, die Turbine, der Hartung-Regulator u.a.m. selbständige Arbeiten sind. Man muss doch bedenken, dass ein Schüler, der nach dem zweiten Kursus zur Hochschule geht, sich erst nach zwei Studienjahren an solche Sachen wagt, während sein Mitschüler, der auf der Industrieschule bleibt, dies schon nach kaum einem halben Jahre tut.

Zu blossem Abzeichnen ist die Zeit aber zu kostbar.

Dass es sich bei einigen Blättern des dritten Kursus nur um rein zeichnerische Arbeiten, um Bildermalerei handelte, konnte man an zwei Beispielen ohne weiteres nachweisen.

Blatt 12 des dritten Kursus enthielt eine Einzylinderdampfmaschine 160 Zyl.-Durchm. Diese Maschine ist nun einfach aus dem von der Schule herausgegebenen Skizzenbuch für Maschinenkunde, das sich in einem der Glaskästen befand, abgezeichnet und zwar in derselben Blattanordnung und derselben Massanordnung.

Dasselbe gilt von dem Ringschmierlager auf Blatt 5 des zweiten Kursus.

Das ist Zeitverschwendung. Solches rein mechanische Zeichnen, wobei der Schüler auch nicht die geringste geistige Arbeit leistet, hat doch wahrlich keinen Sinn.

Man kann es sich ja denken, wie wenigstens die obige Dampfmaschine entstanden ist. Jedenfalls hatte der betr. Schüler schon mehrere andere Konstruktionen entworfen; die Zeit war knapp geworden, eine Dampfmaschine oder doch Teile davon gehören sozusagen zum guten Ton, also flugs ein hübsches Bild gemalt. Den andern Studienblätter, die aus dem Rahmen der Mittelschule nicht heraustraten, konnte man nicht die Anerkennung vorenthalten, dass sie sauber und sachgemäss durchgeführt waren.

Der Elektrotechnik scheint man an der Nürnberger Industrieschule eine Vorzugsstellung eingeräumt zu haben, was sich schon in der Verteilung der Stundenzahl ausdrückt. Im ganzen 22 Wochenstunden gegen 9 an den preussischen Maschinenbauschulen.

Dies geschieht namentlich auf Kosten der Technologie; ob dies gerade im Hinblick auf die geringe praktische Werkstattätigkeit der Schüler richtig ist, kann man stark in Zweifel ziehen.

(Schluss folgt.)

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